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Die Macht der Steinhaufen

Die Macht der Steinhaufen
Turm von Roche: Unsere architektonische Kultstätte der Gegenwart. Keystone

Es ist leicht zu erkennen, wer in einer Gesellschaft das Sagen hat. Es ist derjenige, der am meisten Steine aufschichtet.

Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2016-04-26

In Westafrika haben Biologen ein Verhalten von Schimpansen entdeckt, das bisher unbekannt war. Sie beobachteten die Affen dabei, wie sie am Fusse von Bäumen seltsame Steinhaufen aufschichteten.

Die Schimpansen hoben Steine vom Boden auf, zum Teil sehr schwere Brocken, trugen sie durchs ­Gelände und schmissen sie am Fuss der Bäume nieder. Dazu stiessen sie schrille, laute Rufe aus. Mit der Zeit entstand ein respektabler Steinhaufen.

Nahe Verwandtschaft

Ganz geklärt ist das Verhalten bis heute nicht. ­Sicher ist nur, dass es nichts mit Nahrungssuche oder Fortpflanzung zu tun hat. Diese zwei Faktoren erklären sonst 90 Prozent des tierischen Verhaltens. Vermutlich bauen die Schimpansen irgendwelche Kultstätten. Sie bauen Tempel. Es wäre ein weiteres Indiz dafür, dass die Affenkollegen der menschlichen Spezies noch näher sind, als man lange dachte.

Kultstätten sind in der Anthropologie stets der Beleg für eine höher entwickelte Zivilisation. Ihre Erbauer geben sich nicht mehr mit der Jagd nach Food und Sex zufrieden, sondern entwickeln weitergehende kulturelle Ambitionen. Sie schichten Steine auf und bekunden damit, dass für sie neben dem niederen Daily Business auch höhere Werte zählen. Die Megalithen in Stonehenge, die Pyramiden in Ägypten und die Stufentempel in Guatemala sind Beispiele dafür.

Von Kirchen über Regierungshäusern...

Der Bau von Kultstätten ist aber immer auch ein Spiegel der Soziologie. Die Tempel bauen jene, die in der Gesellschaft jeweils am Drücker sind. Steinhaufen sind das Zeichen gesellschaftlicher Dominanz.

Im Mittelalter war das die katholische Kirche. Die grössten Steinhaufen der Welt waren Gotteshäuser wie Notre-Dame in Paris, der Kölner Dom, die Peterskirche in Rom und der Stephansdom in Wien. Niemand sonst hatte die finanziellen Mittel, um solche Grossbauten hochzuziehen.

Dann schwand der Einfluss der Kirche, und die ­Politik übernahm die Macht. Nun entstanden gigantische Gebäude wie das Pentagon in Washington, der Reichstag in Budapest und der Palace of Westminster in London. Es war die Zeit, als die Politiker ihre Länder und die Welt regierten.

... zu Unternehmenszentralen

Dann schwand der Einfluss der Politik, weil sie sich nicht mehr in einer zunehmend komplexen und internationalen Umgebung zurechtfand. Die Politiker, wie zuvor schon die Kirche, waren immer weniger gestaltungsfähig. Nun wurde die Wirtschaft zum dominierenden Faktor auf diese Erde. Folgerichtig sind die grössten Steinhaufen nunmehr im Besitz von Unternehmen.

Die Pyramiden der Neuzeit sind nun gigantische Gebäude wie der Kommerzkoloss des Einkaufszentrums New Century Global im chinesischen Chengdu, die Boeing Factory in Washington oder der Flug­hafen in Dubai.

Prunkbau in Basel

Das grösste Gebäude der Schweiz ist das 178 Meter hohe Verwaltungsgebäude des Pharmakonzerns Roche in Basel. Es ist unsere architektonische Kultstätte der Gegenwart. Im Jahr 2021 kommt ein Zwillingsturm dazu, 205 Meter hoch. Die Kosten liegen deutlich über einer Milliarde Franken.

Die Schimpansen in Westafrika erstaunt das nicht. Auch sie investieren gehörig in ihren Tempelbau. Wenn zum Beispiel keine Steine greifbar sind, legen sie längere Strecken zurück, um sich das Material zu besorgen. Dann traben sie zurück und deponieren die Steine am Fuss der ausgewählten Bäume.

Die Affen wissen: Stonehenge und Roche sind überall.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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