Was früher Turnschuhe waren, heisst heute Sneakers - Schuhe, für die in US-Sammlerkreisen um die 20'000 Dollar bezahlt werden, die als Anlageobjekte dienen und für die es eigene Indizes gibt. So verrückt ist die Schweizer Szene zwar nicht, aber Sammler-Leidenschaft gibt es auch hier.

Am 6. November trifft sich die Community, die sogenannte Sneakerhead-Gemeinde, in Basel. «Sole Season» heisst die Veranstaltung, die auf dem Basler Messegelände bereits zum vierten Mal über die Bühne gehen wird. Auf Facebook sind am Donnerstag 259 Sneaker-Fans verzeichnet, die die «Sole Season» besuchen wollen, die Veranstaltung hat 384 Likes und 401 Interessenten sind verzeichnet.

«Kuschelig und familiär»

Für Aussenstehende kommt dieser Anlass, der seit 2014 durchgeführt wird, wie eine Tauschbörse daher. In Tat und Wahrheit treffen sich hier jene Fans, die Sneakers sammeln und sich darüber auch austauschen. Raritäten werden gezeigt, getauscht und verkauft. Mit 2 Franken ist der Eintrittspreis mehr als erschwinglich.

«Die Community hier ist kuschelig und familiär», sagt Nadim Badinjski vom Edwin Surplus Store in Weil am Rhein gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Der Jeans-Laden tritt als einer der Sponsoren der Basler Veranstaltung auf.

Etwas grösser angerichtet wird in Zürich, wo sich die sogenannte Sneakerhead-Gemeinde zur «Sneakerness» jeweils Mitte April trifft. Zürich gilt neben Berlin, Amsterdam oder London als eine der europäischen Sneaker-Metropolen. Der eigentliche Hype spielt jedoch in den USA.

Einst Underground-Kult

Die «Sneakerhead»-Kultur gibt es bereits seit Jahrzehnten. Ursprünglich entstand der Kult in der Underground-Szene der Hip-Hop-Kultur. Es ging um Raritäten von Kultmarken wie Air Jordan oder Converse Chuck Taylor.

Doch jetzt hat sich aus einer überschaubaren Fan-Szene ein Milliardenmarkt entwickelt, den besonders die Sportartikel-Riesen wie Nike, Adidas oder Puma pushen.

Auslöser waren «Airmax 1» oder «Superstar»

Der Hype begann in den 1980er-Jahren, als Nike seinen «Airmax 1» oder Adidas den «Superstar» lancierten. Heute spannen die Konzerne mit Rappern wie Kanye West oder Skatern zusammen oder sie orientieren sich an Filmen wie «Zurück in die Zukunft».

Daraus entstehen sogenannte Kollabos - Schuhe mit einem besonderen Design, orientiert eben an diesen Kollaborationen. Solche Sneakers, beispielsweise mit der Signatur eines Skaters, werden dann, im Voraus angekündigt, in limitierter Zahl auf den Markt gebracht.

Zum angekündigten Zeitpunkt sammeln sich lange Schlangen von Sneakerheads vor den Läden. Sie übernachten dort, um einen Platz möglichst weit vorne in der Schlange zu bekommen. Oder sie sitzen vor ihren Bildschirmen, um zum angekündigten Zeitpunkt ein begehrtes Modell zu ergattern. Da kann es dann vorkommen, dass der Riesenansturm schon mal Server zum Abstürzen bringt, erzählt Badinjski.

Heute ein Milliardengeschäft

Diese Jäger und Sammler in Sachen Sneakers kaufen dann nicht nur ein Paar, sondern zwei oder drei. Eines tragen sie selbst, eines stellen sie aus und ein weiteres verkaufen sie weiter. Und so entwickelt sich das Geschäft zur Geldanlage. An Online-Börsen werden Turnschuhe inzwischen wie Wertpapiere gehandelt.

Hier verwischt die Grenze zwischen Liebhaberei und Geldmacherei - kein Wunder angesichts des Wertsteigerungspotenzials der begehrten Ware. Das zeigt sich auf der Online-Börse der Sneakerheads.

Im Stil einer Investment-Plattform

Bei StockX werden limitierte Neuauflagen, aber auch Klassiker gehandelt. Das Unternehmen präsentiert seine Website im Stil einer Investment-Plattform - wie hoch welcher Schuh gerade im Kurs steht, wird anhand von Angebot und Nachfrage laufend ermittelt.

Das Ganze sieht aus wie bei Aktien, doch statt SMI, Dax oder Dow Jones stehen hier der Jordan- oder Nike-Index im Fokus. Der Index gibt an, welches geschätzte Volumen beispielsweise von Nike-Schuhen in den USA zu welcher Gesamtsumme innerhalb der letzten 24 Stunden verkauft wurde.

Das Angebot ist auf der Plattform unter dem Stichwort «Portfolios» zu finden. Dort finden sich dann so phantastische Angebote wie der «trumpcs» von Air Jordan zum Angebotspreis von 19'848 Dollar oder der «Jordan 4 Retro Eminem Carhartt» für 25'900 Dollar. Im Vergleich dazu muten Angebote wie das eines «soledoutcrew» für 292 Dollar wie wahre Schnäppchen an.

Konzerne schmücken sich mit Star-Appeal

Die exorbitanten Preisunterschiede ergeben sich im Übrigen auch aus der Anzahl angebotener Paare. So wurden am Donnerstag vom «soledoutcrew» 943 Paare angeboten, während es vom «trumpcs» nur 22 gibt. StockX taxiert das Volumen dieses gesamten Zweitmarkts auf mehr als eine Milliarde Dollar.

Für Branchengrössen wie Nike oder Adidas ist dieses Segment der Nischenangebote attraktiv. Über die Gewinnspannen bei limitierten Modellen verraten die Unternehmen nichts - aus «Wettbewerbsgründen», wie ein Adidas-Sprecher gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärt. Fest steht aber auch so: Der Hype stärkt die Marke. Und Partnerschaften, wie Adidas sie bei Yeezy Boost mit dem Rapper Kanye West eingegangen ist, verleihen Star-Appeal.

(sda/ccr)

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