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Uhrmacherei: Grosse Kunst auf kleinstem Raum

Bewusst schlichtes Kleid für sensationelle Mechanik: Gübelins Jubiläumsuhr.

Marion Müller, Horlogère complète, hat der Gübelin-Jubiläumsuhr ein dreiachsiges Tourbillon eingepflanzt. Kenner ziehen den Hut.

Veröffentlicht 14.04.2004

Uhrmacherei auf höchstem Niveau ist eine traditionsbewusste Kunst. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Werkzeugen – an der kleinen, altertümlichen Maschine zum Beispiel, die Marion Müller unter ihrer Werkbank hervorholt. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Stück aus dem Spielzeugmuseum, erweist sich als hochpräzise Drehbank. «Ich habe das Gerät einem alten Uhrmacher abgekauft», erzählt sie, «es ist bestimmt hundert Jahre alt.» Mit einer Lupe bewehrt, hat die 39-jährige Ausnahmekönnerin Dutzende von Stunden über dieser Antiquität verbracht und darauf unter anderem winzige Achsen gedreht. Diese Teilchen gehören zum Herzstück der Taschenuhr Turbulences, der Weltneuheit, die Müller und ihr Arbeitgeber Gübelin Anfang Jahr präsentiert haben.

Noch bedeutend älter als Marion Müllers ganz persönliche Drehbank – grosse Uhrmacher arbeiten, wo immer sie auch beschäftigt sind, mit eigenem Werkzeug – ist der technische Meilenstein, an den die Turbulences anknüpft. 1795 erfand Abraham Louis Breguet das so genannte Tourbillon, einen ingeniösen Drehmechanismus. Er diente dazu, die Ungenauigkeit seiner Taschenuhren aufzuheben, die auf den Einfluss der Erdanziehung zurückzuführen ist. Eine Erfindung, die auch heute noch eine der grössten handwerklichen Herausforderungen für die traditionelle Uhrmacherei darstellt.

Marion Müller und die Uhrmacherlegende Richard Daners, der die Turbulences konzipiert hat, haben Breguets Korrekturmechanismus auf die Spitze getrieben. Sie konstruierten ein Tour-billon, das sich in drei rechtwinklig zueinander stehenden Achsen dreidimensional dreht. Und dies alles in einer Taschenuhr. «Uns Uhrmacher reizt immer das Neue, das noch nie Dagewesene», erläutert Marion Müller ihre Motivation, sich eines bisher als unlösbar geltenden technischen Problems anzunehmen.

150 Jahre Gübelin
Diskretes Haus


Gübelin ist – und bleibt – in der Familie.


Gübelin feiert Geburtstag. Das Traditionsunternehmen mit seinen sieben Filialen in den grössten Schweizer Städten wird 150 Jahre alt. Gübelin ist ein Familienunternehmen, und zwar bereits in fünfter Generation. Dies sei, so VR-Präsident Thomas Gübelin, in einer Zeit der Globalisierung und der börsenkotierten Firmen «eine Besonderheit». Speziell ist auch das Geschäftsmodell des Unternehmens: Gübelin ist einerseits Händler und verkauft renommierte Marken, stellt aber andererseits auch eigene Uhren und Schmuck her.


Umsatz- und Gewinnzahlen veröffentlicht das Unternehmen keine. Das Einzige, was sich Thomas Gübelin entlocken lässt, sind Informationen wie der jährliche Verbrauch von Gold (25 Kilo) und Diamanten (26 000 Stück) in den eigenen Ateliers. Sein Unternehmen, das räumt Gübelin ein, hat schon bessere Tage gesehen. «In den anspruchsvollen Jahren, die hinter uns liegen, haben wir stark abgebaut.» Seit dem Jahr 2000 wurde die Zahl der Mitarbeiter um 20 Prozent auf heute 160 reduziert und ein Ableger in Grindelwald kurzerhand geschlossen. Für das laufende Jahr allerdings gibt sich der Patron optimistisch. Besonders viel verspricht er sich von den chinesischen Touristen, die dank vereinfachten Reisebestimmungen ab diesem Sommer in die Schweiz reisen könnten. Gübelin erzielt rund die Hälfte seines Umsatzes mit Touristen, im legendären Vorzeigegeschäft am Luzerner Schwanenplatz sind es gar 85 Prozent.


Die Turbulences von Richard Daners und Marion Müller liess das Unternehmen vor allem aus Marketingüberlegungen anfertigen. Im Verwaltungsrat, so verrät Thomas Gübelin, habe man lange darüber debattiert, ob es sich wirklich rechtfertigen lasse, eine Mitarbeiterin mehr als zwei Jahre für dieses Vorhaben freizustellen. Doch schliesslich überwog der Reiz, «in der Liga der Tourbillon-Macher mit dabei zu sein». Und zudem versprach die Weltneuheit einen ausserordentlich guten Aufhänger fürs Gübelin-Firmenjubiläum.

Das ganze, 2,8 Gramm leichte Drei-Achsen-Tourbillon mag eine Spielerei in höchsten technischen Höhen sein, aber es bedeutet auch technischen Fortschritt. Ein einachsiges, nur in einer Ebene drehendes Tourbillon nämlich kann die so genannte Lagedifferenz nur ausgleichen, wenn die Uhr aufrecht getragen wird. Die dreiachsige Weiterentwicklung hingegen korrigiert die Ungenauigkeit auch dann, wenn der Besitzer seine Uhr zum Beispiel über Nacht auf dem Pult liegen lässt.

Eine für den Alltag nicht eben relevante Innovation, wie die Meisteruhrmacherin gerne einräumt. Doch die Genauigkeit mechanischer Uhren zu perfektionieren, sei im Prinzip müssig, seit es Quarzuhren gebe. Marion Müller tut genau dies mit Leidenschaft. Denn, so sagt sie, «eine Quarzuhr ist für mich keine Uhr, sondern reine Zeitanzeige».

Eine richtige Uhr hingegen lebt. Man hört sie. Man fühlt ihren Puls. Ein Meisterwerk wie die Turbulences liegt trotz filigransten Bestandteilen 250 Gramm schwer in der Hand. Und sie erlaubt dem Betrachter einen Blick in ihr geheimnisvolles Inneres, das dreidimensionale Tourbillon, das sich in einer eigenartigen Schwerelosigkeit bewegt und dessen komplexe Bewegungen sich mit dem Auge nie wirklich erfassen lassen. Eine Uhr wie die Turbulences ist ein kleines Universum, der gemächlich tickende Beweis menschlichen Erfindungsgeists, Galaxien entfernt von einer banalen Zeitanzeige.

Marion Müller mag sich solche Gedanken machen, doch ungefragt gibt sie diese nicht preis. Ihrem grossen Ansehen zum Trotz ist sie die Bescheidenheit in Person: zurückhaltend und etwas schüchtern, wie man sie sich als 16-jähriges Mädchen aus Neuhausen vorstellt, das einst bei IWC im benachbarten Schaffhausen seine Lehrstelle als Uhrmacherin antrat. Und diesen Wurzeln ist die Uhrmacherin treu geblieben: Sie trägt selbst eine IWC. Das heisst, wenn nicht gerade eine Jaeger-Le Coultre mit ewigem Kalender ihr Handgelenk ziert. Oder, wie heute – und das ist ihr fast etwas peinlich –, eine Quarzuhr. Sie sei ganz einfach fasziniert, sagt Marion Müller, von den Hightechfunktionen der Tissot T-Touch.

Die Geschichte der Turbulences beginnt, als Richard Daners im Herbst 2000 bei Gübelin die Verantwortung für Unikate an Marion Müller übergibt. Dabei macht er seiner jungen Nachfolgerin den mehr als kühnen Vorschlag, ein Drei-Achsen-Tourbillon zu entwickeln. «Zuerst bin ich erschrocken, denn ich hatte bisher noch überhaupt kein Tourbillon gebaut.»

Die herausfordernde Idee wurde zum Auftrag, als Patron Thomas Gübelin beschloss, das 150-Jahr-Jubiläum des Familienunternehmens (siehe «Diskretes Haus» links) mit dem Bau einer uhrmacherischen Parforceleistung zu würdigen. Eine Uhr, die unter Kennern und Sammlern weltweit für Aufsehen sorgen sollte.

Zuerst machte sich Marion Müller mit den dreiachsigen Tourbillons vertraut, die – in ungleich grösseren Dimensionen allerdings – bereits früher für Tischuhren entwickelt worden waren. Richard Daners lieferte erste Skizzen für das mögliche Zusammenspiel aller Bestandteile. Dann machte sich die Uhrmacherin daran, anhand von detaillierten Konstruktionszeichnungen die 221 Teilchen des Tourbillons zu fräsen, zu drehen, zu bohren, zu schleifen und zu polieren. Bis sie schliesslich das im Durchmesser keine zwei Zentimeter grosse Wunderwerk zusammenfügen konnte. Ein mit Bangen erwarteter Moment: «In unserem Metier ist nie klar, ob sich eine Idee verwirklichen lässt – sie kann noch so gut sein.»

Marion Müller zweifelte zwar nicht daran, dass ihre Konstruktion im Prinzip funktionieren würde. Doch eine grosse Unbekannte war die Kraft. Wie viel Kraft würde nötig sein, um ein Dreifach-Tourbillon in Gang zu halten? Bereits ein einachsiges Tourbillon, so viel war bekannt, verschlingt doppelt so viel Kraft wie eine normale Hemmung.

Daners und Müller gingen auf Nummer sicher und versahen die Turbulences mit zwei der grösstmöglichen Federhäuser. Wie sich zeigen sollte, als die Uhrmacherin ihre Schöpfung im Sommer 2003 zum ersten Mal vollständig zusammenbaute, produzierte dieser Antrieb gar zu viel Kraft. Also liess Marion Müller in einer Spezialanfertigung schwächere Federn herstellen.

Federn und Federhäuser zählen zu den ganz wenigen der insgesamt rund vierhundert Bestandteile der Turbulences, die Marion Müller nicht in Handarbeit selbst hergestellt hat. Eine aussergewöhnliche Leistung, denn auch Uhrmacher, die Einzelstücke anfertigen, stellen ihre Unikate nie von A bis Z selbst her.

Doch Marion Müller hat die Turbulences nicht nur aus Prinzip in 2000 Stunden Arbeit ganz allein erschaffen. Gewisse Bestandteile hätte sie durchaus von fremden Herstellern bezogen, stiess dabei aber auf ungeahnte Schwierigkeiten – etwa beim Kugellager, das die erste Tourbillon-Ebene bildet. Müller verschickte dazu einen Plan mit Bitte um Offerte an ein halbes Dutzend Spezialfirmen. Die einzige Antwort, die sie auf ihre Anfrage erhielt, entsprach nicht ganz ihren Vorstellungen. Lieferfrist: mindestens ein Jahr. Preis: nicht unter 20 000 Franken.

Da beschloss die Uhrmacherin kurzerhand, auch dieses Teilchen selbst herzustellen – exklusive der 94 roten Kügelchen, auf denen das Lager dreht. Sie messen ganze 0,6 Millimeter und sind der besonderen Gleiteigenschaften wegen aus Rubin gefertigt.

Die heutige Meisteruhrmacherin Müller träumte als junge Frau nicht davon, die höchsten Gipfel ihrer Kunst zu erklimmen. Sie dachte weder daran, Weltneuheiten zu lancieren, noch hatte sie vor, Patente anzumelden. Wenn sie von ihrem Werdegang erzählt, hat man den Eindruck, sie sei fast ohne eigenes Zutun in die heutige Aufgaben hinein-gewachsen.

Zur vierjährigen Lehre als Horlogère complète entschloss sie sich, weil sie geschickte Hände hatte und in ihrem eigentlichen Wunschberuf – sie wäre gern Goldschmiedin geworden – keine Lehrstelle finden konnte. Damals sei dies halt noch ein reiner Männerberuf gewesen, meint sie. In der Uhrenbranche aber war man über talentierte Lehrlinge froh, ganz gleich welchen Geschlechts.

Anfang der Achtzigerjahre befand sich die Industrie tief in der Krise, und die Aussichten waren alles andere als rosig. Noch und noch wurde Marion deshalb bei ihrer Berufswahl vor einer unsicheren Zukunft gewarnt. «Aber», so sagt sie mit feinem Lächeln, «ich habe mich nicht beirren lassen.»

Auf die Lehre bei IWC folgten Stellen in der Reparaturwerkstätte von Omega, bei Chronometrie Beyer und bei Meister Uhren in Zürich, wo sie antike Uhren und komplizierte Mechanismen reparierte. 1996 schliesslich kam Marion Müller zu Gübelin nach Luzern und wurde endgültig zur Spezialistin für schwierige Restaurationen. Uhrenleichen neues Leben einzuhauchen, sagt sie, sei eine faszinierende Arbeit voller Erfolgserlebnisse, eine Beschäftigung, die «sichtbare Beweise der eigenen Leistung» liefere.

Heute hält Marion Müller mit der Turbulences-Uhr einen noch weit stärkeren Beweis ihrer Schaffenskraft in Händen. Nur schon der Preis des exklusiven Stücks: 680 000 Franken! Wie dieser Preis zu Stande gekommen ist, weiss die Uhrmacherin nicht. Für die Preispolitik sei die Geschäftsleitung zuständig. Kein Geheimnis ist allerdings, wer als Käufer der höchstens sieben Exemplare, die von der Turbulences dereinst gebaut werden sollen, in Frage kommt: schwerreiche Uhrennarren und Sammler.

Tragen wird diese Taschenuhr kaum jemand. Ihr künftiger Platz liegt nicht in einer Wamstasche, sondern in einem Safe oder in einer Ausstellungsvitrine. Eine Perspektive, die Marion Müller nicht im Geringsten stört. «Die Tatsache, dass jemand so viel Geld für eine Uhr ausgibt, zeigt, dass er Freude daran hat. Ob die Uhr schliesslich im Tresor liegen bleibt oder täglich betrachtet wird, spielt für mich keine Rolle.»

Drei ernsthafte Kaufinteressenten hat Marion Müller auf der Tour, die sie gegenwärtig mit ihrem Werk durch alle Gübelin-Filialen unternimmt, bis heute angetroffen. Besonders angetan waren mögliche Kunden vom unergründlichen Bewegungsablauf des Drei-Achsen-Tourbillons. Aber auch das schlichte Design der Uhr, das den Blick voll und ganz auf die technische Sensation lenkt, fand Gefallen. Wie viele Sammler ihrer Begeisterung tatsächlich eine Bestellung folgen lassen, wird sich unmittelbar auf Marion Müllers Arbeitsalltag auswirken – über Jahre. Hätte sie Lust, sechs weitere Turbulence-Exemplare herzustellen? «Eine zweite und vielleicht eine dritte Uhr», sagt die Meisteruhrenmacherin diplomatisch, «würde ich sehr gerne bauen.»

Doch in Gedanken, man ahnt es, ist sie längst zu neuen uhrmacherischen Abenteuern aufgebrochen.

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