Vergesst Griechenland!» Das empfiehlt der Börsenguru Marc Faber. Er hält die Europäische Union für stark genug, um die griechische Tragödie zu finanzieren, egal ob Griechenland in der Währungsunion bleibe oder austrete – wobei er für Letzteres votiert.

Ganz anderer Meinung ist Charles Dallara, der Chef des Institute of International Finance, einer globalen Vereinigung von Finanzinstituten. In einem Interview mit Bloomberg erklärte er, dass ein Austritt Griechenlands nicht beherrschbar wäre und in der Katastrophe enden würde. Sein Institut hat berechnet, dass der griechische Exit über eine Billion – also tausend Milliarden – Euro kosten und die Europäische Zentralbank (EZB) in die Insolvenz treiben würde.

Angesichts so weit auseinanderliegender Expertenmeinungen ist es für die Anleger noch schwieriger als ohnehin schon, vernünftige Investitionsentscheide zu treffen. BILANZ analysiert deshalb die Lage, zeigt die besten Anlagen für verschiedene Risikoprofile (siehe «Profil» Seiten 90 bis 94) und schätzt ab, welche Strategie über die nächsten Jahre die grössten Erfolgschancen haben dürfte (siehe Nebenartikel «Gegen den Trend»).

Kein Problem oder Chaos? Ist Fabers oder Dallaras Prognose wohl verlässlicher? Faber hat sich unter anderem einen Namen gemacht, indem er die Goldhausse bereits im Jahr 2002 richtig prognostizierte. Bei einem Stand des Goldpreises von 250 Dollar pro Unze prophezeite er, dass der Kurs über 1000 Dollar steigen würde – heute steht er bei rund 1600 Dollar. Faber hat auch schon den Börsencrash 1987 und danach auch so manche andere Entwicklung richtig vorhergesehen.

Die Katastropheneinschätzung von Dallara muss dagegen vor dem Hintergrund gewichtet werden, dass sein Institut von den grössten 450 Banken und Versicherungen weltweit getragen wird. Zur Hälfte von Instituten aus Europa, also auch griechischen, spanischen sowie sieben schweizerischen, darunter Credit Suisse, UBS, Swiss Re und Zurich. Denn die Finanzindustrie hat durchaus ein Interesse daran, den Teufel an die Wand zu malen: Sie würde bei einem Austritt von Griechenland wohl am meisten zur Kasse gebeten. Viele Finanzinstitute riskierten sogar die Pleite, wenn sie nicht erneut von Steuerzahlern und Zentralbanken gerettet würden. So schätzt dies Nouriel Roubini ein, Professor für Ökonomie an der Stern School of Business, einer von nur wenigen, welche die US-Immobilienkrise richtig vorhergesagt haben.

Die EU hat vermutlich nur noch die Wahl, entweder Griechenland zu retten oder die Finanzindustrie direkt mit neuem Kapital auszustatten. Tut sie weder das eine noch das andere, dürfte das zu Unruhen nicht nur in Griechenland, sondern auch im übrigen Europa führen. Die Bankomaten würden dann wohl plötzlich kein Geld mehr aus­spucken, nicht nur in der EU nicht, ­sondern möglicherweise auch in der Schweiz. Dann könnte es zu einem ­veritablen Bankensturm kommen und damit zum Zusammenbruch des ganzen Finanzsystems.

Die EU kann das verhindern, denn Marc Faber hat wahrscheinlich recht mit seiner Annahme, Europa sei dafür stark genug. Die Währungsunion wird diesbezüglich unterschätzt, und die EZB wird auch nicht insolvent werden, wie Dallara meint. Eine Zentralbank kann im Prinzip nicht bankrottgehen, allenfalls kann sich ihre Währung entwerten. Danach sieht es beim Euro in der Langfristperspektive aber nicht aus. Das lässt sich anhand der Entwicklung gegenüber dem Dollar zeigen: Bei der Einführung des Euro als Bargeld im Jahr 2002 notierte er bei nur 89 Cent, heute sind es rund 1.25 Dollar, die ein US-Amerikaner für einen Euro bezahlen muss.

USA wie Griechenland. Das mag auch an der Schwäche der USA liegen. Aber dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird jedenfalls keine akute Zahlungsunfähigkeit unterstellt. Zumindest sind die Schuldzinsen der USA im Gegensatz zu den griechischen auf einem historischen Tief – obwohl die Schulden der USA auch sehr hoch sind im Vergleich zur Wirtschaftsleistung des Landes (siehe Grafiken unter 'Downloads'). Würden die Zinsen auf ein Niveau von Anfang der achtziger Jahre steigen, dann müssten die USA sämtliche Staatseinnahmen aus Steuern und Gebühren für den Schuldendienst verwenden und hätten keinen Cent mehr für Infrastruktur, Militär, Schulen, Gesundheitswesen und soziale Netzwerke. Die Folge wären soziale Unruhen wie in Griechenland.

Dass es in den USA bisher nicht so weit gekommen ist, liegt unter anderem daran, dass die US-Zentralbank nicht davor zurückschreckt, direkt Schuldpapiere des eigenen Staates für Tausende von Milliarden Dollar zu kaufen. Gemäss Lehrbuch sollte das zwar Inflation auslösen, was zu einer schleichenden Entwertung der Anlegervermögen führen würde. Allerdings ist die Inflationswahrscheinlichkeit eher gering, solange es der Wirtschaft schlecht geht und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Die Inflation ist denn bisher auch eher ein Gespenst geblieben. In der Schweiz etwa ist Deflation trotz tiefen Arbeitslosenraten nach wie vor das drängendere Problem (siehe Grafiken unter 'Downloads').

Während in den USA entschlossen gehandelt wird, folgt in der EU ein ergebnisloser Krisengipfel auf den anderen. Noch schlimmer geworden ist es, seit das Dreamteam Merkozy von den französischen Wählern auseinandergerissen wurde. Die Harmonie von Angela Merkel und Nicoloas Sarkozy ist Geschichte, die Einigkeit zwischen Deutschland und Frankreich passé. Merkel und der neue französische Präsident, François Hollande, sind sich uneinig.

Wegen der Uneinigkeit in der EU ist das Katastrophenszenario mit einem Bankensturm nicht ausgeschlossen. Die Anleger sollten sich dazu eine Strategie überlegen, genau wie dies bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eine Task Force macht.

Für die Anleger spielt in dem Szenario etwa die Einlegerschutzgrenze bei Schweizer Bankkonten von maximal 100 000 Franken eine Rolle. Eine Aufteilung von grösseren Vermögen auf verschiedene Banken ist empfehlenswert. Auch Edelmetalle wie Gold und Silber gehören in diesem Szenario ins Depot – oder gleich unters Kopfkissen. Wenn die Situation allerdings ganz desolat wird, ist zu bedenken, dass Gold weder Hunger noch Durst stillt. Bei einem Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems könnte es tatsächlich erste Wahl sein, Ackerland zu besitzen, wie es Marc Faber und auch der Rohstoffprophet Jim Rogers schon lange empfehlen (siehe Nebenartikel «Profil 1: Der Ängstliche»).

Antizyklisch. Anleger, die sich sehr stark auf das Desasterszenario ausrichten wollen und in sichere Anlagen flüchten, sollten aber eine Erkenntnis aus der Behavioral Finance beachten, einer Disziplin, in der das Verhalten der Anleger studiert wird – vor allem das Fehlverhalten. Eines hat sich dabei immer wieder gezeigt: Anleger handeln zyklisch. Sie kaufen, wenn die Märkte schon gestiegen, und verkaufen, wenn die Kurse bereits gefallen sind. Das Resultat ist die Umkehrung von «buy low, sell high» und sorgt für Verluste. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Thorsten Hens, Finanzprofessor an der Universität Zürich, die derzeitige Sicherheitssuche der Anleger etwas zynisch kommentiert: «Sicherheit sollten Anleger kaufen, wenn die Sonne scheint, nicht dann, wenn es regnet.»

Hens selbst hat sich im März – bei Sonnenschein über dem Deutschen Aktien­index (DAX), der damals auf 7000 Punkte gestiegen war – einen Mini Future Short gekauft, mit dem sich auf sinkende Kurse setzen lässt. «Ich habe mich dann zuerst geärgert, dass ich verloren habe, weil der DAX weiter bis auf 7300 Punkte gestiegen ist», erzählt er. Inzwischen steht der DAX bei 6300 Punkten, und Hens freut sich über die Absicherung, die ihm dieses Instrument bietet.

Anlegern, die jetzt im Regen Sicherheit suchen, empfiehlt Hens, eine persönliche Schmerzgrenze festzulegen, unter die das Vermögen nicht sinken soll. Die einfachste Variante, dies sicherzustellen, ist, mit Stop-Loss Order zu arbeiten, also eine Limite zu setzen, bei deren Unterschreiten automatisch Verkaufsaufträge ausgelöst werden. Eine weitere Option ist es, Obligationen zu kaufen und den Rest des Vermögens in Anlagen mit hohem Potenzial zu investieren (siehe Nebenartikel «Profil 2: Der Vorsichtige»). Oder etwas mehr Risiko einzugehen (siehe Nebenartikel «Profil 3: Der Wagemutige»).

Vorsicht. Dass diese Anlagevarianten alle auf der vorsichtigen Seite sind, ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Probleme der Weltwirtschaft derzeit wirklich gigantisch sind. Marc Faber schätzt die Wahrscheinlichkeit auf 100 Prozent, dass es bis Herbst oder nächsten Frühling zu einer globalen Rezession kommt. Denn China, die Lokomotive der Weltwirtschaft, werde sich abkühlen, so Faber. Ein Hauptargument dafür ist, dass der Boom Chinas bisher vor allem auf Exporten in die USA und nach Europa gebaut war. Jetzt geht es den Abnehmerländern schlecht, und das zeigt sich auch in den Handelsüberschüssen von China. Erreichten diese 2008 ein Höchst bei rund 300 Milliarden Dollar, haben sie sich inzwischen halbiert.

Eine globale Rezession wäre schlecht für Anlagen in Aktien. Kommt hinzu, dass diese Anlageklasse derzeit nicht generell günstig ist, auch wenn die Kurs-Gewinn-Verhältnisse derzeit im historischen Vergleich teilweise sehr tief sind. Für die langfristige Abschätzung der Bewertung von Aktien eignet sich ohnehin die Shiller P/E Ratio besser: Sie verwendet nicht die Unternehmensgewinne von einem Jahr als Massstab, sondern – vereinfacht gesagt – die durchschnittlichen Gewinne über die zurückliegenden zehn Jahre. Und dass die Shiller P/E Ratio noch leicht über dem langjährigen Durchschnittswert liegt, mahnt zur Vorsicht (siehe Grafik «Besser gerechnet» unter 'Downloads').

Es sieht für Anleger nicht gut aus, und es ist gut möglich, dass in den nächsten Jahren viel Kapital vernichtet wird. Aber gerade in solchen Zeiten können Risikofreudige sich Vermögen verdienen. Wer es versuchen möchte, findet Anlagevorschläge dazu Nebenartikel «Profil 4: Der Tollkühne».

Jetzt das Risiko zu erhöhen, also Aktien im grossen Stil zu kaufen, ist freilich nur etwas für Anleger, die auch grosse Verluste verkraften können. Einer, der diese Voraussetzung erfüllt, ist sicher der Mexikaner Carlos Slim. Er ist der reichste Mensch der Welt ist und will sich jetzt mit seinem Familienimperium für über drei Milliarden Euro in den europäischen Telekomkonzern Royal KPN einkaufen. Sein Sohn, Carlos Slim Domit, sagt zum Kauf, dass in harten Zeiten Gelegenheiten genutzt werden sollten. Für Europa sei diesbezüglich ein guter Moment. Griechenland und die Probleme, die das Land Europa bereitet, hat er dabei nicht vergessen. Ganz im Gegenteil: Er sieht die grossen Chancen, die sich daraus ergeben.

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