Ein ausgewachsener Löwe schläft bis zu zwanzig Stunden am Tag. Darum nennt man ihn den König der Tiere. Man nennt ihn so, weil er wie kein Zweiter die Königs­disziplin des Managements ­beherrscht.

Die Königsdisziplin des Managements ist das Nichtstun.

Der Löwe beherrscht das im Schlaf. Denn der Löwe weiss, dass Nichtstun eine äusserst anspruchsvolle Tätigkeit ist. Er weiss, dass gezieltes Nichtstun nicht Faulenzerei ist. Das wäre nicht Nichtstun, sondern Schlendrian.

Gezieltes Nichtstun besteht darin, dass man selber möglichst wenig tut, man aber die anderen für sich arbeiten lässt. Die anderen, die man für sich ­arbeiten lässt, müssen Top-Spezialisten der Branche sein.

Top-Spezialisten für sich arbeiten

Der Löwe zum Beispiel lässt Top-Spezialisten wie Hyänen, Leoparden und Geparde für sich arbeiten. Auch die ­eigenen Weibchen spannt er ein. Wenn diese Mitarbeiter eine Gazelle, ein Zebra oder ein Gnu erlegt haben, schleicht sich der Löwe heran und schnappt sich die Beute der anderen. Er schnappt sich nicht alles – seinen Top-Mitarbeitern aus dem Tierreich überlässt er mindestens dreissig Prozent.

Den Anteil des Löwen an der Beute nennt man Löwenanteil.

Ich hatte mal einen Chef, der rund zwanzig Stunden am Tag schlief. Wir ­fanden nie heraus, was genau er im Büro tat. Doch wenn Ende Jahr in der ­Abteilung der Bonus verteilt wurde, war er hellwach. Dann holte er sich den ­Löwenanteil.

Fachlich müsse der Vorgesetzte im ­Betrieb nicht der Beste sein, sagt der Autor Matthias Nöllke, der sich mit den Parallelen von Tierreich und Business beschäftigt hat. Seine Folgerung: «Es kommt nicht darauf an, selber der beste Jäger zu sein, sondern auf die Tätigkeit der besten Jäger zugreifen zu können.»

Die jagenden Hyänen und Geparde wissen das. Es stört sie nicht gross, wenn sie den Löwenanteil abgeben müssen. Der Löwe ist schliesslich der König der Tiere.

Bei uns war das ebenso. Interessanterweise arbeiteten wir lange gern für unseren Chef, der das gezielte Nichtstun so gut beherrschte. Er liess uns in ­Frieden, wir konnten ungestört Beute machen. Dann holte er sich seinen ­Anteil. Das war okay. Er war der Chef.

Wie im Löwenrudel

Langsam wuchs dann aber unser ­Unbehagen. Es war wie im Löwenrudel. Die Feinde des Königs der Tiere sind nicht die Hyänen, die Leoparden und die Geparden. Es sind die anderen drei bis fünf Löwenmännchen, die im Rudel leben, also die Direktunterstellten.

Bei uns war es ebenso. Unser Un­be­hagen gegenüber unserem Chef wuchs, und wir, die Direktunterstellten, planten einen Putsch. Der Löwe merkte es sofort.

Wenn sie unter Druck geraten, zeigen Löwen in der Natur den sogenannten ­Löwenmut. In kritischen Situationen schlafen sie nicht mehr zwanzig Stunden am Tag. Sie kämpfen nun ­plötzlich wie verrückt, etwa dann, wenn ein anderes Rudel die eigene Gemeinschaft attackiert. Sie zeigen Löwenmut nur für kurze Zeit, so lange, bis der Kampf ­gewonnen ist. Dann gehen sie wieder schlafen, weil sie sich als Chefs bestätigt haben.

Bei uns war es genauso. Es ging um ein grosses Investment, das gefährdet war. Unser Chef wachte auf und kämpfte wie verrückt, bevor er wieder schlafen ging. Der Verwaltungsrat war beeindruckt und verlängerte dankbar seinen Vertrag. Im Rudel kehrte Ruhe ein.

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