Noch vor wenigen Jahren standen einige der grossen Schweizer Versicherer unmittelbar vor dem Konkurs. Swiss Life und «Zürich» retteten sich mit Kapitalerhöhungen, und die Credit Suisse griff der «Winterthur» mit Milliardenbeträgen unter die Arme. Denn die anhaltende Börsenbaisse zeigte, dass kaum eine inländische Versicherungsgesellschaft ihre Kapitalanlagen im Griff hatte. Bei den Aktien war das Risiko der Kursrückgänge zu wenig berücksichtigt worden. So schmolzen mit der Börsenbaisse die Eigenmittel dahin.

Deshalb verpasst das Bundesamt für Privatversicherungen (BPV) der schweizerischen Assekuranz nun ein neues Instrument zur Risikosteuerung. Der Swiss Solvency Test berücksichtigt auch die Anlagerisiken und beurteilt Risikofähigkeit und Sicherheit der Versicherer. Damit ermöglicht er die ökonomisch korrekte Einschätzung der Risiken auf der Aktiv- und der Passivseite der Bilanz. So können die erforderlichen Reserven zurückgestellt werden. Die bisherige Berechnung des als Solvabilitätsreserven bezeichneten Sicherheitspolsters basierte lediglich auf dem Volumen und nicht auf der Verpflichtungsart. So mussten zum Beispiel im Geschäft mit der beruflichen Vorsorge generell fünf Prozent der Verpflichtungen mit Reserven unterlegt sein – und zwar unabhängig davon, wie die Gelder auf der Aktivseite angelegt waren. Doch in der Praxis haben Aktien ein bedeutend höheres Risiko als Obligationen und erfordern deshalb auch höhere Reserven, um die Kursschwankungen aufzufangen.

Nun liegen die ersten Ergebnisse eines Feldversuches mit dem Swiss Solvency Test vor. BPV-Direktor Herbert Lüthy präsentierte sie an einer Tagung des Schweizerischen Versicherungsverbandes und des Vereins Haftung und Versicherung. Dabei zeigten sich grosse Abweichungen zwischen der heute gesetzlich vorgeschriebenen Solvenz und den ab 2006 gültigen Solvenzregeln.

Die Grafik auf dieser Seite zeigt: Bei allen am Feldtest beteiligten Gesellschaften bestehen grosse Unterschiede auf der Aktiv- wie auf der Passivseite. Die meisten Gesellschaften stehen ökonomisch richtig bewertet besser da als bloss statutarisch bewertet wie bisher. Die Vermögen (Aktiven) sind infolge stiller Reserven meist höher, die Verpflichtungen der Versicherer meist tiefer.

Die Umsetzung des Swiss Solvency Test zeigt bei einzelnen Gesellschaften Reservedefizite auf und löst damit einen Nachfinanzierungsbedarf aus. Bis zum Jahr 2011 haben sie Zeit, ihre Reserven aufzustocken. Einige Gesellschaften können Kapitalerhöhungen durchführen, anderen wird dies aus eigener Kraft nicht möglich sein. Die letzteren sind somit potenzielle Übernahmekandidaten, was schliesslich zu einer weiteren Konzentration in der Versicherungswirtschaft führen wird.

Der Swiss Solvency Test hilft den Gesellschaften zukünftig dabei, das Risiko ökonomisch korrekt zu steuern, und dient gleichzeitig als Frühwarnsystem. Die Schweiz übernimmt damit einmal mehr die Pionierrolle in Europa. Denn das Projekt Solvency 2 der EU wird zurzeit auf politischer Ebene verwässert. So bringt der vom BPV verordnete Fitnesscheck den Schweizer Gesellschaften langfristig im internationalen Wettbewerb zweifellos Vorteile.

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