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Gesellschaft 
Die Revolution gegen die Leistungsträger

Die Revolution gegen die Leistungsträger
Donald Trump folgen vor allem jene, die in der Leistungsgesellschaft nicht mithalten können. Keystone

Wer in einer Leistungsgesellschaft nicht mithalten kann, wendet sich irgendwann gegen die Elite. Dabei bleibt ihnen eine Waffe: die Demokratie. Donald Trump ist der Anführer ihrer Revolution.

Kommentar  
Von Alan Posener
2016-07-25

Soll niemand sagen, er sei nicht gewarnt worden. Den heutigen Aufstand gegen die Eliten hat der britische Soziologe Michael Dunlop Young vor etwas mehr als 50 Jahren vorhergesagt – freilich erst für das Jahr 2034. Young nannte seinen Roman «The Rise of the Meritocracy» – der Aufstieg der Meritokratie.

Seiner Meinung nach würde die Zuteilung von Lebenschancen einzig auf der Grundlage von «merit» – also Intelligenz und Kompetenz – zur Herrschaft einer selbstgerechten Elite führen, die gerade deshalb unerträglich wäre, weil sie mit gutem Gewissen ausgeübt würde.

Die neue Klasse wäre – anders als in früheren Herrschaftsformen – nachweislich intelligenter und leistungsfähiger als die Unterschichten. Den Abgehängten aber bliebe eine Waffe gegen die Leistungsträger: die Demokratie.

Unsere meritokratische Gesellschaft, so Young, ist die erste, die dank allgemeiner Schulpflicht – und erst recht mit Gemeinschafts- und Gesamtschulen – jedem Einzelnen vor Augen führt, wo er in der Hierarchie des Könnens und Leistens steht. Wer trotz «Kuschelpädagogik» und Förderprogrammen das Klassenziel verfehlt, bekommt als Kind und Jugendlicher tagtäglich bescheinigt, dass sein Platz unten ist.

Du bist selbst schuld, wenn du es nicht schaffst

Nicht, weil er kein Aristokrat ist oder Bourgeois; nicht, weil sein Dialekt oder sein Geschlecht, seine Religion oder Rasse gegen ihn sprechen. Sondern weil ihm die Intelligenz oder der Leistungswille fehlen, die, so suggerieren es Hollywood, die Politik und die Lehrer, die Schlüssel seien, die ihm die Welt seiner Träume aufschliessen, und die ja anderen Menschen diese Welt tatsächlich aufschliessen. Jede Aufstiegsgeschichte zeigt ihm: Du bist ja selber schuld, dass du unten bist.

Diese deprimierende Erkenntnis trifft besonders jene, die keine Ausrede für ihr Versagen vorweisen können, die keine Zugewanderten, keine Schwarzen, keine Behinderten, keine Frauen sind. Solche Gruppen können eine Geschichte der Benachteiligung vorweisen und einen Anspruch auf Förderung – «affirmative action» – anmelden.

Die Vorhut der Revolution

Weisse Männer aus der Unterschicht, die immer seltener aus ihrem Klassenbewusstsein, ihrer Zugehörigkeit zu Gewerkschaft oder Partei, der Solidarität der Arbeiterquartiere ihr Selbstbewusstsein, ihr Selbstgefühl ziehen können: Sie sind die Vorhut der Revolution gegen die Leistungsträger. Sie wählen Donald Trump.

Sie haben für den Brexit gestimmt. Sie marschieren gegen Zuwanderung. Nicht, weil die Eliten versagt hätten; sondern weil die Elite das Versagen der Masse zum Programm erhoben hat. Wie sonst könnte sie ihr Elitendasein rechtfertigen?

Aus der Meritokratie wird eine neue Aristokratie

Es entbehrt nicht der Ironie, dass ein Mann wie Thilo Sarrazin zum Helden der Anti-Meritokraten avancierten konnte. Denn Sarrazin ist im Gegenteil Ideologe der Leistungsträger. «Deutschland schafft sich ab», weil die Akademikerinnen und Managerfrauen zu wenige Kinder bekommen, so dass sich der Genpool der Intelligenten dann nicht durchsetzen könne gegen die Gene der Faulen, der Dummen und der «kleinen Kopftuchmädchen» aus Anatolien.

Tatsächlich ist es so, dass Akademiker heute viel eher Akademikerinnen heiraten, Manager Managerinnen, kurzum Erfolgreiche Erfolgreiche. Sie lernen sich beim Studium oder der Arbeit kennen, schicken ihre Kinder auf private Kitas und Schulen und entziehen sie so auch den staatlichen Erziehungsanstalten, die einige wenige für die neue Klasse rekrutieren und der Mehrheit bescheinigen, für sie reiche es leider nicht. So wird aus der Meritokratie eine neue Aristokratie, gerechtfertigt nicht durch Abstammung, sondern durch IQ.

Während die Leistungsträger international denken und handeln, Freihandel und Bewegungsfreiheit befürworten, Zuwanderung als Chance – auch für die Rekrutierung in die neue Klasse – begreifen und den technischen Fortschritt begrüssen, weil er ihre spezifischen Fähigkeiten noch wertvoller macht, wollen die Abgehängten zurück zu Hierarchien: wir gegen sie.

«Werte» gegen Intelligenz

«Americanism, not Globalism», wie Donald Trump verkündete. Einheimische gegen «Raum- und Kulturfremde», wie Alexander Gauland die Familie Boateng nannte. Abendländer gegen Muslime. Echte Männer gegen Schwule. «Gutmenschen» und emanzipierte Frauen. Familien gegen Singles. «Werte» gegen Intelligenz.

Gefühl gegen «Experten», die der Brexit-Befürworter Boris Johnson regelmässig angriff, ehrliche Arbeit gegen «grosse Handelsbanken», die der Ukip-Chef Nigel Farage als eifrigste Verfechter des britischen Verbleibs in der EU brandmarkte.

Im Kampf gegen «McWorld», die einheitliche Welt der Business Lounges und Luxushotels, Bürohochhäuser und Villenviertel, in der sich die Meritokraten wohlfühlen, entstehen in den muslimischen Gesellschaften Dschihadisten, in den westlichen Gesellschaften Populisten.

Sie flüchten sich in Hassbilder und Verschwörungstheorien

Ist die schiere Existenz der westlichen Welt oder eines Staates wie Israel für Teile der islamischen Welt eine Beleidigung, so ist für Teile der westlichen Welt die Existenz der Meritokratie eine Zumutung.

Beide, Islamisten wie Populisten, flüchten sich in Vorstellungen einer besseren Vergangenheit, in Fantasien eigener Überlegenheit, in Hassbilder und Verschwörungstheorien, um vor sich selbst die Erkenntnis zu verbergen, dass sie in einer Welt der Leistungsträger nicht bestehen können.

Die Abgehängten sind in der Mehrheit

Freilich kann keine Gesellschaft auf Dauer bestehen, die der Mehrheit oder auch nur einer grossen Minderheit ihrer Bürger das Gefühl vermittelt, nicht dazuzugehören. Noch vor wenigen Jahren gehörte es zum Mantra europäischer Apologeten der Meritokratie, auf Amerika zu zeigen, wo man angeblich die Ungleichheit nicht nur akzeptiere, sondern begrüsse.

Und nun gibt es Donald Trump, der einen Kreuzzug für «die vergessenen Männer und Frauen Amerikas» führt. Noch vor wenigen Jahren benutzte Tony Blair das Wort «Meritokratie», um seine Vision eines neuen Grossbritannien – und Europa – zu kennzeichnen. Nun verspricht Theresa May «ein Grossbritannien, das für alle funktioniert», nicht nur für die Reichen und Schönen, Klugen und Tüchtigen.

Und während EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker meinte, es sei ihm «schnurzegal», wer das Freihandelsabkommen mit Kanada unterschreibt, Hauptsache, es tritt in Kraft, hat immerhin Angela Merkel die Zeichen der Zeit erkannt und eine Mitsprache der nationalen Parlamente eingefordert.

Denn die Abgehängten haben nichts auf ihrer Seite ausser der Tatsache, dass sie die Mehrheit sind. In ihren Händen kann die Demokratie zu einer gefährlichen Waffe werden. Sie haben Grossbritannien aus der EU katapultiert. Sie haben in vielen Ländern Europas den politischen Prozess lahmgelegt. Die Meritokratie funktioniert nicht mehr.

Wir müssen die Grundlage der Demokratie überdenken

Dabei wissen wir nicht, was sie ersetzen könnte. Niemand glaubt ernsthaft, zu den staatlich regulierten Nationalstaaten der 1970er-Jahre zurückkehren zu können, wo jedem Arbeiter ein Job garantiert wurde, mit dem er seine Familie ernähren konnte. So funktioniert die Arbeitswelt nicht mehr, in der Roboter den Fliessbandarbeiter und Computer die Sekretärin ersetzen.

So funktioniert eine Welt nicht mehr, in der China und Indien die Vorherrschaft des Westens in Frage stellen: Länder, in denen eine rücksichtslose Auslese die Entstehung einer Meritokratie fördert, die schon viele Topmanagerposten im Westen besetzt hat. Es ist vielleicht kein Zufall, dass China keine Demokratie ist und dass in Indien das Kastensystem herrscht.

Wenn sich unsere wichtigste Errungenschaft, die Demokratie, nicht gegen uns kehren soll, müssen wir die Grundlage dieser Demokratie überdenken. Und diese Grundlage ist die Schule. Es ist Zeit, die Kriterien für den Schulerfolg zu überdenken. Nicht nur Mathe und Deutsch sind wichtig, auch nicht allein Computerfähigkeiten und IQ.

Wissen bleibt Macht

Musik und Kunst, Kochen und Werken, Fussball und Boxen, soziale Arbeit und Gartenarbeit müssen genauso wichtig werden wie die akademischen Fächer.

Schulversagen muss ein Ding der Vergangenheit werden. Gleichzeitig muss viel mehr getan werden, um die intellektuellen Fähigkeiten im frühkindlichen Alter, in Kita und Schule zu fördern; denn natürlich ist Wissen Macht.

Dass überdies die neue Aristokratie kritisch betrachtet werden muss, kommt hinzu. Sozialneid ist etwas Schreckliches, aber ererbte Privilegien sind noch schlimmer. Dass irgendwo am Anfang dieser Privilegien Leistung stand, ist eine Sache; dass es himmelschreiende Ungleichheiten gibt, die mit Leistung nichts zu tun haben, eine andere.

Leistung muss sich wieder lohnen; und unser Begriff dessen, was Leistung ist, muss sich ändern. Nur wenn sich die Meritokratie ändert, kann die Leistungsgesellschaft gerettet werden. Bis 2034 haben wir Zeit.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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