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Krimi 
Ein weiteres Kapitel aus dem Harry-Potter-Universum

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Eddie Redmayne: Spielt den Engländer Newt Scamander.

Joanne K. Rowlings «Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind» ist ein Film für all jene, die mit Harry Potter erwachsen wurden. Allerdings kommt Harry nicht vor. Kann das gut gehen?

Kommentar  
Von Elmar Krekeler
2016-11-16

Wir hatten uns ja eigentlich schon gefragt, was wir im Advent eigentlich machen sollten mit unserm schönen Geld und unsern Kindern. Waren schon fast auf den seltsamen und fast verzweifelten Gedanken gekommen, ob wir dem Dickens’schen «Weihnachtsmärchen» – Sie wissen schon, dieses Ding mit Scrooge und den Geistern der vorigen Weihnachten – im Theater wieder eine Chance geben sollten.

Nachdem sämtlich Kino-Konstanten für die Zeit vor dem Krippenspiel weggebrochen, ausgelaufen, gestorben waren, Pause machten. Romantische Komödien – ein totes Genre. «Narnia» – erinnert sich noch jemand? «Tribute von Panem» – auserzählt. «Harry Potter», die Hobbitse – Geschichte.

Unsere finstere Gegenwart in Zaubererhand

Joanne K. Rowling hat uns jetzt erlöst. Weil sie – zum Glück für unsere zukünftigen Weihnachten, die Merchandising-Abteilung ihrer Filmgesellschaft und die Spielzeugabteilungen der Muggel – nicht lassen kann von der Welt, die sie erfunden hat. Von all den Zaubersprüchen, Zauberstäben, Hexen und magischen Tieren und all dem, was sich mit dem ganzen Spuk über unsere finstere Gegenwart erzählen lässt.

Eigentlich hatte sie – nachdem sie etliche Harry-Potter-Apokryphen veröffentlicht hatte und gerade ein Theaterstück als Sequel ihres Siebenteilers – nur für einen Film das Drehbuch schreiben wollen. Sozusagen die Dramatisierung eines Lexikons, das im ersten der Potter-Romane auf dem Lehrplan der Hogwarts-Novizen stand. «Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind» hiess das.

61seitiges Biester-Buch

Ein ziemlich begabter, verschrobener Zauberer namens Newt Scamander hatte es geschrieben, man muss ihn sich als Kreuzung aus der jugendlichen Version des Hogwarts-Schulleiters Albus Dumbledore, Tiervater Brehm, Darwin und David Attenborough vorstellen. Für einen guten Zweck hat Rowling Scamanders 61seitiges Biester-Buch dann 2001, also im Jahr nach «Harry Potter und der Feuerkelch», dem Band 4 der Heptalogie, tatsächlich geschrieben.

Jetzt hat sie eine Geschichte um die Tiere und das Lexikon herum gestrickt. Und für 225 Millionen Dollar verfilmen lassen. Von David Yates, der mit – sagen wirs vorsichtig – wechselndem Erfolg aus dem Gehackten von vier Potter-Romanen halbwegs funktionierende Filme gemacht hat.

In Marketenderschreien ist keiner besser

Es muss ihr in der Zeit, in den fünf Jahren, in denen sie sich literarisch von Harry, Ron und Hermine erholte und angeblich alles gut war und sie vor allem Krimis unter falschem Namen schrieb, gefehlt haben (so wie es uns eigentlich gerade nicht gefehlt hat): Dieses Marketenderschreien in eigener Sache, diese Arbeit an der medialen Geschichte über der eigentlichen Geschichte.

Sie scheint sich gut erholt zu haben. Denn jetzt, nach dem Kräfte zehrenden Antwittern gegen den Brexit, ist sie wieder voll da. Ein Detail nach dem andern aus der «Tierwesen»-Geschichte wurde ruchbar.

Dass Harry gar keine Rolle spielt, dass es nicht bei einem Film bleiben solle, dass es drei, nein, doch lieber fünf Abenteuer um Newt Scamander werden würden, alle zwei Jahre, erst in New York, dann in Paris, dann... mal sehen.

Dass sie erst 1926, dann 1928, zwischendurch garantiert in Berlin spielen würden. Am Ende könnte es vielleicht zum legendären Duell anno 1945 kommen zwischen Dumbledore und seinem dunklen Kumpel Gellert Grindelwald, jenem genialen Magier-Fascho, hinter dem beinahe alle Muggelwelt eine Hitler-Paraphrase der nicht unbegabten Faschismus-Verballhornerin Rowlings vermutet und den jetzt Johnny Depp spielt.

Dass Dumbledore wohl sein Outing als Schwuler erleben wird, soll nicht unerwähnt bleiben. Ist aber im geradezu manischen Dauergeblitze aus Joanne Rowlings Geschichtenmaschine auch fast schon wurscht.

Eigentlich wollten wir das nicht mehr

Um es kurz zu machen: Man hatte eigentlich trotz der Aussicht auf gesicherte Vorweihnachtsunterhaltung für die kommenden zehn Jahre von dem ganzen Gezaubere, das jetzt wieder losgehen sollte, die Nase ungefähr so voll, wie der Bergtroll in «Harry Potter und der Stein der Weisen» von Harrys Zauberstab.

Und dann das. Man ist gleich gefangen. Wir sind in New York. Es ist dunkel da. Es ist Prohibition. Nicht lange her, da war Weihnachten (dieses Anspielung hätte man sich nun auch sparen können). Es ist etwas ins Rutschen gekommen zwischen den Muggeln, den Nichtmagiern, die in den Vereinigten Staaten No-Majs heissen, und dem örtlichen Zaubereiministerium.

Das Land in Aufruhr

Das Land befindet sich in Aufruhr wie nach dem 11. September. Eine radikale Zaubererhassgruppe agitiert und fordert Hexenjagden wie damals in Salem. Eine dunkle Zaubermacht sprengt Häuser, reisst Strassen auf. Was dem Frieden zwischen den Kulturen nicht sehr hilft.

Da kommt ein Mann von England her am Pier an. Er hat einen Koffer dabei, in dem es komisch krabbelt. Der Mann heisst Newt Scamander. Der Koffer ist leider nicht ganz dicht und der Magizoologe ein wenig verhuscht. Jedenfalls entwischen ihm ein paar Biester.

Unter anderem ein sehr lustiges, kleptomanisches Schnabeltier, das sich zum Schrecken der New Yorker Juweliere entwickelt. Ein ziemliches Desaster ist vor allem, dass Scamander seinen Koffer mit dem eines braven Donut-Bäckers verwechselt, der sich in seiner kargen Bude wundert, warum ihn abends aus dem Koffer nicht Fettgebackenes angrinst, sondern ein komisches Gummitier anspringt und in den Hals beisst.

Ein Film für die erste Generation

Vielleicht sollten wir an dieser Stelle schon erwähnen, dass «Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind» kein Kinderfilm ist, vielleicht noch nicht einmal ein Jugendfilm. Es ist ein Film für all jene Zwanzig-, Fünfundzwanzigjährigen, die gleichzeitig mit Harry erwachsen wurden. Und für deren Eltern. Düster, verspielt, ernsthaft, voller Anspielungen, Rückgriffe, ein politischer Film, ein seltsamer Gegenwartsspiegel, ein seltsam aktueller. Steampunk mit Zauberstäben statt mit Maschinen.

Rowling ist Drehbuchnovizin. Sie pflegte schon in den Romanen ihren ganz eigenen Umgang mit Geschichtenfäden, gern liess sie mal einen liegen, griff ihn drei Bänder später wieder auf oder vergass ihn. Über derlei Plotterei muss man sich auch jetzt nicht wundern.

Erzählungen laufen erst allmählich zusammen

Auch nicht darüber zum Beispiel, dass die Geschichte von der Schnitzeljagd des Newt Scamander nach den entwischten Biestern und die Erzählung des gewissermassen politischen Überbaus erst allmählich zusammenlaufen, nachdem sie sich längere Zeit herzlich fremd gegenüberstanden. Fällt auch gar nicht so auf.

Weil Yates und Rowling ihre Bilder und die Geschichte wieder mit Bizarrerien vollstellen, die jetzt noch viel besser aussehen als noch zu Harrys Zeiten (wir Muggel wissen uns halt zu helfen und machen unsere Computer immer leistungsfähiger). Weil der Zauber gleich wieder da ist.

Weil der Magie-Brehm und seine Gefährten – die kaltgestellte Zaubereiministeriumsermittlerin Porpentina «Tina» Goldstein (Katherine Waterston), deren verhuschte, untersexte Schwester Queenie (A Fine Frenzy) und der Bagelbäcker (Dan Fogler) – eine ziemlich bunte Menagerie zu jagen und in den Zauberzoo in Scamanders Koffer unterzubringen haben.

Weil die Tiere ziemlich seltsam, aber leider auch verhältnismässig normal aussehen – am verrücktesten noch der riesige Erumpent, eine ziemlich wabbelige und subkutan leuchtende Angelegenheit, das aus einem flotten Vierer aus Nilpferd, Elefant, Nashorn und Hängebauchschwein entstanden sein muss.

Die dunkle Macht, die Häuser sprengt

Die Biester sind allerdings Killefit gegen das, was eigentlich das Land und die Stadt verdüstert. Die dunkle Macht, die Häuser sprengt. Eine finstere Magie, die sich aus unterdrückter Wut, unterdrücktem Zauber speist, unberechenbar ist, gefährlich. Eine Verschwörung gegen Amerika. Gegen den Frieden zwischen den Kulturen, die Regeln, die beide Welten schützen.

Die Figuren, seltsam genug im Potter-Universum, tragen diesen Film. Sie haben Zeit zum Spielen, zum Sichentwickeln, alles, was sie bei den Potter-Filmen nie hatten. Eddie Redmayne vor allem nutzt das, ein abenteuerlustiger Wissender, ein zauberhafter Tierfreund, ein mutiges Schüchternheitsmonster. Der Rest tut es auch. Dass es auch eine sehr zarte, sehr feine Liebesgeschichte gibt, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Wenn der Regen fällt, wird alles gut

Es sind mehr als nur Schraffuren, es sind selbst bei Minutenauftritten Charaktere. Und im Gegensatz zu den acht Potters für die Leinwand sind die «Phantastischen Tierwesen» auch kein Stationsdrama, keine Best-of-BuchVersammlung zur Befriedigung übergenauer Potter-Fans.

Und dann gibt es noch den grossen Regen. Der regnet ab über New York. Über dem ganze Land. Und alles wird wieder gut. Niemand kann sich erinnern, was passierte. Es ist nichts geschehen.

Es gibt vermutlich einige in den Vereinigten Staaten, die sich verzweifelt wünschten, ein solcher Regen käme. Wenn sie aufwachen. Wenn die vier Trump-Jahre rum sind. Kommt aber nicht. Wir haben zwei Jahre bis Scamanders zweites Abenteuer. Dann wissen wir mehr.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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