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Blackberrys neuester Wurf ist erfrischend abnormal

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Keyone: Die Tastatur sticht heraus.  PR

Blackberry bleibt der Tastatur auch mit dem neuesten Gerät treu - eine angenehme Ausnahme. Das Keyone hat zwar seine Schwächen, möglicherweise aber kann das Geräte von der Politik profitieren.

Kommentar  
Von Thomas Heuzeroth
2017-06-01

Es fällt immer schwerer, heute mit einem Smartphone aufzufallen. Viele Modelle unterscheiden sich oft nur noch in kleinsten Details, die für Ungeübte nicht zu unterscheiden sind. Ansonsten ist alles gleich: Form, Display, Kamera. Da ist es schon fast erfrischend, wenn ein Gerät mal aus der Norm fällt. Und genau das schafft Blackberry mit seinem neusten Modell Keyone.

Blackberry? Die gibt es noch? Oh ja, allerdings nicht so wie vor zehn Jahren. Die Kanadier haben ihr Smartphone-Geschäft erst heruntergewirtschaftet und dann an den chinesischen Hersteller TCL abgegeben. Von ihm kommt nun auch das Blackberry Keyone, so wie man es von einem Blackberry erwartet: mit einer echten Tastatur. Zum Anfassen.

Mit Streicheln zum Ziel

Wir haben im Test das Keyboard schätzen gelernt. Nach jahrelangem Tippen auf virtuellen Tastaturen merkt man gar nicht, was man vermisst. Denn eine echte Tastatur ist weitaus treffsicherer. Im Keyone ist die Tastatur das Meisterwerk. Die einzelnen Tasten sind gut zu erfühlen, wackeln nicht und haben einen ordentlichen Druckpunkt. Dabei kann das Keyboard mehr als normale Tastaturen. Es reagiert auch auf Streichgesten.

Wer also auf einer Website unterwegs ist, kann hoch- oder runterscrollen, ohne das Touchdisplay des Keyone berühren zu müssen. Dabei wischt man einfach auf der Tastatur nach oben oder unten. Ein Wisch nach links oder rechts bringt den Nutzer von einem Homescreen zum nächsten.

Leider funktioniert das nicht in anderen Apps wie Google Fotos oder der E-Mail-Anwendung, um zur nächsten Mail zu wechseln. Gut gelöst hat Blackberry dafür den Fingerabdruck-Sensor, der in der Leertaste des Keyboards untergebracht ist und wirklich schnell reagiert.

Multifunktionale Tasten

Was die Tastatur so besonders macht, sind die Wortvorschläge, von denen am unteren Rand des Displays direkt über der Tastatur immer drei zur Verfügung stehen. Will man einen auswählen, wischt man einfach links, in der Mitte oder rechts auf der Tastatur nach oben.

Nach kurzer Eingewöhnung will man darauf nicht mehr verzichten, denn die Wörter fliegen förmlich nach oben auf das Display. Jede Taste auf der Tastatur kann zudem mit zwei zusätzlichen Funktionen belegt werden, und je nachdem, ob sie kurz oder lang gedrückt wird, eine App aufrufen, die vorher in den Einstellungen der Tastatur zugeordnet wurde.

Scharfes kleines Display

Eine physische Tastatur, die nicht aus dem Smartphone herausgeschoben wird, bringt einige Designkompromisse mit sich. So ist das Display des Keyone nur 4,5 Zoll gross, also noch kleiner als das iPhone 7. Ausserdem hat der Bildschirm ein Format von 3:2. Das ist gut beim Fotografieren, doch ein Video im Querformat wird oben und unten mit einem schwarzen Balken dargestellt.

Wir hatten aber nicht den Eindruck, dass das Display zu klein ist. Tatsächlich bietet es sogar mehr Platz als ein 5,5 Zoll grosses Display, wenn man beispielsweise eine E-Mail schreibt. Denn auf normalen Smartphones schiebt sich dann eine virtuelle Tastatur in die untere Hälfte des Screens. Das ist beim Keyone zwar auch möglich, sollte aber deaktiviert werden, wenn man die physische Tastatur nutzt.

Der LCD-Bildschirm des Keyone ist mit dem kratzfesten Gorilla Glass 4 versehen und hat eine Auflösung von 1620 mal 1080 Bildpunkten. Das entspricht 434 Bildpunkten pro Zoll und sieht sehr scharf aus.

Vertraut zum Glück auf Google

Das Keyone hat einen Aluminiumrahmen und fühlt sich sehr hochwertig an, was zum Teil auch an seinem Gewicht liegt. Mit 180 Gramm gehört es schon zu den wuchtigeren Geräten am Markt und wiegt fast so viel wie das grosse iPhone.

Das dürfte auch am grossen Akku liegen, der uns während des Tests verlässlich tagsüber mit gut 3500 Milliamperestunden nie im Stich gelassen hat, aber einen zweiten Tag auch nicht überstanden hätte. Dafür lädt er sich innerhalb von einer halben Stunde wieder zur Hälfte auf.

Blackberry hat zum Glück das hauseigene Betriebssystem hinter sich gelassen. Insbesondere bei der Auswahl der Apps hatten Nutzer hier meist das Nachsehen. Mit dem Keyone kommt die neuste Version des Android-Systems 7.1 von Google, das auch den Namen Nougat trägt.

Apps sind also kein Engpass mehr. Eine Taste an der Seite des Gerätes kann mit einer beliebigen App verbunden werden, die sich auf diese Weise dann starten lässt.

Sicherheit wird gross geschrieben

Bei der Hardware und Software gibt es bei Blackberry noch eine Arbeitsteilung. Für die Software sind die Kanadier zuständig. Und so kommt das Keyone mit dem beliebten Blackberry Hub, der alle Nachrichten, darunter SMS, E-Mails, Messenger, soziale Netzwerke und verpasste Anrufe an einem Ort zusammenführt.

Ausserdem liefert Blackberry sein Sicherheitsprogramm DTEK mit, das ständig den Sicherheitsstatus des Geräts überwacht und bei Bedarf Tipps gibt, welche Einstellungen noch verbessert werden könnten. Blackberry behauptet, das «sicherste Android-Smartphone der Welt» zu bauen.

Abstriche bei der Bildqualität

Die Kamera an der Rückseite ragt ein wenig aus dem Gehäuse hervor, was erfahrungsgemäss viele Smartphone-Nutzer stört, uns aber nicht. Es handelt sich dabei um den Zwölf-Megapixel Sensor IMX378 von Sony, der auch im Google-Smartphone Pixel verbaut ist.

Allerdings ist der Sensor eine Sache, die Integration und das Zusammenspiel mit der Software und dem Prozessor eine andere. Die Bildqualität des Keyone ist gut, reicht aber nicht an das Google Pixel heran. Die Kamera-App ist auch eher schlicht gehalten.

Videofans werden enttäuscht

Zwar nimmt das Keyone Videos auch in der hohen 4K-Auflösung auf. Doch wer ernsthaft Videos damit drehen will und ein externes Mikrofon mit dem Kopfhöreranschluss verbindet, wird enttäuscht. Weder die mitgelieferte Kamera-App noch die von uns getesteten Kamera-Apps Filmic Plus und Cinema FV-5 waren in der Lage, auf dieses Mikrofon zuzugreifen.

Sie verwendeten immer nur das im Keyone eingebaute Mikrofon. Leider verzichtet die Kamera auch auf eine optische Bildstabilisierung. Die Selfie-Kamera über dem Display hat acht Megapixel.

Unglücklicherweise hat Blackberry seinem Keyone auch nur den Mittelklasse-Prozessor Snapdragon 625 mitgegeben. Wer ein Smartphone zum heftigen Spielen sucht, sollte sich vielleicht ein anderes Gerät auswählen. Aber dafür würde man auch kein Tastatur-Smartphone verwenden.

Schnell im Stress

Wir hatten sogar im Alltagsgebrauch ab und an den Eindruck, dass ein schnellerer Prozessor besser gewesen wäre. Insbesondere der Wechsel von einer App zur nächsten schien für das Keyone manchmal Stress zu bedeuten. Eigentlich sollte das auch für ein Snapdragon 625 keine Herausforderung sein.

Mehr Leistung hätte dem Blackberry Keyone also nicht geschadet, zumal es mit 600 Euro auch nicht günstig ist. Es hat 32-Gigabyte-Speicher eingebaut, kann aber über eine Micro-SD-Karte erweitert werden.

Statt dem Notebook

Fazit: Das Blackberry Keyone ist nichts für reines Entertainment, dafür ist das Display zu klein. Es eignet sich nicht sonderlich zum Spielen, dafür ist der Prozessor zu schwach. Damit wirft sich das Gerät für den Massenmarkt selber aus dem Rennen.

Aber das ist vielleicht gar nicht das Ansinnen von Blackberry. Denn wer einfach nur produktiv sein will, seine Mails unterwegs schnell und zuverlässig erledigen muss, der ist mit dem Keyone gut bedient. Vielleicht könnte es auch auf Interkontinentalflügen die Funktion des Notebooks übernehmen, das dann im Frachtraum transportiert wird.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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