Der Ölpreis liegt nur noch bei 30 Dollar und ist damit so tief wie zuletzt 2003. Seit Jahresbeginn ging es nochmal um über 20 Prozent nach unten. Was rechtfertigt so grosse Verluste in so kurzer Zeit?
Thomas Heller*: Der tiefe Ölpreis ist vor allem ein Ergebnis politischer Weichenstellungen in den ölfördernden Opec-Staaten: Dort hat man bereits 2014 entschieden, Marktanteile zu behalten und relativ neue Konkurrenten wie die amerikanische Frackingindustrie scheitern lassen zu wollen. Rein konjunkturell kann der jüngste Preiseinbruch aber kaum gerechtfertigt werden. Die Nachfrage ist nicht so schwach, wie es der Ölpreis suggeriert.
 
Die Weltbank hat aber vor wenigen Tagen ihre Prognose für die globale Konjunktur gesenkt und rechnet für 2016 nur noch mit knapp 3 Prozent Wachstum – so wenig wie lange nicht.

Die Weltwirtschaft ist keine grosse Stütze für den Ölpreis, das ist richtig. Man kann jedoch noch immer von Wachstum sprechen, es gibt keine Rezession. Der Haupttreiber für das billige Öl ist das riesige Angebot. Doch die Opec-Staaten dürften ihre Politik nicht unendlich lange durchhalten können: Das Budgetdefizit von Saudi-Arabien ist 2016 mit einem hohen zweistelligen Milliardenbetrag wieder gigantisch. Da wundert es nicht, dass das Land Teile des Ölgiganten Aramco an die Börse bringen will, um Einnahmen zu generieren.
 
Wie lange also können die Förderstaaten die Politik des billigen Öls fortsetzen?
Wir gehen davon aus, dass Saudi-Arabien noch drei, vier Jahre so weitermachen kann. Mindestens so lange dürfte der Preis niedrig bleiben, das heisst in einer Bandbreite von 30 bis maximal 60 Dollar schwanken. Vielleicht sind die Nehmerqualitäten auch grösser. Die Schwelle von 30 Dollar ist offenbar eine Grenze, an der einige Förderer noch gewinnbringend produzieren können. Für die OPEC als Gesamtes werden 29 Dollar kolportiert, für einzelne Länder liegt dieser Wert sogar noch tiefer.
 
Mitte 2008 kletterte der Ölpreis auf über 150 Dollar – fünf Mal so hoch wie heute. Damals galt es als sicher, dass die Kosten für Transport auf Jahre extrem teuer sein und nicht mehr sinken werden. Hand aufs Herz: Wie zuverlässig sind Prognosen für den Ölpreis?
Als Prognostiker tun wir uns damit leider wirklich sehr schwer. Ich erinnere mich an das Jahr 2008: Da hielt ich eine Studie einer Schweizer Grossbank in der Hand, in der es hiess, der Ölpreis werde nicht über 100 Dollar steigen. Das war dann ausgerechnet der Tag, als diese Marke erstmals durchbrochen wurde. Umgekehrt hatten wir rund 10 Jahre zuvor noch einen Ölpreis von lediglich gut 10 Dollar.
 
Wie profitiert die Schweizer Wirtschaft?
Die positiven Effekte des niedrigen Ölpreises werden die Konjunktur 2016 stärker stützen als 2015. Die Preise an den Tankstellen sind heute noch einmal günstiger als vor einem Jahr. Diese Ersparnis können Herr und Frau Schweizer direkt für andere Ausgaben verwenden. Auch die Industrie, die für ihre Produktion stark auf Energie angewiesen ist, profitiert von den gesunkenen Kosten.
 
In der vergangenen Woche forderte mit Martin Neff der erste bekanntere Schweizer Chefökonom konjunkturstützende Massnahmen des Bundes. Wie steht es generell um die hiesige Wirtschaft?
Ich glaube ebenfalls, dass der Frankenschock schleichend wirkt und die Wirtschaft auch in diesem Jahr noch belasten wird. In der Analyse gebe ich Martin Neff damit Recht.  Aber ich glaube nicht, dass es eine Unterstützung vom Bund braucht.
Eine vorgeschlagene Massnahme war die Absicherung von Währungsrisiken. Diese Möglichkeit hat heute jedes Unternehmen in der Schweiz selber, da gibt es genügend Instrumente.

* Thomas Heller ist Investmentchef und Leiter Research der Schwyzer Kantonalbank (SZKB).

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