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Stadtleben 
Der gläserne Mensch ist selbstgemacht

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Fitness-Armbänder: Die Gadgets verraten viel über das Leben ihrer Träger.  Keystone

Fitness-Armbänder sind beliebt. Doch sie bergen auch Risiken, die Fans gern hintanstellen. Ein Blick über den Atlantik macht deutlich, dass sich Träger früher oder später damit beschäftigen sollten.

Kommentar  
Von Silvia Finke
2015-11-23

Schick sind sie, diese modernen Bänder aus Kautschuk, Gummi oder einem vergleichbaren Material. Das muss Eine ja zugeben. In Zürich geht man fast nicht mehr ohne, sie werden gern zur Schau getragen. Sehr schlicht, entweder in einem eleganten Schwarz oder flippig in Neonfarben. Und das Innenleben erst! Da werden Schritte gezählt, der Kalorienverbrauch oder die Schlafdauer und –tiefe gemessen und vieles mehr. Fast schon nebensächlich, eine Uhr ist natürlich auch dabei.

Anbieter aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern gibt es viele. Alles, was aufgezeichnet wird, lässt sich einfach und problemlos in einem persönlichen Bereich auf den Unternehmenswebseiten speichern, wird dort ausgewertet und dem Besitzer in schönen Grafiken zur Verfügung gestellt. Habe ich genug und tief genug geschlafen, zeigt meine Gesamtverfassung eine Tendenz, die ich mit einem Mediziner besprechen sollte – kein Problem, die Auswertungen zeigen es.

Vertraulichkeit ist fraglich

Die Daten sind ja eigentlich vertraulich – zumindest möchte Eine nicht, dass es anders wäre. Und doch: die Webseiten, auf denen man so einfach seine Daten speichern und verarbeiten lassen kann, gehören zu Privatunternehmen – oft aus anderen Kulturkreisen, mit anderen Werten. Ob sich jeder, der diese Seiten nutzt, die allgemeinen Geschäftsbedingungen wirklich durchgelesen hat, sei einmal dahingestellt.

Die Daten sind aber hoch interessant. Bestimmt für die Forschung – wogegen in anonymisierter Form vielleicht nichts einzuwenden wäre. Ganz bestimmt aber auch für die einheimischen Krankenkassen, die im Rahmen von «Pilotversuchen» jetzt schon testen, wie weit der Einzelne freiwillig Einblick gewährt.

In den USA ist die Zukunft schon Realität

Doch was, wenn das Unternehmen die Daten verkauft? Wenn plötzlich ein Anbieter eine grosse Datenbank aufbaut, in der Arbeitgeber, Krankenkassen und vielleicht auch Privatpersonen gegen Gebühr recherchieren können? Unmöglich? In den USA kann man für unter 20 Dollar jede Person checken lassen – inklusive Gerichtsurteilen, Anzeigen, medizinischen Gutachten und anderer vertraulicher Daten. Bezahlt wird per Kreditkarte oder Paypal. Und die Daten sind überraschend genau.

Eine fragt sich, ob den Menschen, die so stolz ihre stylischen Armbänder durch Zürich tragen, bewusst ist, was damit verbunden sein kann. Hoffentlich kommt das «böse Erwachen» nicht mit der nächsten Prämienerhöhung der Krankenkasse – aufgrund von Bewegungs- oder Schlafmangel.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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