Am Ende ging es schnell. Martin Winterkorn ist am Mittwoch – klugerweise – vom Amt des Konzern-CEOs zurückgetreten. Er übernimmt gerade noch rechtzeitig die Verantwortung für einen Betrugsskandal, der nicht nur VW hart getroffen hat, sondern Konzerntöchter wie Porsche und Audi, aber auch den Rest der deutschen Automobilindustrie.

Wie unerlässlich die Autobauer für das Glänzen der deutschen Volkswirtschaft sind, konnte in diesen Tagen beobachtet werden: Der Dax taumelte, Fragen nach der Zukunft des Landes wurden laut, die Konjunkturpropheten hatten Panikattacken.

Idyllischer Kapitalismus

Es waren ein Ex-IG-Metall-Chef und ein sozialdemokratischer Ministerpräsident, die dem Zurückgetretenen mit Fingerspitzengefühl und grossem Respekt begegneten. Und jener antiklassenkämpferische «Deutschland AG»-Sound und -Teamgeist macht das Besondere dieses Weltkonzerns mit Staatsbeteiligung aus, in dem die Grenzen zwischen politischer Exekutive, Sozialpartnern und Spitzenmanagement oft in einem kollegialen Miteinander verdampften.

Das hat den egalitären Geist des Landes perfekt gespiegelt und das Idyllepotenzial des rheinischen Kapitalismus ausgereizt, aber es hat auch ein zwingend notwendiges Wechselspiel von «checks and balances» verhindert. Es war Wolfgang Porsche als einer der Hauptaktionäre, der «seinen» Laden darauf einstellte, dass die Aufklärung allen eine hohe Konsequenz und einen langen Atem abverlangen wird.

Obama sorgt sich um eigene Abgasschleudern

Sie wird unangenehme Wahrheiten über das Versagen des Managements und der Aufsichtsgremien, möglicherweise auch der Politik hervorbringen. Aber es war nicht zuletzt ein Fehlerhasser wie der Naturwissenschaftler Winterkorn, der wusste, dass am Anfang von Innovation oft Missglücktes und gescheiterte Experimente stehen.

Der zum Teil hysterische Ton, mit dem VWs Betrügerei kritisiert wurde, neigt zur Tugendprahlerei. Natürlich sind die US-Abgaswerte ernst zu nehmen, aber wer weiss, dass die top drei der bestverkauften Autos in den USA Sprit vernichtende Pick-ups sind, könnte ahnen, dass jedes Land mit Autoindustrie seine eigenen Produzenten hegt und pflegt. Auch ein grüner Präsident wie Obama hält seine schützende Hand über die Blechberge von Ford, Chevrolet und Ram.

Martin Winterkorn war ein grossartiger Autobauer, der es sich selbst nicht verzeihen wird, dass er seinen geliebten Konzern zum Abgang derart lädiert zurücklässt. Niemand wird das mehr schmerzen als ihn, den pflichtbewussten Schwaben. Ob er als einer der grossen Wirtschaftslenker des Landes in die Geschichtsbücher eingehen darf, kann erst am Ende der Aufklärung entschieden werden.

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