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Strategie 
Wie Anleger auch in Zeiten der Deflation gut fahren

Nestlé: Beim SMI-Schwergewicht hat sich die Dividende 43-mal erhöht.  Keystone

In Zeiten der Deflation sind Aktien mit einer verlässlichen Dividendenpolitik gefragt. Warum Deflation gut für die Kurse sein kann und wer zu den Favoriten zählt.

Von Jürgen Büttner
24.03.2016

Fundamental-Analyse, Momentum, Charttechnik – Analysten und Börsenexperten nutzen viele Prognoseinstrumente, um die Entwicklung an den Börsen vorwegzunehmen. Die Analysten von Ned Davis Research zeigen in einer Studie eine weitere Möglichkeit, die Prognosesicherheit zu steigern.

Denn, wie die Experten des US-Instituts dort erläutern, besteht am Schweizer Aktienmarkt seit längerem ein vergleichsweise grosser Zusammenhang zwischen Inflation und Kursentwicklung: Wenn die Inflation sinkt, steigen die Kurse und umgekehrt. Der Ned-Davis-Europa-Stratege Vincent Deluard beziffert die Korrelation der durchschnittlichen Inflation in der Schweiz mit der Performance des MSCI Switzerland seit 2008 auf einen hohen Wert von 76 Prozent.  

Starke Ähnlichkeit mit Aktien

Nach Einschätzung von Ned Davis Research lässt sich dieses auffällige Zusammenspiel gut mit der von der Schweizer Notenbank betriebenen Negativzinspolitik erklären. Denn der Schweizer Aktienmarkt werde dominiert von Qualitätsstandardaktien mit einer verlässlichen Dividendenpolitik. Als Beleg dafür verweisen die Analysten von Ned Davis darauf, dass die  dividendenstarken Titel Nestlé, Novartis und Roche mehr als die Hälfte der Marktkapitalisierung des SMI ausmachen.

Nach Einschätzung der Experten haben die genannten Werte anleiheartige Qualitäten, was beispielsweise die von Nestlé betriebene Ausschüttungspolitik dokumentiert: In den vergangenen 55 Jahren hat der Nahrungsmittelriese die Ausschüttung nie gekürzt, sondern diese sogar 43 Mal erhöht. Nach Ansicht von Ned Davis hat die von den genannten führenden Schweizer Unternehmen verfolgte Dividendenpolitik so dazu beigetragen, dass sich am Aktienmarkt in der Schweiz viele risikoaverse Anleger tummeln.

Aktuell treibt nur die Inflation die Realzinsen an

Wie die Analysten von Ned Davis weiter ausführen, ist der wichtigste Werttreiber für erstklassige Obligationen die Höhe des realen Zinsniveaus. Letzteres ergibt sich aus der Differenz des effektiven Zinses abzüglich der Inflationsrate. Bewegen sich die effektiven Zinsen, wie in der Schweiz schon seit 2008, im Bereich von Null oder sogar darunter, wird die Inflation zum einzigen Treiber der Realzinsen.

Sinkt die Inflation, erhöht das die Realrendite der Schweizer Dividendentitel. Genau genommen wirkt Deflation damit wie eine Dividendenerhöhung. Und darin sieht Ned Davis den Grund dafür, weshalb sich die Schweizer Aktien bei fallender Inflation so gut geschlagen haben.

Um die aufgestellte These einem weiteren Test zu unterziehen, hat Ned Davis das Modell auch für die Zeit berechnet, bevor die Schweizer Notenbank ihre Null- und Negativzinspolitik aufgenommen hat. Das Resultat: Von 1990 bis 2008 erklärt das gleiche Modell die Kursentwicklung an der Schweizer Börse überhaupt nicht.  

Anleger verstehen heute Deflation als Negativzeichen

Beim Versuch, Schlussfolgerungen aus diesem relativ einfachen Modell für die aktuelle Ausgangslage am Schweizer Aktienmarkt zu ziehen, kommt Deluard zu folgendem Ergebnis: Der Ausverkauf vom Jahresanfang war überzogen, denn die Kurse haben sich dabei von ihrem wahren Wert entfernt. Schliesslich sei zu berücksichtigen, dass der Konsumentenpreisindex in der Schweiz in den vergangenen zwölf Monaten um 1,15 Prozent gesunken sei, was gemäss dem Ned-Davis-Modell die Kurse der Schweizer Aktien um 18,2 Prozent hätte antreiben müssen.

Vermutlich sei das damit zu erklären, dass die Anleger dazu übergegangen seien, Deflation und fallende Ölpreise als frühe Signale für einen Abschwung der Weltwirtschaft zu interpretieren und nicht wie früher als Segen für konsumorientierte Volkswirtschaften wie die Schweiz.

Zins-Modell könnte bald wieder besser funktionieren

Wie richtig man mit der Interpretation der jüngsten Lage liege, würden auch Berechnungen zum Einfluss des Ölpreises auf den Schweizer Aktienmarkt zeigen. Demzufolge war im Zuge des jüngsten Ausverkaufs die Korrelation der Schweizer Börse mit dem Ölpreis höher als bei den Börsen der grössten ölproduzierenden Länder. Für den Zeitraum der vergangenen zwölf Wochen ergibt sich eine Korrelation von 65,6 Prozent. Zum Vergleich: Seit dem 5. Januar 2001 lag dieser Wert im Durchschnitt nur bei 12,2 Prozent.

Nach Ansicht von Deluard kann dies vermutlich damit erklärt werden, dass Zwangsverkäufe vor allem zur Abgabe von liquiden Aktien wie den Schweizer Standardwerten geführt haben. Zuletzt habe sich dieser hohe Kursgleichlauf mit dem Ölpreis aber zu normalisieren begonnen, was dafür spreche, dass künftig das Zins-Modell wieder besser funktionieren werde.

Kein Zusammenhang zwischen Markt-KVG und Inflationsniveau

Abgesehen davon weist Deluard darauf hin, dass es, zumindest basierend auf Vergangenheitsdaten, nicht sinnvoll ist, im Fall einer Deflation auf niedrige Aktienkurse zu setzen. Im Betrachtungszeitraum von 1871 bis 1914 zeige sich, dass keinerlei Zusammenhang zwischen dem Markt-KGV und der Höhe der Inflation bestehe. Ned Davis Research sieht sich dadurch in der Annahme betätigt, dass Aktienkurse mehr von ihrem langfristigen realen Wachstumspotenzial getrieben werden und weniger von einem etwas willkürlich auf 2 Prozent festgesetzten Inflationsziel der Notenbanken.

Auf der Basis der Einzelaktien lässt sich laut Deluard der folgende Schluss ziehen: Wenn aus dem Inflationsmodell Empfehlungen für Einzelwerte abgeleitet werden sollen, dann könnte man so argumentieren, dass die Deflation und das derzeit betriebene geldpolitische Experiment für langweilige und sichere Aktien mit traditionell steigenden Dividenden spricht, so wie das bei Nestlé der Fall ist.

Vermutlich lässt sich diese Bestandesaufnahme nebst auf den Nahrungsmittelkonzern Nestlé (ISIN: CH0038863350) auch auf Roche (ISIN: CH0012032048) und Novartis (ISIN: CH0012005267) ausweiten – zumindest solange sich am aktuellen Zinsumfeld nichts ändert.

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