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Technologieaktien: Attraktive Ziele

Private halten sich noch zurück, Risikokapitalisten und Banken investieren dagegen bereits wieder kräftig in Technologieaktien. Eine Übersicht über anstehende Megatrends und welche Firmen davon profitieren.

Von Stefan O. Waldvogel
09.05.2006

Selbst hartgesottene Ermittler der Kripo sollen schockiert gewesen sein, Lehrer und Eltern sowieso. Als sie sahen, welche Videoclips Schüler auf Mobiltelefonen gespeichert hatten, drehte sich so manchem Erzieher der Magen um: Stumpfe Gewalt, harte Pornografie, echte Mitschnitte blutiger Unfälle – heruntergeladen aus dem Internet, verteilt und angeschaut per Handy – haben Gummi-Twist und Schiffe-Versenken als bevorzugte Pausenunterhaltung auf dem Schulhof verdrängt.

Was die Öffentlichkeit entsetzt, zeigt zugleich, mit welch rasantem Tempo sich die Technik entwickelt. Dabei hat der Siegeszug der mobilen Geräte gerade erst begonnen. Die Handys der neusten Generation können zwar viel, was vor kurzem undenkbar schien. Aber «sie werden ebenso wie Blackberry und iPod schon in wenigen Jahren wie plumpe Oldtimer wirken», prophezeit Jouni Forsman, Analyst beim Marktforscher Gartner. Die gesamte Hightech-Branche erzielt derzeit wichtige Fortschritte bei Innovationen, viele Techniken stehen vor dem Umbruch – doch Technologieaktien stossen bei privaten Anlegern auf verbreitete Skepsis. Zwar ist Technologie noch immer ihre beliebteste Branche, und bekannte Namen wie Microsoft oder SAP finden sich in vielen Depots. Doch vor neuen Investments scheuen Anleger zurück, seit Hightech im Jahr 2000 zum Synonym für geplatzte Träume wurde.

Ganz anders die Banken und Risikokapitalgeber. Sie investieren wieder kräftig. Unkenrufe, frisches Geld fliesse nur noch in Biotechnologie, waren voreilig. Die Musik spielt international in der Technologiebranche: Internet und Telefon wachsen zusammen, das Fernsehen wird kurzerhand einverleibt. Milliardenbeträge müssen dort in die Infrastruktur investiert werden. Hacker, Virenschleuderer, Industriespione und Produktfälscher zwingen die Unternehmen, Jahr für Jahr mehr Geld in neue Sicherheitstechnik zu stecken. Computerspiele zaubern dreidimensionale Welten auf den Monitor und spornen Chiphersteller zu immer neuen Höchstleistungen an. Und in den USA hat der hohe Ölpreis einen wahren Run auf die Anbieter von Umwelttechnologie von Biogas bis Solarenergie losgetreten.

Hier die wichtigsten technologischen Trends und ihre Auswirkungen auf die Investoren.

Mobile Computer

Noch vor weniger als zehn Jahren liess sich mit klobigen Mobiltelefonen mobil telefonieren. Und sonst nichts. Inzwischen dudeln und versenden sie die neusten Musikhits, machen gestochen scharfe Fotos, drehen Kurzfilme und spielen Videos auf einem tadellosen Farbdisplay ab, das dem eines Laptops fast nur noch in der Grösse nachsteht. Südkorea bietet einen Vorgeschmack auf die allzeit mobile, digitale Welt von morgen. Dort zapfen Taxi- und Busfahrer wie selbstverständlich per Mobiltelefon Kameras an, die den Verkehr überwachen. Auf Farbdisplays erscheint in Echtzeit die Verkehrslage; der Routenplaner im Handy errechnet bei Stau in Sekunden die passende Ausweichstrecke. «Südkorea ist der weltweite Testmarkt für Mobiltechnologie», erklärt Fondsmanager Andre Köttner von Union Investment, «was die Anwender dort gut finden, geht zunächst nach Japan, dann nach Europa und in die USA.»

Der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung bringt regelmässig die interessantesten Handymodelle auf den Markt, die vor Funktionen nur so strotzen. Samsungs Aktie geriet zuletzt trotzdem ins Taumeln: Das eigene DVD-Nachfolgeformat Blu-Ray kommt nicht aus den Startlöchern, die Einführung des Abspielgeräts verschiebt sich. Toshiba hat ihren Player für das Konkurrenzformat HD-DVD bereits in den Handel gebracht. Aber Samsung hat im Zeitalter des Video- und Musikhandys noch mehr Eisen im Feuer. Der Konzern ist einer der grössten Hersteller von Speicherkarten, was deren Integration in die eigenen Handys erleichtert. Die Aktie erscheint nach der jüngsten Korrektur attraktiv. Interessant ist auch der Sensorspezialist Omnivision. Er entwickelte ein Verfahren, das die Optik von Digitalkameras radikal vereinfacht und trotzdem scharfe Bilder mit hoher Tiefenschärfe erzeugt. Der Raumgewinn ist für die winzigen Handykameras wichtig.

Dudelnde Fotoapparate mit Hörfunktion sind das eine, doch im Job zählen andere Prioritäten: der zuverlässige, schnelle Empfang und Versand von E-Mails via Mobiltelefon. Vorreiter ist Research in Motion (RIM). Die Kanadier haben bei ihrem neuesten Blackberry-Modell bewusst auf Video und Musik verzichtet. Anleger brauchen trotzdem nichts zu überstürzen: Zwar ist der Blackberry längst Kult bei Managern, aber ein Patentstreit lähmte zuletzt Absatz und Aktienkurs von RIM. Für Anleger spannender als die Hardwarehersteller sind derzeit Unternehmen, die Software für mobile E-Mails entwickeln. Die meisten, wie Visto aus dem Silicon Valley, sind noch nicht börsennotiert, Microsoft und Openwave sind zwei der wenigen Ausnahmen. Im Dotcom-Boom gross geworden und wieder abgestürzt, hat sich Openwave jetzt als Dienstleister für Mobiltelefongesellschaften etabliert. Lukrativ scheint auch die Aktie von Trend Micro (siehe PDF unten). Die Japaner entwickeln Virenschutzsoftware für Handys und andere mobile Geräte.

IT-Security

Sicherheit in der Informationstechnologie ist nicht bloss für mobile Geräte das Trendthema schlechthin: Immer dreistere Produkt- und Dokumentfälschungen, hinterhältige Phishing-Attacken auf Online-Banking- und Ebay-Kunden, immer aggressivere Computerviren – das kurbelt die Nachfrage nach Sicherheitstechnik an. Bei fast allen Unternehmen steht das Thema auf der Prioritätenliste ganz oben. Die Investitionen in Sicherheitssoftware stiegen laut Marktforscher Gartner Dataquest von 4,2 Milliarden Dollar 2004 auf 5,4 Milliarden 2005; im laufenden Jahr werden weltweit rund 6,6 Milliarden Dollar in diese Software fliessen. Marktführer bei Virensoftware sind Symantec und ihr ewiger Rivale McAfee. Bei den Firewalls ist Check Point Software aus Israel führend.

Die Aktien der Branche waren in den vergangenen Monaten kein berauschendes Investment; von ihren Höchstständen sind sie weit entfernt. Dafür gehören sie zu den am günstigsten bewerteten und profitabelsten Unternehmen in der IT-Branche. «Bei Check Point sind inzwischen 28 Prozent des Börsenwerts durch Geld in der Firmenkasse abgedeckt, mehr als 50 Prozent vom Umsatz bleiben netto als Gewinn, das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei rund 14», zählt Fondsmanager Köttner die Kaufargumente auf.

Grund für die attraktive Bewertung ist die verbreitete Skepsis der Anleger, ob die Marktführer ihr zuletzt schnelles Wachstum fortsetzen können. «Weil die Sicherheitsbranche im Umbruch ist, zeichnen sich bei den Marktführern Wachstumsprobleme ab», sagt Gartner-Analyst Tom Scholtz. Denn weltweite blitzschnelle Virenattacken wie durch «Melissa» oder Würmer wie «I love you» erzeugten zwar viel Publicity, seien allerdings nicht das grösste finanzielle Risiko für die Kunden. Tom Scholtz: «In den kommenden Jahren wird es mehr um Industriespionage gehen und ganz allgemein um Diebstahl geistigen Eigentums.»

Hier kommen die Hersteller von Verschlüsselungs- und Identifizierungstechnik ins Spiel. Aber: «Der Markt ist sehr fragmentiert; es gibt keinen herausragenden Favoriten. Und es sind viele Start-ups unterwegs, die noch nicht börsennotiert sind», meint Scholtz. In den USA und Israel, den führenden Nationen der Sicherheitstechnologie, forsche hauptsächlich
das Militär.

Zu den wenigen börsennotierten Unternehmen gehören RSA Security, Tumbleweed Communications und Cogent. RSA und Tumbleweed sind auf die Identifizierung von Online-Nutzern und E-Mail-Absendern spezialisiert; Cogent hat ein System entwickelt, das Fingerabdrücke in Sekundenschnelle abgleicht. Laut Landeskriminalamt Düsseldorf dauert das sonst mindestens 30 Minuten, bei «sehr guter Datenlage», sprich: immer demselben Finger und wenigen Vergleichspersonen. Die Cogent-Technik ist daher überall gefragt, wo es schneller gehen muss, etwa bei der Ein- und Ausreise am Flughafen.

Den wirtschaftlich grössten Schaden richten Produktpiraten an. Sie lieben Luxusgüter wie Uhren und Handtaschen. Aber auch ganz normale Markenkleidung, Kosmetika, Software, Tonträger, Autoteile und Arzneimittel werden gefälscht. Die EU-Kommission schätzt den weltweit durch Fälschungen verursachten Schaden auf bis zu 300 Milliarden Euro jährlich – das entspricht bis zu neun Prozent des Welthandels, Tendenz steigend. Auch dagegen beginnt ein Kraut zu wachsen: Die Beiersdorf-Tochter Tesa etwa hat laserbehandelte Klebefilme entwickelt, die hauseigene Nivea-Produkte unter Lupe oder Lesegerät einwandfrei als Originale ausweisen; in manchen Ländern wie Russland und China hatte sich bei Testkäufen jede dritte Shampoo-Flasche im Supermarktregal als Kopie erwiesen.

Hologram Industries aus Frankreich entwickelt holografische Bilder, die nicht durch herkömmliche Drucktechnik oder Farbkopierer imitiert werden können. Die Etiketten der Franzosen kommen auf Pässen, Geldscheinen und zunehmend auf Markenprodukten zum Einsatz. Der Markt für Hologramme liegt groben Schätzungen gemäss bei vier bis fünf Milliarden Euro und wächst pro Jahr um mehr als 30 Prozent.

Triple Play

Auch die Telekommunikation ist in einer radikalen Umbauphase. Die alten Geschäftsmodelle – Anschluss bereitstellen, Sprache und Daten transportieren – werden derzeit «mit der Abrissbirne zerlegt», wie Deutsche-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke Ende Februar formulierte. Künftig werden die Unternehmen Internet, Telefon und Fernsehen in einem Paket anbieten. Das Schlagwort lautet Triple Play. «Was früher auf der Produktseite klar getrennt war in Festnetz, Handy, Fernseher und PC, wächst zusammen; künftig können die Kunden alle Funktionen aus dem Mobilfunknetz, dem Festnetz oder dem TV-Kabelnetz beziehen», glaubt Cisco-Chef John Chambers.

In vielen Ohren klingt das wie Zukunftsmusik, doch der «Weg dorthin ist unverkennbar bereits eingeschlagen», meint Deutsche-Bank-Analystin Antje Stobbe. Erste Anwendungen, die technisch und wirtschaftlich laufen, sind das Telefonieren übers Internet (VoIP) und Video-on-Demand, das Herunterladen von Filmen. Erste branchenübergreifende Kooperationen wie die von Vodafone mit United Internet weisen die Richtung. Der Online-Händler Ebay liess sich die Übernahme des Internet-Telefonie-Dienstleisters Skype 2,6 Milliarden Dollar kosten.

Die Margen im traditionellen Mobilfunk und die Umsätze im Festnetzgeschäft bröckeln. «Sich auf eines der beiden zu konzentrieren, wird schon bald nicht mehr funktionieren», so die Frankfurter BHF-Bank in einer neuen Studie. Viel Zeit, sich umzustellen, haben die Telefongesellschaften nicht. In den USA sorgen Kabelfernsehgesellschaften für Druck, weil sie bald Telefonie anbieten wollen. Die Telcos schlagen zurück, indem sie Kabel-TV ins Telefonleitungsnetz einspeisen.

Die ersten Profiteure der Entwicklung sind die Netzausrüster. Allein die Deutsche Telekom hat drei Milliarden Euro reserviert für den Aufbau eines superschnellen Glasfasernetzes. Die Netzausrüster stellen sich auf: Cisco hat vor kurzem den Digital-TV-Ausrüster Scientifc Atlanta für 6,9 Milliarden Dollar gekauft, Wettbewerber Alcatel verschafft sich gerade durch die Fusion mit Lucent die nötige kritische Masse.

Elektronische Spiele

Vor Umwälzungen steht die Spielebranche. Deren Aktien sind zwar zuletzt etwas unter Druck gekommen, nachdem Sony den Start ihrer von Spielefans und Anlegern gleichermassen erwarteten Playstation 3 verschoben hatte. Doch Spielkonsolen kommen in der Gunst von Jugendlichen gleich hinter Handys. Noch in diesem Jahr wird die Industrie eine Innovationsoffensive starten. In diesem Herbst wird Marktführer Sony die Playstation 3 endlich auf den Markt bringen – ebenso wie Nintendo ihre neue Generation «Revolution». Bereits erhältlich ist die Xbox 360 von Microsoft.

Für die Hersteller Microsoft, Sony und Nintendo sind die Konsolen ein Verlustgeschäft. Von der Modellvielfalt profitieren dagegen die Zulieferer. IBM stellt für alle drei Konsolen die Prozessoren her. Der Videochip-Hersteller ATI liefert für die Xbox 360 den Grafikchip. Nvidia hat sich den Auftrag für die Playstation 3 gesichert. Profit wird auch mit den Spielen gemacht. Die Gamehersteller werden in Richtung Videospiele expandieren. Electronic Arts ist bereits in die Offensive gegangen und hat für 680 Millionen Dollar den Handyspiel-Spezialisten Jamdat erworben. Die Electronic-Arts-Aktie ist jedoch sehr teuer, ebenso die des Konkurrenten Activision. Interessant für Anleger ist der Spieleverleger Ubisoft, bei dem sich Electronic Arts gegen den Willen des Managements für 100 Millionen Dollar mit 20 Prozent eingekauft hat.

Grüne Energie

Dass die USA ein Energieproblem haben, ist den Unternehmen nicht erst seit den Stromausfällen in Kalifornien bewusst, als stellenweise die Produktion stillstand. Die omnipräsenten Klimaanlagen im Land verbrauchen sommers wie winters Unmengen Strom; der Erdölverbrauch pro Kopf ist der höchste der Welt; im Winter müssen windschiefe Holzhäuser beheizt werden, im Sommer ist «Driving Season», und die vielen Geländewagen schlucken bis zu 20 Liter Sprit pro 100 Kilometer. US-Unternehmen stecken deshalb immer mehr Geld in die Entwicklung alternativer Energien. Das schafft Geschäft für junge Unternehmen wie Pacific Ethanol, das Ethanolproduktionsstätten baut. Die Kalifornier haben kürzlich eine Kapitalspritze von 84 Millionen Dollar von Cascade Investment erhalten, einem Investmentvehikel von Microsoft-Chef Bill Gates.

In Deutschland sind die Aktien der Solarbranche nach ihrem Rally der vergangenen Jahre heissgelaufen. Dafür stehen jetzt amerikanische Unternehmen wie General Electric, SunPower und Evergreen Solar in den Startlöchern. JP Morgan Partners, der Private-Equity-Arm der Grossbank JP Morgan, und Goldman Sachs investieren kräftig. Auch David Rubinstein, Chef und Gründer der Carlyle Group, eines der grössten Risikokapitalgeber der Welt, ist angesteckt: «Das ist eines der attraktivsten Ziele für mutige Investoren seit dem IT-Boom Ende der neunziger Jahre.»

So mutig auch wieder nicht. Da immer mehr Staaten in den USA von den Versorgern verlangen, einen steigenden Prozentsatz ihres Stroms aus Solarenergie, Biomasse oder Windkraft zu beziehen, dürfte den Produzenten erneuerbarer Energien in den Vereinigten Staaten ein ähnlicher Boom bevorstehen wie den deutschen Kollegen. Die Aktien von Solon, Conergy oder SolarWorld erlebten in den vergangenen drei Jahren Wertsteigerungen von bis zu 11 000 Prozent. Da kann man sich als Späteinsteiger durchaus die Finger und mehr verbrennen (siehe BILANZ 19/05: «Achtung Sonnenbrand»).

Zumindest in der Schweiz beinahe unbemerkt ging im vergangenen August die «Schweizer» Biopetrol an die Deutsche Börse. Die von der deutschen Unternehmerfamilie Kink kontrollierte Kleinfirma mit derzeit 55 Beschäftigten hat ihren rechtlichen Sitz in Zug, produziert vorab in Deutschland Biodiesel, vorab aus Raps.

Der Ausgabepreis lag bei 8.20 Euro pro Aktie, mittlerweile stieg der Kurs auf über 28 Euro, und die Firma wird somit vom Markt mit gut einer Milliarden Euro bewertet. Damit erkaufen sich die Anleger bereits viel Wachstumsfantasie, schliesslich beträgt der aktuelle Gewinn gerade mal gut drei Millionen Euro. «Wir wollen bis Ende 2007 unsere Produktionskapazitäten auf 750 000 Tonnen Biodiesel verfünffachen», verspricht Biopetrol-Chef Christoph Dick, gleichzeitig soll der Gewinn bereits im laufenden Jahr auf acht Millionen Euro steigen. Auch das ergibt immer noch ein horrendes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 123. Allerdings wächst das Kleinunternehmen so rasant, dass die Kennzahl im nächsten Jahr schon ganz anders aussehen dürfte. Richtig günstig ist in der Übersicht der 22 Aktien nur gerade Samsung, aber in allen steckt Potenzial.

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