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Effizientes Arbeiten 
Beschwipste Führungsetage: Schlaftrunken durch den Tag

Beschwipste Führungsetage: Schlaftrunken durch den Tag
Wenig Schlaf hat den gleichen Effekt wie Alkohol.  Keystone

Immer mehr Arbeit, bei gleich kurzen Tagen. Um die anfallenden Aufgaben zu bewältigen, greift die eine oder andere Führungskraft nicht mehr zur Flasche sondern zum Wecker, mit ähnlichem Ergebnis.

Kommentar  
Von Charly Suter
2015-10-08

Das Bild vom Firmenchef, der bis tief in die Nacht noch am Schreibtisch sitzt und Zahlen durchsieht, hat ausgedient. Heute sind Top-Manager und Unternehmer keine Nachtschwärmer mehr, sondern frühe Vögel. Der Trend geht zum Aufstehen mitten in der Nacht – 4.30 Uhr soll die perfekte Zeit sein, um E-Mails abzuarbeiten, joggen zu gehen und dann sogar mit den Kindern zu frühstücken.

Apple-Chef Tim Cook macht es angeblich vor und steht so früh auf, um all diese Dinge zu erledigen und der erste im Büro zu sein. Harriet Green, die ehemalige Chefin des Reisekonzerns Thomas Cook, steht sogar noch eine Stunde früher auf, nämlich um 3.30 Uhr, damit der Tag lang genug ist, um mit dem Drill Instructor den Trizeps zu trainieren. Auch dem einen oder anderen Banker vom Paradeplatz wird ein solches Verhalten nachgesagt.

Was für die Karriere gut ist, schadet der Gesundheit

Wenig Schlaf ist eine Prestigesache, schliesslich kann so viel mehr in der zusätzlichen Zeit erledigt werden. Oder?

Langfristig gesehen ist das Schlaf-Sparprogramm aber schädlich. Nicht nur, dass der Grossteil der Mitteleuropäer eine Veranlagung zum Spätaufsteher aufweist und so oft jahrelang mit dem eigenen Biorhythmus zu kämpfen hat. Zu wenig Schlaf lässt auch vorzeitig altern und macht dick. Nach einer Studie der Universität Chicago haben Männer, die über längere Zeit nur rund vier Stunden täglich schlummern, einen erhöhten Cortisolspiegel – also voller Stresshormone sind. Zudem schwanken die Werte des Blutzuckers, das Diabetesrisiko steigt.

«Nüchternes Entscheiden» mit wenig Schlaf unmöglich

Gerade einmal vier Stunden Schlaf bedeuten auch, dass man im Strassenverkehr die gleiche Reaktionszeit zeigt wie mit 0,5 Promille Alkohol im Blut. Nach einer durchwachten Nacht fühlt man sich so beschwipst, wie mit fast einem Promille Alkohol im Blut.

Auch wenn es zum guten Ton der Führungsetage gehört, sich nur wenig Schlaf zu gönnen, bewundernswert ist es nicht. Ich will zwar auch nicht behaupten, dass sich die eine oder andere Entscheidung unter diesem Blickwinkel besser erklären lässt, aber von «nüchternen Entscheiden» kann man in solchen Fällen nicht reden.

Mehr schlafen, besser arbeiten

Chronobiologen prophezeien sogar zusätzliche Produktivität durch den guten, alten Mittagsschlaf. Ein Nickerchen in der Leichtschlafphase von etwa dreissig Minuten verhindert Konzentrationsschwäche und Müdigkeit.

Um produktiver zu sein, reicht es also manchmal, einfach schlafen zu gehen und auszunüchtern. Lieber die Arbeit verteilen auf mehrere Schultern und mit der Verantwortung das Vertrauen geben an physische oder virtuelle Mitarbeiter. 

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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