Gegen Ende März ist die Schweizer Börse arg unter Druck geraten. Die Kommen­tatoren suchten nach Gründen für die Abgabewelle, handfeste Erklärungen wurden nicht gefunden. Man sucht zu weit: Die Anleger sind angesichts der jahrelangen Hausse einfach nervös, beobachten den Handelsverlauf mit Argus­augen und schreiten in Schwächephasen sofort zu Gewinnrealisationen. Dennoch glaube ich nicht, dass das schon das Ende der sonnigen Börsentage war. Die dank der Europäischen Zentralbank munter sprudelnde Quelle frischer Liquidität wird die Aktienkurse wohl noch etwas höher treiben.

Wenig überraschend geraten bei ­Abgabewellen zuerst jene Valoren unter Druck, die zuvor mit Kursgewinnen glänzten und deshalb saftig bewertet sind. Beispielsweise U-blox. Innert zweier Jahre haben sich die Titel im Wert mehr als vervierfacht. Das gerade mal 18 Jahre alte ­Unternehmen aus Thalwil ZH, vom einstigen Sulzer-Konzernchef Fritz Fahrni (72) ­präsidiert und von Thomas Seiler (55) gesteuert, entwickelt Halbleiter primär für die Satellitennavigation sowie Bluetooth- und Wi-Fi-Module speziell für die Automobilindustrie. Das Geschäft brummt, im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 23 Prozent, der Gewinn um 40 Prozent. Das Wachstum dürfte sich über die nächsten Jahre fortsetzen.

Die Aktien sind denn auch hochinteressant. Hoch allerdings ist ebenso die Bewertung; Trotz der jüngsten Kursrückschläge stellt sich das Kurs-Gewinn-­Verhältnis (KGV) auf 29,1. Der Wachstumswert ist attraktiv für risikofreudige Anleger, die Geduld aufbringen. Der Einstieg eilt nicht, warten Sie zuerst weitere Korrekturen ab.

Wachstumsstark

Ebenfalls zu den neuen Börsenlieblingen gehört AMS, ein weiterer Chiphersteller. Zwar ist die Firma im österreichischen Unterpremstätten domiziliert, doch werden die Aktien an der SIX Swiss Exchange gehandelt. Die einst unter Austria­microsystems firmierende AMS entwickelt und produziert analoge Halbleiter, die vor allem in Smartphones Anwendung finden. Im zweiten Bereich, der ­Industriesparte, werden in ers-ter Linie Sensoren für die ­Automobilbranche entwickelt.

Wie U-blox macht auch AMS durch ­rasantes Wachstum auf sich aufmerksam; Umsatz und Gewinn stiegen im letzten Jahr um 23 respektive 60 Prozent. Konzernchef Kirk Laney verspricht anhaltende Prosperität. Die Anleger wissen dies zu schätzen, innert eineinhalb Jahren ist der Aktienkurs um 240 Prozent in die Höhe geschossen. Mit einem KGV von 20,4 sind die Valoren deutlich günstiger bewertet als U-blox. AMS gefallen mir nicht zuletzt deshalb besser. Dennoch sind auch hier Risikofreude und Ausdauer gefragt.

Edel – und billig

Der Edelmetallmarkt ist völlig aus den Fugen geraten. Die Feinunze Gold hat seit der Höchstmarke vor dreieinhalb Jahren 38 Prozent und Silber sogar zwei Drittel an Wert eingebüsst. Für mich erstaunlicher ist der Absturz von Platin; 40 Prozent hat das Industriemetall seit August 2011 verloren. Aktuell notiert Platin sogar deutlich unter dem Goldpreis, ein höchst seltenes Ereignis. Der Wertverlust ist deshalb erstaunlich, weil laut Marktgesetz alles für höhere Preise spricht. So stellte sich im letzten Jahr das Angebotsdefizit auf den höchsten Stand seit 40 Jahren.

Sind Sie ein regelmässiger Leser, dann wissen Sie um meine Abneigung gegenüber Gold; der Preis des gelben Metalls ist psychologischen und modischen Strömungen unterworfen. Ganz anders bei Platin. Dort wird lediglich ein Drittel der Jahresproduktion von den Schmuckherstellern nachgefragt, der grosse Rest geht in die Industrie. Vor allem die Autobranche verbaut Platin in grossen Mengen in Katalysatoren für Dieselfahrzeuge. Nun nimmt die Autokonjunktur wieder an Fahrt auf. Auch sind über die nächsten Monate weitere Schliessungen von Platinminen zu erwarten, denn die Hälfte der Produzenten verliert heute Geld.

In diesem und dem kommenden Jahr wird laut Marktkennern die Nachfrage das Angebot noch deutlicher übertreffen. Das sollte sich in steigenden Preisen niederschlagen. Ein Investment in Aktien von Platinminen ist heikel, Exchange Traded Funds (ETF) eignen sich besser. Doch auch diese Anlagen sind risiko­bereiten Investoren vorbehalten.

Weniger Zoff

Seit dem Beinahe-Kollaps von 2010 hat sich OC Oerlikon dank stetigem Umbau bestens entwickelt. Für das vergangene Jahr meldete der in den Bereichen Textilmaschinen, Antriebs- und Getriebesysteme, Beschichtungen sowie Vakuumsysteme aktive Konzern eine gute, wenn auch durchzogene Leistung; der Umsatz stieg um 16 Prozent, dagegen stagnierten Betriebs- und Reingewinn. Auch der Bestellungseingang lag mit einem Zuwachs von neun Prozent leicht unter den Erwartungen der Analysten.

Für das laufende Jahr stellt Konzernchef Brice Koch (50) ein Umsatz​wachstum von fünf Prozent und eine unveränderte Ebitda-Marge in Aussicht. Mit Blick auf die Frankenstärke und die global schwache Konjunktur ist die prognostizierte Ertragsstagnation als erfreulich zu bezeichnen. Die Aktien jedenfalls bleiben mit einem geschätzten KGV von 14,8 für risikobewusste Anleger attraktiv.

Was mich stört, ist das anhaltend rege Kommen und Gehen an der Konzernspitze. So wird an der Generalversammlung vom 8. April ein guter Teil des Verwaltungsrats ausgewechselt; Präsident Tim Summers sowie die Verwaltungsräte Carl Stadelhofer und Kurt Hausheer scheiden aus. Das Präsidium übernimmt Michael Süss (51), ebenfalls neu ins Gremium ziehen Johan van de Steen sowie Mary Gresens ein. Der ehemalige Siemens-Energievorstand Süss sowie ­van de Steen wurden vom Hauptaktionär Viktor Vekselberg nominiert. In der Oerlikon-Führungsetage dürfte Summers’ Ausscheiden mit Erleichterung zur Kenntnis genommen worden sein. Der Brite galt als wenig umgänglich, angeblich hat er sich auch laufend ins Tages­geschäft eingemischt.

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