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Führungsexperimente 
Drei Erkenntnisse über die Selbstorganisation

Drei Erkenntnisse über die Selbstorganisation
Selbstorganisation: Erfordert deutlich mehr Disziplin von allen Beteiligten. Pixabay

Mittels Selbstorganisation sollen Unternehmen agiler werden. Doch diese Organisationsform erfordert Disziplin. Sie ist anstrengend und auch nicht immer die beste Lösung. Aber sie wird immer wichtiger.

Kommentar  
Von Hermann Arnold
2016-12-19

Unternehmen sollen agiler werden. Zuerst reist die Geschäftsleitung als Gruppentherapie ins Silicon Valley. Dann verordnet sie Selbstorganisation. Anschliessend bricht Chaos aus.

Klassische Organisationsformen genügen den Anforderungen nicht mehr. Der digital entfesselte Wettbewerb wälzt Branche nach Branche um. Verwöhnte Kunden erwarten weltbeste Leistung in Echtzeit ohne dafür bezahlen zu müssen. Die neue Spezies von Mitarbeitern mit dem Ypsilon Gen fordert stressfreien Gestaltungsspielraum bei Spitzengehältern in flexibler Teilzeit. Die Lösung auf all diese Probleme? Selbstorganisation.

Bei Haufe-umantis experimentieren wir viel mit Selbstorganisation. Gerne teilen wir die wichtigsten, schmerzhaft gewonnenen Erkenntnisse.

Version 1: Dann macht es halt selbst. Ihr werdet schon sehen.

Erste Versuche der Selbstorganisation entstehen im Frust. Als Chefs haben wir eh nichts mehr zu melden. Jeder weiss es besser. Die Tiger ziehen schon lange im Käfig ihre Kreise und brüllen «Lasst uns hier raus!» Aber oh Wunder: Kaum öffnen wir die Türe, kreisen die Tiger weiterhin im sperrangelweit offenen Käfig und brüllen «Wer füttert uns jetzt?» Es braucht uns Chefs also doch. Zum Glück!

Halten wir das Offensichtliche fest: Es reicht nicht, einfach Bestehendes abzuschaffen und darauf zu hoffen, dass dann plötzlich alles «von selbst» besser wird. Wer übernimmt die Aufgaben der klassischen Organisation? Plötzlich lavieren alle herum. Nichts geht mehr voran. Der Versuch, mehr Agilität und Kundenorientierung herbeizuführen, endet in noch mehr unproduktiver Beschäftigung mit sich selbst.

Version 2: Organisiert euch selbst. Aber bitte so, wie ich es will.

Selbstorganisation ist schon toll. Wir lassen euch machen und ihr müsst endlich Verantwortung übernehmen. Verantwortung übernehmen heisst, dass die Ergebnisse unseren Erwartungen entsprechen. Wenn aus unserer Sicht jedoch unternehmerische Brexit‘s oder Trump‘s rauskommen, dann ist das nicht gut. Dann müssen wir halt doch korrigierend eingreifen. Weil … das geht ja nicht so.

Auch hier das Offensichtliche: Wenn wir nicht bereit sind, dass Selbstorganisation zu anderen Ergebnissen führt als wir es erwarten, dann sollten wir keine Selbstorganisation ausrufen. Sonst verkommt sie zur Farce. Wenn wir uns aber darauf einlassen, dann lernt immer jemand – entweder wir oder das selbstorganisierte Team. Deshalb sind viele kleine Schritte zu Beginn sehr wichtig.

Version 3: Löst die unangenehmen Dinge selbst. Ich mache den Rest.

Willkürliche Selbstorganisation ist, wenn Vorgesetzte nur die unangenehmen Aufgaben delegieren. Im Kleinen sieht man dies am besten: Wer schreibt das Protokoll? Wer macht Wochenend-Dienst? Wer übernimmt die Aufgabe? Betretenes Schweigen. Alle starren peinlich berührt vor sich oder an die Decke. Vorgesetzte glauben sich modern, weil sie eine Entscheidung in die Selbstorganisation delegiert haben. Die für sie angenehmen Entscheidungen treffen sie aber weiterhin selbst.

Das nicht ganz so Offensichtliche: Selbstorganisation wird zur Tortur, wenn Vorgesetzte Unangenehmes delegieren und sich die Rosinen aufsparen. In dieser Art von Selbstorganisation macht auf Dauer niemand mit.

Selbstorganisation muss organisiert sein

Die Lösung findet sich bereits im Wort. Selbstorganisation ist eine Organisationsform. Der Strassenverkehr ist ein gutes Beispiel der Selbstorganisation. Es gibt kein Chef-Auto. Aber es gibt klare Regeln: Auf der rechten Strassenseite fahren. Rechts vor links. Und viele andere. Ohne diese Regeln wäre der Verkehr nicht flüssig. Es gäbe viele Unfälle. Zahlreiche Menschen würden sich gar nicht getrauen, am Verkehrsgeschehen teilzunehmen.

Damit Verkehr funktioniert braucht es auch eine entsprechende Infrastruktur: Strassen, Ampeln, Kreisverkehr, Zebrastreifen und anderes. Und schliesslich haben wir Fahrschulen, in denen wir die Regeln lernen und das Fahren üben. Damit erhalten wir die Kompetenz im Sinne von Können und auch Dürfen. Sobald wir den Führerausweis haben, können und dürfen wir fahren. Und selbst bei Unfällen wird uns nicht sofort der Führerausweis entzogen. Dies geschieht nur bei grober Fahrlässigkeit.

Selbstorganisation erfordert Disziplin

Es ist einfacher in einer klassischen Organisationsform zu arbeiten als in der Selbstorganisation. Selbstorganisation erfordert deutlich mehr Disziplin von allen Beteiligten. Zuerst in der Gestaltung, Entwicklung und Anwendung von Regeln, Infrastruktur und Kompetenzen. Und dann bei denjenigen, die sich selbst organisieren. Und nicht zuletzt bei denjenigen, die Selbstorganisation in voller Konsequenz einfordern und zulassen. Selbstorganisation ist anstrengend und auch nicht immer die beste Organisationsform. Aber sie wird immer wichtiger. Deshalb müssen wir damit experimentieren.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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