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Strategiefonds: Bessere Könige

Die Performance der Fondskönige ist ein Beleg dafür: Ihre Renditen sind enttäuschend.

Die Manager von Strategiefonds gelten als Könige der traditionellen Vermögensverwaltung. Doch ihre Leistung ist kaum königlich.

Von Harry Büsser
30.08.2013

Tausende Fondsmanager buhlen um die Gunst der Anleger. Sie alle wollen einen Vergleichsindex schlagen, und sei es nur um einige ­Basispunkte. Das ­gelingt ihnen aber kaum. Zudem bringt es wenig, wenn ein Vergleichs­index um 20 Prozent abstürzt und Anleger dann «bloss» 19 Prozent verlieren.

Ein Vermögen an der Börse zu verdienen, hängt nicht davon ab, den richtigen Aktien- oder Obligationenfonds zu kaufen. Wenn schon, dann geht es darum, ob in einem bestimmten Jahr überhaupt in Aktien oder doch besser in Obligationen investiert werden soll. Dies ist mit Abstand die wertvollste Entscheidung für ­Anleger. Über 80 Prozent der Performance von Börseninvestitionen hängen von der Aufteilung des Anlagevermögens in Aktien und Obligationen ab, wie Studien immer wieder belegt haben.

Ein Strategiefonds zu führen, ist deshalb die Königsdisziplin der traditionellen Vermögensverwaltung. Während andere Fondsmanager entweder immer voll in Aktien oder voll in Obligationen investiert sein müssen, können Strategiefondsmanager beides kaufen. Im Idealfall: vor der Hausse Aktien kaufen, vor der Baisse wieder verkaufen. Kein Wunder, sind gemäss Schweizer Fondsverband 80 Milliarden Franken in Strategiefonds investiert.

Das Prinzip «Buy low, sell high» – der Traum von jedem Börseninvestor und ein Ziel der Strategiefonds­manager – wird in der Fachsprache «Market Timing» genannt. Wie mächtig Market Timing ist, zeigt eine kleine Rechnung: Wer jeweils richtig vorausgesehen hat, ob sich ­Aktien im folgenden Kalenderjahr gut ent­wickeln werden, hat in den letzten acht Jahren mit Investitionen in einen simplen und kostengünstigen börsengehandelten Fonds ­(Exchange Traded Fund, ETF) auf den Schweizer Aktienindex SMI eine Rendite von 131 Prozent erreicht – trotz Finanzkrise. Aus 100 000 wären also 231 000 Franken geworden (siehe Grafik unter 'Downloads').

Überschätzte Manager. So weit, so gut. Nur: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand vorher­sehen kann, ob in einem Jahr die Aktienkurse steigen. Das gilt auch für die Strategiefonds­manager. Manuel Ammann, Professor für Banking und Finanzen an der Universität St. Gallen, formuliert es akademisch: «Professionelle Anleger ­erzeugen im Schnitt keinen Mehrwert durch Market Timing.»

Der Sachverhalt lässt sich anders zuspitzen: Alle, die Market Timing beherrschten, würden schon lange nicht mehr bei einer Bank arbeiten, sondern hätten Millionen verdient und müssten sich nicht mehr um Fondsanlagen von Privat­investoren kümmern.

Die Performance der Fondskönige ist ein Beleg dafür: Ihre Renditen sind enttäuschend. Da viele Strategiefondsanbieter den Privatan­legern eine Haltedauer von fünf bis acht Jahren empfehlen, analysieren wir die Performance über die vergangenen acht Jahre. Resultat: Von den Fonds in Schweizer Franken schaffte der beste 1,74 Prozent Rendite pro Jahr, der schlechteste verlor sogar 0,16 Prozent jährlich. Der beste, ein Fonds des Lebensversicherers Swiss Life, brachte Anlegern rund 14 800 Franken Gewinn.

Sicher, der Vergleich mit dem hypothetischen Gewinn von 131 000 Franken mit dem ETF auf den Aktienindex SMI ist nicht fair. Denn Strategiefonds investieren weltweit, nicht nur in Schweizer ­Aktien, die über die letzten acht Jahre überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben. Zudem können die meisten Strategiefonds kein perfektes Market Timing betreiben, weil sie den Aktienanteil nicht ganz frei gestalten können, sondern sich innerhalb einer Bandbreite aufhalten müssen. In der Analyse wurden vor allem Fonds mit einer aus­gewogenen Anlagestrategie berücksichtigt, bei denen die ­erlaubte Bandbreite meist zwischen 40 und 60 Prozent Aktienanteil liegt.

Oft mehr Kosten als Rendite. Trotzdem bleiben die Erfolge der Strategiefonds ­bescheiden. Von einer Rendite von 1,74 Prozent pro Jahr lassen sich ­Anleger kaum begeistern. Auch wenn die Gewinnerwartungen an der Börse wegen der Finanzkrise heute sicher tiefer sind als noch um die Jahrtausendwende.

Dass die Fondskönige nicht mehr ­Rendite schaffen, liegt nicht daran, dass sie faul wären oder einfach Nieten. Nein, teilweise holen sie aus ihren Möglichkeiten fast schon mehr Rendite heraus, als die Wissenschaft für möglich hält. Allerdings wird ein Grossteil der Renditen von den Kosten der Fonds ausradiert, sodass den Anlegern wenig bleibt. Oft bleibt ihnen sogar weniger als den Banken. ­Ausser bei den vier besten Fonds in ­Franken ist die jährliche Rendite tiefer als die jährlichen Kosten, gemessen an der Total Expense Ratio (TER). Sie gibt die Kosten in Prozent des verwalteten Vermögens an. Das heisst, die Banken und ihre Vertriebsteams nehmen mit den Fonds mehr ein, als sie den Kunden ­Renditen bieten. Sogar bei den besten vier Strategiefonds in Franken ist der ­Gewinn der Kunden nicht viel höher als der Betrag, den ihnen die Banken ­verrechnen.

Dabei ginge es auch anders. «Mit einer TER von einem Prozent sollte ab einem verwalteten Vermögen von 200 Millionen Franken für die Bank eine attraktive Rendite resultieren», sagt Matthias Weber, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Schweizer Fondsanalysefirma Ifund Services. «Werden Milliarden ­verwaltet, ist der Hebel enorm.» Mit ­anderen Worten: Bei Einnahmen von zwei Millionen Franken ist die Bank schon gut bedient und hat gar eine Marge. Die meisten Strategiefonds verrechnen aber viel mehr. Von den hiesigen Fonds in der Analyse langt Swisscanto am meisten zu: Über 26 Mil­lionen Franken verrechnet der Fonds ­seinen Kunden. Martin Janssen, emeritierter Finanzprofessor der Uni ­Zürich, sagt dazu: «Gemessen an ihrer Leistung, sind Strategiefonds oft teuer.»

Trübe Aussichten. So teuer, dass auch künftig keine guten Renditen zu erwarten sind. Finanzprofessor Ammann macht dazu eine Rechnung: «Geht man von einer erwarteten Risikoprämie am Aktienmarkt von zwei bis drei Prozent pro Jahr aus und von Kosten von total zwei Prozent (Management­gebühren und Kosten auf Fondsebene, Depotgebühren und Transaktionskosten beim Kunden) für einen aktiven Aktienfonds, dann wird die Risikoprämie im Schnitt von den Kosten beinahe aufgefressen. Man kann sich also die Mühe und vor allem das ­Risiko sparen.» Einen Fondsmanager ­bezahlen, der aktiv nach den besten ­Anlagen sucht, lohnt sich also nicht.

Es kommt aber noch dicker. Bei ­Strategiefonds sieht die Rechnung sogar noch schlechter aus, weil diese einen ­wesentlichen Anteil in Anleihen ­halten. Ammann schreibt dazu: «Die Renditen auf Obligationen guter ­Bonität sind heute so gering, dass nach Kosten von zwei Prozent, je nach ­Währung, die Nettorendite sogar negativ ist. In anderen Worten: Das zins-, aber auch risikoarme Sparkonto ist die ­bessere Wahl als ein teurer Fonds.» Wegen der tiefen Zinsen dürften ­Strategiefonds also künftig sogar noch weniger Rendite bringen als in den letzten acht Jahren.

Angesichts der trüben Aussichten sollten Anleger eher ganz auf Strategiefonds verzichten. Es sei denn, sie investieren in den besten Strategiefonds. Das war über die letzten acht Jahre der in Euros gehandelte Fonds Carmignac ­Patrimoine. Mit einer Rendite von 3,3 Prozent pro Jahr bescherte er ­Anlegern einen Gewinn von immerhin 29 920 Franken. Das schaffte er vor allem dank zwei richtigen Timing-Entscheiden: Im Jahr 2005 hatte er richtigerweise eine hohe Aktienquote und 2008 eine tiefe. Möglicherweise hat Fondsmanager Edouard Carmignac also tatsächlich die Fähigkeit zu Market Timing …

Der Wissenschaftler Ammann mag das freilich nicht recht glauben. Er schreibt: «Die empirische Evidenz besagt, dass die Performance-Persistenz allgemein gering ist.» Gute Fondsmanager bleiben also selten gut. Carmignac hatte also vielleicht nur ein wenig Glück. Ganz auszuschliessen ist es aber nicht, dass Carmignac das Können für Market Timing besitzt. «Es gibt sie, die Manager, die den Markt systematisch schlagen», ist sich auch Manuel Ammann bewusst. Aber sie seien selten und schwierig im Voraus zu erkennen. Glück und Können lassen sich eben nur schwer unterscheiden. Zudem zweifelt Ammann daran, dass für Privatanleger viel von der Performance eines solchen Topmanagers übrig bleiben würde, denn: «Manager mit einem überragenden Performance-Ausweis lassen sich auch entsprechend ­entschädigen.»

Das lässt sich an den ­Einnahmen des Fonds von Carmignac ablesen: Er ist dort absolute Spitze und verrechnet den Kunden insgesamt 590 Millionen Franken pro Jahr. Das erlaubt es, auch mal die Rolling Stones für ein Konzert zu einem Kundenevent einfliegen zu lassen, wie 2012 geschehen. Allerdings: Carmignacs Fonds ist in Prozent des verwalteten Vermögens nicht der teuerste. Bezüglich TER liegt er aber im obersten Drittel der untersuchten Fonds.

Das heisst im Klartext: Die Strategiefonds mit der besten vergangenen Performance auszuwählen, ist für Privatanleger keine erfolgversprechende Alternative.

Der Fokus bei der Auswahl der Anlagen sollte eher auf die Kosten gelegt ­werden. Gemäss Ammann sind lang­fristig die Kosten entscheidend für die Performance. Denn: «Je kostengünstiger eine Strategie umgesetzt werden kann, desto besser wird die langfristige Performance ausfallen.»

Am kostengünstigsten lassen sich ­Anlagestrategien über ETFs umsetzen. «Es ist deshalb zu erwarten, dass bei gleicher Risikogewichtung kostengünstige ETFs langfristig eine bessere Performance erzielen als vergleichsweise teure Strategiefonds», so Ammann.

Lohnende Selfmade-Strategie. Einen sehr einfachen Strategiefonds können Anleger aus lediglich zwei ETFs bauen: einerseits einem ETF auf den Schweizer Aktienindex SMI, etwa dem ­iShares SMI von BlackRock; andererseits einem ETF auf einen Schweizer Staats­anleihenindex, etwa dem iShares Swiss ­Domestic Govern­ment Bond. Die Aufteilung des Anlagevermögens fällt für eher risikofreudige Investoren mehr zugunsten des Aktien-, für die anderen mehr zugunsten des Obligationenfonds aus. Bei einer je hälftigen Aufteilung hätte in den letzten acht Jahren ein ­Gewinn von über 31 000 Franken resultiert. Der relativ hohe ­Gewinn ist auch auf die tiefen Kosten der Produkte zurückzuführen, die, verglichen mit Strategiefonds, bei weniger als einem Drittel liegen.

Anleger, die weltweit an den Aktienmärkten dabei sein wollen, können statt des ETF auf den Schweizer Aktienindex auch einen ETF auf einen Weltaktien­index wählen – etwa den ­Vanguard All-World ETF (ISIN: IE00B3RBWM25). Er wird allerdings in Dollars gehandelt.

Wer die kostengünstige Strategie mit den börsengehandelten Fonds wählt, muss allerdings etwas Arbeit auf sich nehmen. Es geht hier vor allem um das sogenannte Rebalancing. Wenn die Aktienkurse steigen, erhöht sich ihr Anteil in der Vermögensaufteilung. Von Zeit zu Zeit, beispielsweise alle sechs Monate, müssen also Anteile des Aktien-ETF verkauft und dafür Anteile des Obligationen-ETF dazugekauft werden. Wenn die Aktienkurse fallen, findet das Rebalancing in umgekehrter Richtung statt. So wird die strategische Zusammensetzung der Fonds im Depot bei 50:50 gehalten.

Noch aufwendiger wird es, wenn Anleger versuchen, auf bestimmte Signale hin den Aktienanteil im Depot taktisch zu ­erhöhen oder zu senken. So ein Signal könnte etwa ein gleitender Durchschnitt bieten (siehe Grafik unter 'Downloads').

Bei der Selfmade-Strategie wartet auf Anleger ohnehin Zusatzarbeit. Denn die meisten ETFs sind nicht thesaurierend, das heisst, sie reinvestieren die Dividenden nicht, sondern schütten sie an die Anleger aus. Um das volle Potenzial der Strategie auszuschöpfen, müssten diese Ausschüttungen von den Anlegern jeweils reinvestiert werden. Allerdings vermindert das einen weiteren kleinen Nachteil der Selfmade-Strategie nicht. Denn die Ausschüttungen des ETF werden leider als Einkommen steuerpflichtig. Das gilt für die ­Strategiefonds der Banken nicht, deren Erträge oft direkt reinvestiert werden. Zudem übernimmt dort ein Fondsmanager das Rebalancing.

Trotzdem: Es ist und bleibt unwahrscheinlich, dass die Performance der Strategiefonds königlich ausfällt. Die Fondskönige stehen in dem Sinn nicht ohne Kleider da, aber sie tragen doch nur ein Dienstbotengewand und sollten entsprechend tiefere Kosten verrechnen. Damit hätten sie auch eine Chance, tatsächlich Mehrwert zu bieten – und damit auch königlicher zu werden.

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