War da was? Der Brexit, der an den Börsen schwere Kurseinbrüche ausgelöst hatte, ist jedenfalls längst ­wieder ausgebügelt. Ja, das Blue-Chip-Barometer SMI hat seither über acht Prozent gewonnen. Wer nach der Abstimmung in Panik Aktien verkauft hat, ist der Gelackmeierte. Viel zur guten Stimmung beige­tragen haben auch einige Halbjahresabschlüsse, die zum Teil überraschend gut ausgefallen sind. Vor allem die SMI-Schwergewichte Roche und Novartis lieferten klar bessere Zahlen, als dies die Analysten erwartet hatten.

Dennoch hat der Brexit in einzelnen Marktsegmenten Spuren hinterlassen. Die Aktien von konjunktursensitiven Unternehmen werden vernachlässigt. Regelrecht gerupft wurden die Bankenwerte. Der Brexit, in erster Linie jedoch die sich abzeichnende Neuauflage einer Bankenkrise – italienische Geldhäuser, aber auch Institute aus Spanien, Frankreich und Deutschland sitzen auf Bergen ­fauler Kredite – verunsichern die Investoren. Die UBS warnt vor ­europäischen Bankaktien. Was nichts daran ändert, dass ich auch die UBS-Titel links liegen lasse – wie die Aktien der Credit Suisse.

Gesucht sind dafür Aktien defensiver Firmen, und da ist Qualität Trumpf. Bei solchen Papieren sind die Anleger bereit, Höchstpreise zu bezahlen. Wer sich zu den aktuell hohen Kursen engagiert, der sollte einige Jahre an Geduld aufbringen. Doch es gibt Qualitätsaktien, die mir selbst auf mittelfristige Sicht einfach zu teuer sind. Dazu gehören Lindt & Sprüngli (geschätztes Kurs-Gewinn-Verhältnis 2016 von 39,2), Ems-Chemie (31,2), Emmi (27,1) oder Straumann (32,5).

Solider Wert

Zu den teuren Schweizer Blue Chips gehören auch Givaudan; die Titel werden mit einem für dieses Jahr geschätzten KGV von 26 bewertet. Dennoch zähle ich die Valoren des weltgrössten Produzenten von Aroma- und Duftstoffen zu den attraktivsten Aktien, die am Schweizer Markt zu haben sind. Seit Jahren gelingen dem in der Genfer Vorortgemeinde Vernier ­beheimateten Unternehmen deutliche Ertragsfortschritte bei eher magerem Umsatzwachstum. So meldete Konzernchef Gilles Andrier (55) für das erste Semester ­dieses Jahres Zuwächse von 17 Prozent beim Ebit und acht Prozent beim Gewinn.

Das Management hat jüngst die Ziele bis 2020 bekräftigt: organisches Umsatzwachstum von jährlich vier bis fünf Prozent sowie eine Rendite beim Free Cashflow von 12 bis 17 Prozent. Schon heute prä­sentiert sich Givaudan in einer ertragsstarken Form; seit 2010 ist die Ebit-Marge von 13,1 auf 21,4 Prozent geklettert. Die kräftigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung – über acht Prozent vom Verkaufserlös – verheissen zusätzlich eine renditereiche Zukunft.

Seit meiner letzten Empfehlung im Februar des laufenden Jahres haben die Titel zeitweise bis zu 20 Prozent ­zugelegt, sie markierten jüngst ein historisches Höchst. Der Konzern ist operativ gut unterwegs, konjunkturelle Bremsspuren wirken sich nur mässig aus. Zwar sind ­Givaudan keine Kurzfrist-­Performance-Heuler, dafür grundsolide Aktien mit Kurspotenzial. Dazu gesellen sich defensive Eigenschaften, gerade heute ein wichtiger Punkt.

Konjunktursensitiv

Heftig unter dem Brexit gelitten haben Adecco. Die Aktien des Personalvermittlers verloren nach der Abstimmung ein Fünftel an Wert – innert zweier Tage. Doch übertriebene Ängste sind beim weltgrössten Vermittler von temporären Arbeitskräften fehl am Platz; auf Grossbritannien und Irland entfallen gerade mal zehn Prozent der Konzernaktivitäten. Allerdings stehen die Papiere bereits seit einem Jahr unter Druck; die Investoren befürchten eine Abschwächung der Konjunktur, was Adecco sofort zu spüren bekäme.

Doch vorderhand ist alles im grünen Bereich; im ersten Quartal 2016 wurde ein organisches Umsatzwachstum von vier Prozent registriert, das Ebitda dagegen ging leicht zurück. Der Belgier Alain Dehaze (52), der seit knapp einem Jahr das Unternehmen leitet, zeigt sich jedenfalls mit dem Resultat zufrieden. Der Schönheitsfehler: Adecco hinkt beim Wachstum den Konkurrenten Randstad und Manpower weiterhin hinterher.

Adecco gehören zu den zyklischen Aktien. Kommt die Wirtschaft ins Stottern, bauen die Unternehmen zuerst Temporärstellen ab, was subito auf den Geschäftsgang der Personalvermittler durchschlägt. Doch zum einen glaube ich nicht an einen schweren Einbruch der Wirtschaft oder sogar an eine Rezession. Zum anderen sind die Konjunkturängste bereits grösstenteils im Aktienkurs von Adecco eingepreist.

Die Zürcher Kantonalbank schätzt das KGV für 2016 auf attraktive 11,3; dieses liegt damit um 20 Prozent unter dem historischen Fünf-Jahres-Durchschnitt. Zieht die Konjunktur an, reagieren die Aktien des Zeitarbeitsvermittlers mit deutlichen Kursgewinnen.

Teure Saat

Kaum hatte es sich der Ex-Finanz- und Strategiechef Werner Baumann (53) Anfang Mai auf dem Stuhl des Vorstandsvorsitzenden von Bayer bequem gemacht, holte er zum grössten Schlag in der 153-jährigen Firmengeschichte aus: Für 64 Milliarden Dollar wollen sich die Leverkusener den US-Saatgutkonzern Monsanto ein­verleiben. Nicht wenige Finanzanalysten schüttelten ob der – von Monsanto als ungenügend zurückgewiesenen – Offerte den Kopf. Auch die Aktionäre halten nichts von der geplanten Akquisition; sie schickten die Bayer-Titel auf Talfahrt. Nun verlangen Grossaktionäre eine ausserordentliche Hauptversammlung.

Mir erschliesst sich der Sinn einer Fusion nicht. Zwar wäre Bayer bei Pflanzenschutzmitteln und Saatgut neuer Weltmarktleader. Zugleich würde die Bedeutung der gewinnstarken Bereiche pharmazeutische Produkte und Consumer Health Care marginalisiert, und genau die sorgten bislang für Kursfantasie. Bedenklich auch die Probleme, die sich Bayer mit dem Kauf ins Haus holt. Das Monsanto-Paradeprodukt Glyphosat ist laut einer WHO-Studie weitaus gefährlicher als vom Hersteller verkündet. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Unkrautvertilger zumindest in Europa verboten wird.

Mir hat Bayer schon immer gefallen. Vorläufig jedoch fasse ich die Aktien nicht mehr an. Erst wenn sich der Deal zerschlägt, ist eine Neubeurteilung fällig.

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