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Verlorene Generation: Zahlen müssen alle

Die Generation 40 wird zur Kasse gebeten. (Illustration: Stephan Liechti)

Älter, gesünder, spendabler: Den ­Rentnern geht es heute so gut wie nie zuvor. Das ist schön, strapaziert aber die ­Sozialwerke. Die Zeche ­bezahlt die Generation unter 40. Das ist nicht schön. Doch noch ­fehlen neue Lösungsansätze.

Von Ueli Kneubühler
26.06.2012

Sie füllen Züge, klettern auf Berge, gehen in die Oper, reisen um die Welt: Die heutigen Rentner sind nicht nur so fit wie nie zuvor, sie geben auch Geld aus wie nie zuvor. Keine Rentnergeneration war je so vermögend. Während die Vorgängergeneration, geprägt von den Kriegsjahren, jeden Franken dreimal umdrehte, gibt sich die aktuelle Rentnergilde hedonistisch: Nespresso Volluto statt Zichorienkaffee. Durchschnittlich 20 Jahre bleiben den Babyboomer-Rentnern heute nach der Pensionierung. Wer Däumchen dreht, ist selbst schuld. Heute flitzen einem grau melierte E-Biker um die Ohren, Kreuzfahrten sind ausgebucht, und Globus und Co. werden überrannt von der ergrauten Kaufkraft. Im Alter steigen nicht nur die Gesundheitskosten. Wer die 65 passiert hat, ist wesentlich spendierfreudiger.

Wieso auch nicht? Ein Erwerbsleben lang zahlten sie AHV- und Pensionskassenbeiträge ein. Mit 64 beziehungsweise 65 Jahren kommt der Return on Investment – noch. Auch ich ­investiere und schufte, damit es dereinst für den Nespresso Volluto reicht. Die Tendenz geht aber eher zurück in Richtung Zichorienkaffee. Die Sozialwerke sind Schönwetterkonstrukte, das zeigt sich ­­exemplarisch an der zweiten Säule: Wirtschaftskrisen, Börsencrash, überalterte Gesellschaft. Die Väter der Pensionskasse klammerten Schwankungen aus. Beim Start der gesetzlich ­verankerten beruflichen Vorsorge 1985 setzten sie einen linearen Verlauf voraus. Doch dreht der Wind, dann wird es ungemütlich – wie jetzt.

Vom jüngsten Börsencrash haben wir uns bis heute nicht ­erholt, die Wirtschaftskrise ist so aktuell wie nie zuvor, und die Gesellschaften in der westlichen Welt sind zunehmend über­altert. Die Rechnung ist einfach: Am ­Kapitalmarkt lassen sich nur noch Minirenditen erwirtschaften, die Zahl der Berufstätigen sinkt, jene der Rentner nimmt überproportional zu, die ­Bilanz der Beitragszahler im Verhältnis zu den Bezügern gerät zusehends in Schieflage (siehe Grafik unter 'Downloads').

Kalte Enteignung. Je nach Rechnungsmodell subventionieren die Jungen (aktive Beitragszahler) die Alten (Rentner) bereits heute mit jährlich zwischen 1 und 3,5 Milliarden Franken. Das widerspricht der Idee der beruflichen Vorsorge, die nach dem Kapitaldeckungsverfahren funktioniert – jeder finanziert sich seine eigene Rente. Das klappt allerdings nur, solange die Zahl der Einzahler grösser ist als jene der Bezüger und eine genügend hohe Rendite auf den Altersguthaben erwirtschaftet wird. Die heutigen Bezüger haben nur während einer gewissen Zeit ihres Erwerbslebens Pensionskassen-Beiträge bezahlt. Erst 2025 werden zum ersten Mal Renten ausgeschüttet, die auf einer vollen Beitragsdauer basieren. Realwirtschaftlich lässt sich das Kapitaldeckungsverfahren nicht umsetzen. Die Zinsen am Kapitalmarkt sind heute nahe null. Doch das angesparte Kapital der Erwerbstätigen wird mit 1,5 Prozent verzinst.

Die Rechnung geht nicht auf. Noch viel weniger Sinn machen die unverhältnismässig hohen 3,5 Prozent, die Rentner auf ihrem Sparkapital erhalten. Die Gewerkschaften sprechen von einer kalten Enteignung der jüngeren Generation. Nicht zu ­Unrecht. Der Umwandlungssatz von gegenwärtig 6,8 Prozent – er gibt an, zu welchem Satz das in der Pensionskasse angesparte Altersguthaben in eine Rente umgewandelt wird – verschärft die Situation zusätzlich. Der Satz ist politisch fixiert und zu hoch. Sinnvoller wäre ein trockener, mathematisch ­kalkulierter und entpolitisierter Satz beim Eintritt ins Rentenalter.

Die Menschen werden immer älter und zehren entsprechend länger vom angesparten Kapital. Pensionäre ­beziehen heute ein Altersguthaben, das bis zu einem Drittel höher ist, als was sie selbst angespart haben. Die Krux: Die Leistungen der heutigen Rentnergeneration sind unantastbar, die sogenannten wohlerworbenen Rechte eine heilige Kuh. Wehe dem, der es wagt, Rentner an der Sanierung der zweiten Säule beteiligen zu wollen. Bankrotterklärung, Sargnagel für die zweite Säule, so heisst es von links.

Die Idee einer Sozialversicherung ist aber nicht, dass Junge die Renten der Alten finanzieren. Sozial heisst, dass jeder nach seinen Möglichkeiten zur Sanierung beiträgt, auch die Rentner. Die Politik machte bislang keine Anstalten, das heisse Eisen anzupacken. So werden die steigenden Leistungen der Babyboomer-Rentner wie auch die Risiken der Sanierung auf dem Rücken der jungen Generation finanziert. Das gilt nicht zuletzt für die erste Säule. In sieben Jahren schreibt sie rote Zahlen, rechnet der Bund vor. 2024 droht ein Defizit von drei Milliarden Franken, ab 2029 rutscht das Kapitalkonto der AHV ins Minus.

Wir Junge kommen für Milliarden auf, gleichzeitig ver­kleinert sich unser Vorsorgetopf, und wir nehmen es schulterzuckend hin. Gehöre ich deswegen zur verlorenen Generation?, wie einige Redaktionskollegen – alle über 40 – orakeln. Bestimmt nicht. Natürlich gefällt mir die Entwicklung nicht, natürlich will ich mir im letzten Lebensabschnitt nicht permanent Sorgen über meine finanzielle Situation machen müssen. Dass ich in 30 Jahren tatsächlich eine niedrigere Rente bekomme, damit habe ich mich längst abgefunden. Was bleibt mir anderes übrig? Womöglich arbeite ich auch länger als bis 65. Womöglich kann ich kein oder weniger Kapital vorbeziehen. So richtig ärgern mag ich mich nicht. Ich kann mich lange genug darauf vorbereiten. Jeden Monat wandert ein Teil meines Lohnes in die Vorsorgewerke. Der ist – zumindest für mich – verkraftbar. Kommt hinzu, dass sich die Situation in den ­ersten beiden Säulen schleichend verschlechtert, der Knall­effekt bleibt aus, der Aufschrei auch. Die Lobby für die Anliegen der U40-Generation ist entsprechend klein.

Dogmatische Schatten. Die demografische Entwicklung lässt sich nicht steuern. Etwa im Jahr 2040 dürfte laut Berechnungen des Bundes die Rentnergeneration die Oberhand haben. Raffinierter steuern liesse sich dagegen der dritte Beitragszahler. Die Performance der Schweizer Pensionskassen ist mit einer Minusrendite von 0,3 Prozent mehr als nüchtern. Ein ­Paradigmenwechsel täte not. Weg von risikoscheuen, passiven Anlagen hin zu einer offensiven, langfristigen und vor allem kreativen Strategie, in der auch einmal eine Minusper­formance möglich ist, ohne dass gleich der Angstschweiss ausbricht (siehe BILANZ 11/12: «Revolte des Kapitals»). Wie wäre es mit mehr ­dividendenstarken Aktien statt der drögen Bonds, die auf ­absehbare Zeit darben? Eine höhere Aktienquote führt langfristig nachweislich zu einer höheren Rente. Die Schweizer Pensionskassen sitzen auf 800 Milliarden Franken. Damit lässt sich auch einmal ein schwaches Jahr durchstehen, ohne nervös zu werden.

Und weshalb nicht in langfristige Infrastrukturprojekte investieren? Oder in die Bildung? Schliesslich sinken mit der Überalterung nicht nur die Rentenbeiträge, sondern es sinkt auch die Produktivität der Volkswirtschaft. Das setzt aber eine Professionalisierung der Pensionskassen voraus. Doch solange Politiker, linke wie rechte, Pensionskassenberater und Lobbygruppen in der verkrampften und ver­politisierten Debatte nicht über ihren dogmatischen Schatten springen, ist kein ­Befreiungsschlag zu erwarten. Über Umwandlungssatz und Mindestzins muss man diskutieren, eine Senkung ist wohl ­unumgänglich. Mehr als Pflästerlipolitik ist das indes nicht.

Jammern statt anpacken. Es wäre an der Zeit, die Froschperspektive zu verlassen und Grundsatzfragen zu stellen. Wir haben ein Systemproblem. Das ist allen bekannt, und dennoch bleiben kreative Lösungen aus. Ob das daran liegt, dass im Umfeld der prall gefüllten Honigtöpfe eine Armada von Profiteuren es sich gut gehen lässt? Gleiches gilt für das reform­bedürftige Gesundheitswesen. Die Krankenkassenprämien steigen schleichend. Ein 71-jähriger Mann kostet jährlich rund 17 000 Franken, das 21-jährige Pendant fast sechsmal weniger. Bei einem 91-Jährigen erhöht sich der Hebel auf das 16fache. Lösungen müssen her. Die Anfang Jahr eingeführten Fallpauschalen und die freie Spitalwahl sind zu begrüssen, die gros­sen Kosten lassen sich damit aber nicht einsparen. Mit der zweiten Säule jedenfalls steht es offenbar noch nicht so schlecht, wenn die politischen Akteure immer noch den verbalen Zweihänder schwingen können. Im schlechtesten Fall werden systemrelevante Korrekturen erst dann angebracht, wenn die heutige U40-Generation vor der Pension steht und die Auswirkungen gekürzter Renten unmittelbar zu spüren bekommt.

Heute geben mir das Gejammer und die Unfähigkeit, die Probleme anzupacken, viel mehr zu denken als das, was mich mit 65 Jahren erwartet. Der Fatalismus von Freunden, die einen Pfifferling auf die staatliche Vorsorge geben und sich auf das Nichts einstellen, geht mir ab. Unser Drei-Säulen-Prinzip ist eine Institution, die es in ähnlicher Form auch in dreissig Jahren geben wird. Doch ernsthaft setze ich mich erst damit auseinander, wenn die 65 (bis dann vielleicht die 68) in Sichtweite sind.

Das Danach interessiert mich, Sorgen mache ich mir aber nicht. Wichtiger ist das Jetzt. Auf eine schöne Wohnung will ich nicht verzichten, leckeres Essen und ein gutes Glas Wein sind Lebensqualität. Vorgestern China, gestern Japan, morgen Neuseeland, am Wochenende Istanbul oder Hamburg: Reisen ist für die unter 40-Jährigen selbstverständlich, vor 30 Jahren war es das nicht. Wenn Rentner das heute nachholen und um den Globus jetten, so sollen sie das tun. Sie sind heute vielleicht bessergestellt als ich dereinst. Tauschen möchte ich trotzdem nicht.

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