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Gesellschaft 
Am Lago Maggiore fehlen Graffiti und Dönergeruch

Am Lago Maggiore fehlen Graffiti und Dönergeruch
Berlin und Lago Maggiore: Alltägliches Grossstadt-Flair und Ferien-Idylle.

Traumhaft ist die Idylle am norditalienischen See - für Grossstädter aber nur in kleinen Dosen ertragbar. Nach wenigen Tagen vermissen sie die Gerüche und Geräusche von Berlin, denn da tobt das Leben.

Kommentar  
Von Alan Posener
2015-09-04

Urlaub am Lago Maggiore. Die Berge, der See. Träge Tage, die ineinanderfliessen, als wäre man aus der Welt gefallen. Und dann die Rückkehr in die Stadt. Nach Berlin ausgerechnet. Wieso freut man sich darauf?

Nicht nur deshalb, weil man in Berlin bessere italienische Restaurants hat und besseren italienischen Wein. Als Tourist wird man abgezockt, das gehört dazu. Nicht nur deshalb, weil, wie George Bernard Shaw sagte, der ewige Urlaub eine gute Arbeitsdefinition der Hölle darstellt. Auch in Italien gibt es WLAN, kann man jede Stunde seine Mails checken.

Und schon gar nicht deshalb, weil man darauf brennt, sich in den publizistischen Streit über syrische Asylanten und deutsche Rechtsextremisten zu stürzen. Es gibt interessantere Themen, zum Beispiel die Frage, ob wir in einem Universum oder einem Multiversum leben.

Das Multiversum liegt nicht am Lago Maggiore

Und doch berühren die Auseinandersetzungen um Fremde im Land den Kern dessen, was einem am idyllischen Seeufer gefehlt hat und worauf man sich in Berlin freut. Dort war alles fest in deutscher – genauer: schwäbischer – Hand. Man kam sich zuweilen vor wie in Prenzlauer Berg, einem Berliner Bezirk, den der Einheimische wegen seiner Monokultur nach Möglichkeit meidet. Nach der Landung in Tegel beschliesst man, mit den «Öffentlichen» nach Hause zu fahren.

Auf dem U-Bahnhof in Moabit jault arabische Musik aus einem Smartphone, kommen einem drei kichernde türkische Freundinnen entgegen, eine mit Kopftuch, die beiden anderen dressed to kill: Samstagabend in der Stadt. In der Bahn die Begegnung mit all den Leuten, die man am Lago nie sieht: Bettler, alleinerziehende Mütter aus dem Prekariat, Schwarzarbeiter aus der Ukraine, einsame Alte. Inklusion pur. Und man denkt: Ja, das ist es. Das ist meine Stadt. Hier tobt das Leben. Hier ist das Multiversum.

Ängstliche sehen nicht hinter das Chaos

Die Ängstlichen, die sich um den Tod der abendländischen Kultur und der deutschen Besonderheiten Sorgen machen, die das Verschwinden des Eigenen im multikulturellen Mischmasch der Grossstadt befürchten, begreifen nicht, dass für den Grossstädter gerade in diesem scheinbaren Chaos auch das Eigene, Besondere, das geradezu Anheimelnde lebt, dass sich das Liebenswerte an der Kultur gerade in diesem Mischmasch behauptet. Es war sicher ein Zufall, dass bei jener ersten U-Bahn-Fahrt nach dem Urlaub ausgerechnet ein junger Mann mit sichtbarem Migrationshintergrund aufstand, um einem alten Mann seinen Sitzplatz anzubieten.

Wer aber die Stadt aus bösen alten West-Berliner Tagen kennt, vom Osten ganz zu schweigen, der weiss, um wie viel zivilisierter sie jetzt ist, da sie nicht nur den preussischen Dickköppen gehört. Zuweilen ist die Freundlichkeit der Polizisten und Postbeamten, der Verkäufer und Busfahrer für einen gelernten alten Berliner geradezu erschreckend. Wozu hat man sich seine dicke Haut wachsen lassen? Sind wir in den USA oder was?

Harmonisch bunte Jahrmarkt ist eine Fantasie

Nicht ganz. Ein Freund, dessen Ehefrau aus Asien stammt, erzählt von bösen Blicken und Schlimmerem. In den Ostteil der Stadt gingen sie ungern, sagt er. In Amerika sei das anders gewesen. Nun denkt man, sagt es aber nicht: Und wenn die Frau schwarz gewesen wäre? Die multikulturelle, multiethnische Gesellschaft ist weder hier noch dort jener harmonisch bunte Jahrmarkt, den sich deren Ideologen herbeifantasieren; sie ist eine Gesellschaft der Konflikte, wie jede moderne Gesellschaft.

Klassen bekämpfen sich und Rassen, Stämme, Religionen und Ideologien. «There is no such thing as society», sagte Margaret Thatcher, womit sie meinte: Die Wärmestube der Gemeinschaft gibt es in der modernen Welt nicht mehr. Und der Grossstädter denkt sich: gut so. Her mit den Konflikten. Tragen wir sie aus. Halten wir sie aus.

Idylle passt in die Ferien

Der grosse englische Romancier Anthony Burgess, der – wie vor ihm George Orwell – als junger Mann Kolonialbeamter gewesen war, sprach in den 70er-Jahren von der Sehnsucht der Briten nach den Farben und Gerüchen des Orients und davon, dass diese Sehnsucht nach dem Zusammenbruch des Empires gestillt werde durch die Zuwanderung aus Pakistan und Uganda und den anderen früheren Kolonien.

Das hinderte Burgess nicht daran, schon 1978 – also 35 Jahre vor Michel Houellebecq – in einem Update von Orwells Roman «1984» die Islamisierung Grossbritanniens an die Wand zu malen:

«Es war die Woche vor Weihnachten, Montag Mittag, mild und feucht, und die Muezzin Westlondons jodelten davon, dass es ausser Allah nur einen Gott gibt.» So beginnt der Roman «1985». Und so lebt man noch heute, nicht mehr nur in London, zwischen Sehnsucht und Angst; und das ist, um einen früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin zu paraphrasieren, ganz okay so. Der Puls schlägt schneller, das Auge wird klarer, die Gedanken schiessen schneller, wenn man sich im Dickicht der Städte behaupten muss. Idylle ist was für den Urlaub, und auch dort nur, wenn man die Augen zukneift.

Sehnsucht nach Graffiti, Basecaps und Autoabgasen

Dabei ist Berlin immer noch behäbig, verglichen mit New York oder London. In den breiten Boulevards von Charlottenburg oder Wilmersdorf, von den Villenvororten Zehlendorf oder Lichterfelde ganz zu schweigen, kann man sich beinahe vorstellen, immer noch in der gut-bösen alten West-Berliner Zeit zu leben. Man darf sich allerdings nicht die Immobilienpreise ansehen, die als zuverlässige Barometer der Stadtentwicklung auch hier das Ende der Behäbigkeit ankündigen.

Wir Mitteleuropäer sind mental immer noch nicht in der Moderne angekommen. Unsere Nationalhymnen erzählen von Bergen und Flüssen und Feldern oder wie das Deutschlandlied von deutschen Frauen, deutscher Treue, deutschem Wein und deutschem Sang. Gunter Gabriel versuchte vor Jahrzehnten zwar, das Nationalgefühl behutsam zu erneuern: «Schwarz wie die Kohle im Revier, Rot wie die Lippen der Mädchen hier, Gold wie der Weizen und das Bier …» Ziemlich gut, das.

Aber das Heimatgefühl des Grossstädters ist das immer noch nicht. Jenes Gefühl, das sich schon nach wenigen Wochen in Arkadien nach Graffiti und Geschäften sehnt, nach Dönerläden, Basecaps und Leuten mit Bierflaschen im Bus, nach Stau und dem Geruch von Autoabgasen, nach lauter Musik, bunten Gesichtern und Gewändern, nach Babylon und allem, was dazugehört. Abraham verliess die Städte der Ebene seiner Zeit und zog in die Wüste. Bewundernswert. Unsereiner bleibt.

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