Zur Hölle mit der Rendite! Aktien werden heute angesichts der Verluste, die sie Anlegern seit der Jahrtausendwende einbrockten, häufig verflucht. Aber anstatt Dividendenpapiere an den Ort der Verdammnis zu wünschen, könnten Renditejäger genau dort nach Beute ­Ausschau halten. Denn Papiere von vielen Firmen, die verruchten Geschäften nachgehen, boten in den letzten Jahren teuflisch hohe Renditen. Und es gibt gute Gründe, warum das auch in ­Zukunft so bleiben dürfte.

Am eindrücklichsten lässt sich die Performance des Verruchten am Beispiel der Tabakbranche zeigen. Der Wert der verrauchten Titel hat sich in den letzten zwölf Jahren, gemessen am World Tobacco Index, in dem die grössten Tabakkonzerne zusammengefasst sind, fast versiebenfacht. Im Vergleich zum steilen Wertanstieg der Tabakaktien sieht der Kursverlauf des S&P 500, des Index der grössten 500 US-Konzerne, so flach aus wie die Great Plains, diese ­grosse nordamerikanische Ebene östlich der Rocky Mountains (siehe Grafik unter 'Downloads').

Aber nicht nur mit Tabaktiteln liess sich viel Geld verdienen. Auch die sündigen Papiere von Spielhöllen und Waffenhändlern boten in den vergangenen Jahren deutlich bessere Renditen als der Gesamtmarkt (siehe Grafik unter 'Downloads').

Schlechtes Image, hohe Rendite. Einzig das Geschäft mit der Lust lässt unter den Lasteraktien keine generellen Performance-Höhepunkte erkennen. Einzelne Titel wie diejenigen des Nachtclub-­Betreibers Rick’s Cabaret überzeugen ­einigermassen, während etwa Condomi, Beate Uhse oder Planet Platinum abgeschlafft sind.

Diese Ausnahme kümmert Gerald Sullivan nicht gross. Er freut sich über die insgesamt gute Performance der Sündenindustrie. Der ehemalige Optionenhändler investiert mit seinem Vice Fund ausschliesslich in Firmen aus der Tabak-, der Alkohol-, der Spiel- und der Rüstungsindustrie. Dies, weil er überzeugt ist, dass deren Produkte immer ­Absatz finden, ganz egal, ob die wirtschaftliche Lage gerade gut ist oder nicht. In Boomphasen knallen die Champa­gnerkorken – und in der Rezession wird der Frust im Alkohol ertränkt.

Dass Laster­aktien hohe Renditen ab­werfen, erklärt sich aber auch mit ihrem schlechten Image, das sie mit höheren Renditen zu kompensieren trachten.

Es ist ähnlich wie bei Migros oder Coop: Das Ökohuhn darf etwas mehr kosten, denn der Preis ist für den Kauf nicht das alleinige Kriterium. Auch wer an der Börse in Öko­aktien investiert, schaut nicht nur auf die Rendite. Wenn Ökotitel Verluste einfahren, können ­Anleger sich damit trösten, wenigstens etwas Gutes für die Welt getan zu haben. Wer dagegen in Waffenhändler investiert, hat im Verlustfall keine Aussicht auf Trost. Die Performanceaussichten müssen gut sein, damit die Anleger überhaupt in Sündenaktien investieren.

Eine Möglichkeit für sündige Firmen, um Investoren anzulocken, besteht darin, hohe Dividendenrenditen anzubieten. Bestes Beispiel dafür sind die Tabakkonzerne, die in den vergangenen Jahren stets hohe Dividenden bezahlten. Auch 2012 werden bis zu 5,8 Prozent von den weltgrössten Zigarettenherstellern erwartet – bei den europäischen Tabak­firmen sind es im Schnitt 3,7 Prozent. ­Die Rüstungskonzerne ­bieten gemäss Finanz­informationsdienst Bloomberg immerhin 2,74 Prozent Dividendenrendite. Das ist mehr als die 2,5 Prozent, ­welche die Titel im Schweizer Aktienindex SMI durchschnittlich zahlen. Dabei umfasst der SMI einige Finanzkonzerne, die sehr hohe Dividendenrenditen bieten und deren Image teilweise ebenfalls im Keller ist – nicht erst seit Greg Smith, ein langjähriger Manager von Goldman Sachs, jüngst in der «New York Times» seine Abkehr von der dunklen Seite der Finanzindustrie publik gemacht hat.

Damit sich die Industrie mit den Lastern ihre hohen Dividendenzahlungen leisten kann, muss ihr Geschäft natürlich florieren. Hier kommt ein weiteres Argument ins Spiel, das für sie spricht: Sie sind oft in der Lage, die Preise ihrer Produkte zu erhöhen, ohne dass die Nachfrage stark sinkt. Die Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von einer «Preisinelastizität der Nachfrage», die Finanzanalysten von der «Preismacht der Anbieter». Beispiel Tabakindustrie: Bei einer Preiserhöhung für Zigaretten um zehn Prozent bricht die Nachfrage nicht um zehn Prozent ein. Denn vom Rauchen loszukommen, ist nicht leicht, und wegen einer Preiserhöhung verzichten die wenigsten auf ihren Zigarettenkonsum. Auch die Nachfrage nach Kriegsgütern ist eher preisinelastisch, Ähnliches gilt für die Casinoindustrie.

Sünde schlägt Tugend. Angesichts all der Argumente für hohe Renditen bei den Lasteraktien ist es kein Wunder, dass der Vice Fund fast alle seine tugendhafteren Konkurrenzfonds abhängt: Das vergangene Jahr schloss er gemäss der Fondsanalysegesellschaft Morningstar im obersten Prozent aller Vergleichsfonds ab, über die letzten fünf Jahre immerhin unter den besten 14 Prozent. Über sieben Jahre gerechnet schaffte er eine Kursperformance von 32 Prozent. Damit war er nicht nur deutlich besser als sein Vergleichsindex, der S&P 500, sondern hat mit seiner teuflischen Strategie auch einen himmlischen Konkurrenten geschlagen: den Ave Maria ­Catholic Values Fund. Dieser investiere nur in Firmen, deren Geschäfte mit den zentralen Werten und der Lehre der katholischen Kirche vereinbar seien, lässt sich dem Fondsprospekt entnehmen.

Dieser katholische Fonds schlägt sich gar nicht schlecht und lieferte dem Vice Fund über die letzen sieben Jahre einen Performancekampf, bei dem die Sünde aber trotzdem meist die Oberhand hatte (siehe Grafik unter 'Downloads'). Im Endergebnis liegt das himmlische Anlage­vehikel neun Prozentpunkte hinter dem Lasterfonds, schaffte aber immerhin eine Performance von 23 Prozent.

Das relativ gute Abschneiden des Ave Maria Catholic Values Fund ist allerdings mit dem Einsatz von fragwürdigen Investitionen erkauft. Das himmlische Antlitz des Fonds erhält auf den zweiten Blick nämlich einige Risse: Zunächst fällt auf, dass sich der katholische Ansatz vor allem darauf bezieht, nicht in Firmen zu investieren, die «familienunfreundlich oder gegen das Heiraten sind», wie der Fondsmanager Gerald Schwartz erklärt. Deshalb würde er nie in Firmen investieren, die in Verbindung zu Abtreibungen stehen, wie etwa Teva Pharmaceutical, die eine «Pille danach» herstellt.

Das mag ja noch im Sinne der streng gläubigen Anhänger der katholischen Kirche sein. Aber spätestens bei der Überprüfung der Titel im Fondsportefeuille trifft friedfertige Christen wohl fast der Schlag: Schwartz schreckt nicht davor zurück, Rüstungsfirmen zu finanzieren. Mit General Dynamics ist sogar ein Hersteller von Streubomben unter den Titeln im Fonds.

Libyens Ex-Diktator Muammar Gaddafi setzte diese verheerende Waffe letztes Jahr gegen sein Volk ein. Sie ist international geächtet, weil mit ihrem Einsatz grosse «Kollateralschäden» in Kauf genommen werden. Klarer formuliert: viele Verstümmelte und Tote in der Zivilbevölkerung, auch Jahre nach dem Einsatz von Streubomben. Denn die mit heissen ­Metallsplittern gefüllten Kleinbomben explodieren zunächst oft gar nicht. Bis zu jede dritte Bombe bleibt als Blindgänger zurück, sodass auch Jahre nach Beendigung des Konflikts Menschen getötet und verstümmelt werden. Oft sind es spielende Kinder, Landarbeiter und Hirten.

Auch die Schweiz hat den Vertrag ratifiziert, wonach auf Einsatz, Herstellung und Weitergabe dieser Waffenart verzichtet werden soll. Aber viele hiesige Banken und Versicherungen finanzieren Streubombenproduzenten, indem sie Aktien solcher Firmen halten beziehungsweise Fonds führen oder anbieten, die in diese investieren. Die Fonds wiederum befinden sich oft im Besitz von Schweizer Anlegern oder Pensionskassen (siehe «Keine Sünde, eine Sauerei»).

Jeder Anleger muss sich am Ende selber fragen, ob er Investitionen in Lasteraktien tätigen will. Bei Tabaktiteln mag der Entscheid noch relativ frei von ­Gewissensfragen sein und zugunsten der höher erwarteten Rendite ausfallen. Spätestens bei Streubomben lassen sich ­Gewissensfragen aber nicht mehr vermeiden. Entweder heisst es dann: Ist der Ruf erst ruiniert, rentiert es sich ganz ungeniert. Oder: Rettet die Welt, denn es kann sich lohnen – und falls nicht, finden Anleger Trost darin, dass sie es wenigstens versucht haben.

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