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Standpunkte 
Ein türkisches Auto hätte einen Haken

Ein türkisches Auto hätte einen Haken
Recep Erdogan: Wünscht sich ein Auto «made in Turkey».Anadolu Agency/Getty Images

Der türkische Präsident Erdogan wünscht sich eine türkische Automarke. Die Idee ist nicht schlecht, die Pläne gar vollkommen realistisch. Dennoch würde ich mir derzeit kein Auto made in Turkey kaufen.

Kommentar  
Von Henryk M. Broder
2017-11-07

Die Türkei, lese ich gerade, will ein eigenes, im Lande entwickeltes Auto bauen. Das erste Modell soll schon 2021 vom Band laufen. Es wird, nehme ich an, Erdogan heissen. Die folgenden Modelle könnten die Namen seiner Frau, seiner Kinder und seiner Enkel tragen.

Die Idee ist gar nicht so gaga, wie sie sich anhört. Es sind schon Autos in der Türkei gebaut worden, in Zusammenarbeit mit Fiat und mit Ford, vor allem für den inländischen Markt. So wie in Polen der Fiat 125 als Polski Fiat montiert wurde und in der Sowjetunion der Fiat 124 als hausgemachter Lada durch das weite Land rollte.

Es gibt in der Türkei eine weitgefächerte Zubehörindustrie, die grosse Automobilkonzerne beliefert. Egal, ob Sie einen VW, einen Opel oder einen Renault fahren, es könnte sein, dass Sie in einem in der Türkei produzierten Sitz sitzen oder einer in der Türkei hergestellten Klimaanlage vertrauen. Was den Türken fehlt, ist gutes Design, aber auch das kann man inzwischen kaufen, Turin liegt um die Ecke, und auch nach Ingolstadt ist es nicht weit.

Ein türkisches Auto ist eine gute Idee

Insofern sind Erdogans Pläne vollkommen realistisch. Im Norden von Istanbul wird ein neuer Megaflughafen gebaut, der grösste Europas, Ende 2018 sollen drei Start- und Landebahnen betriebsbereit sein, 2024 fünf und 2028 sechs. Das Luftverkehrskreuz wird mit dem Passagieraufkommen wachsen. Dagegen ist der Bau einer Automobilfabrik eine Hausaufgabe für Studenten der Ingenieurswissenschaften. Ankara ist eben nicht Berlin.

Erdogan weiss, dass Autos die Visitenkarten eines Landes sind, VW und Mercedes für Deutschland, Citroën und Peugeot für Frankreich, Skoda für Tschechien, Volvo für Schweden. Ein Land, das gute Autos bauen kann, verdient Vertrauen.

Mit dem Untergang der britischen Automobilindustrie ist auch der Ruf Englands als Industrienation untergegangen. Der Mini ist ein verkleinerter BMW und der Bentley ein aufgemotzter Volkswagen. Borgward dagegen, 1961 in Konkurs gegangen und 2015 wiederbelebt, bleibt eine deutsche Marke, egal woher das Kapital und die Teile kommen.

Gute Chancen 

Erdogan mag politisch ein Rad abhaben, oder gar mehrere, mit seiner Idee, ein «türkisches Auto» zu bauen liegt er richtig. Deswegen droht er nur damit, die Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei zur EU abzubrechen, wird es aber nicht tun.

Ein preiswertes, aber ordentliches türkisches Auto hätte auf dem deutschen Markt ebenso gute Chancen wie der anfangs belächelte Dacia aus Rumänien, der inzwischen zum Statussymbol für alle geworden ist, die kein Statussymbol nötig haben.

Bleibt nur ein Problem. Es könnte ein paar potenzielle Käufer geben, die sich nur deswegen kein in der Türkei hergestelltes Auto kaufen würden, weil die Regierung dieses Landes so unfreundlich mit Dissidenten umgeht. Um in der Türkei zu einem Staatsfeind und Terroristen gestempelt zu werden, reicht es, eine andere Meinung zu haben und zu äussern als die der Regierung.

Ein Auto ist ein Symbol des Fortschritts und der Freiheit. Also, liebe Türken, so lange Deniz Yücel in Haft sitzt, werde ich mir kein Auto made in Turkey kaufen. Ich habe die Wahl. Sie auch.

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