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«Rendite und Nachhaltigkeit verbinden»

Antoinette Hunziker-Ebneter: «Rendite und Nachhaltigkeit verbinden».  Keystone/PR

Forma-Futura-Chefin Antoinette Hunziker-Ebneter nennt Aktientipps und erklärt, weshalb Rendite und Nachhaltigkeit nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen.

Von Volker Strohm
08.05.2014

Als ehemalige Chefin der Schweizer Börse SIX stand Antoinette Hunziker-Ebneter unter besonderer Beobachtung, als sie 2006 zusammen mit Christian Kobler die Firma Forma Futura Invest gründete. Das Geld solle gemäss den persönlichen Wertvorstellungen des Kunden angelegt, die nachhaltige Lebensqualität gefördert und adäquate Renditen erwirtschaftet werden – so das Credo, über das die alteingesessene Finanzwelt damals die Nase rümpfte.

Die Performance der vergangenen Jahre lässt sich sehen, trotzdem sorgt der Bereich der nachhaltigen Geldanlage immer wieder für negative Schlagzeilen. Zeit für eine Bestandesaufnahme.

In einem Satz: Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Antoinette Hunziker-Ebeneter: Mit den Ressourcen so umzugehen, dass die nächste Generation nochmals Zugang zur gleichen Form der Ressourcen und zur gleichen Lebensqualität hat.

Tönt das im Kontext mit Geldanlagen nicht etwas gar idealistisch?

Den Vorwurf der Idealistin gab es zu Beginn meiner Tätigkeit in der Tat – der ist aber Vergangenheit. Das konnte aber auch nur deshalb erreicht werden, weil die Performance mit nachhaltigen Anlagen stimmt. Kein Anleger will wegen des Labels Nachhaltigkeit auf Rendite verzichten, auch wir haben keine Kunden mit Heiligenschein.

Widersprechen sich Rendite und Nachhaltigkeit nicht?

Überhaupt nicht. Bei unserem Selektionsprozess werden die finanzielle Gesundheit eines Unternehmens und dessen Bemühungen im Bereich Nachhaltigkeit gleich gewichtet. Rendite und Nachhaltigkeit ist also kein «Entweder oder» sondern ein «Sowohl als auch».

Fühlen Sie sich mit dem Thema nicht trotzdem manchmal wie die einsame Ruferin in der Wüste?

Im Kontakt mit Industriefirmen überhaupt nicht – die haben die Zeichen der Zeit erkannt und wollen im Bereich Nachhaltigkeit von Jahr zu Jahr besser werden. In der Finanzindustrie sieht das meistens leider noch anders aus – ja, da bin ich vielleicht tatsächlich die einsame Ruferin.

Gerade die Finanzindustrie hat aber mit Angeboten auf Nachhaltigkeit – sei es im Fondsbereich, sei es mit Strukturieren Produkten – viel Geld verdient.

Viele dieser Produkte haben dem Thema Nachhaltigkeit geschadet, weil die Zusammensetzung nicht nachvollziehbar war. Sie können den meisten Anlegern heute kein X mehr für ein U vormachen. Dieser Boom schadete der Branche, das Anlagethema Nachhaltigkeit erweckte den Eindruck eines Dschungels. Das Positive daran: Einige Kunden wurden auf uns aufmerksam.

Können Banken selbst jemals Ihre Kriterien erfüllen, zumal sie oft in der Finanzierung von Atomkraftwerken oder Staudammprojekten tätig sind.

Es gibt Banken in den Niederlanden, Skandinavien, Australien oder Neuseeland, die bei der Kreditvergabe nicht nur ökonomische, sondern auch ökologische und soziale Kriterien anwenden – und das auch transparent aufzeigen. Bei uns ist dieses Vorgehen äusserst rar.

Gibt es Branchen, die per se durch Ihren Raster fallen?

Ja. Die Öl- und Gasindustrie zum Beispiel macht noch zu wenig für die erneuerbaren Energien. Diese Anbieter können lange über nachhaltige Projekte reden – aber bei der Frage der Relevanz in Bezug auf den Konzernumsatz wird meist klar, dass es sich um eine vernachlässigbare Grössenordnung handelt.

Nicht nur diese Branche betreibt «Green Washing», also Schönfärberei vermeintlich nachhaltiger Projekte. Welche Alarmsignale gibt es für Anleger?

Schöne Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte müssen hinterfragt werden, man darf nicht nur den Worten und einer guten Papierqualität Glauben schenken. Wir haben unter anderem Ingenieure in unserem Team, die den Firmen die richtigen Fragen stellen können. Aber auch Privatanlegern steht diese Möglichkeit an der Generalversammlung oder mit einem Mail an die Investor-Relations-Abteilung offen.

Die wichtigste Frage an eine Firma?

Wie messen Sie die Nachhaltigkeit? An der Oberflächlichkeit der Antworten erkennt man rasch, wie ernst es einem Unternehmen mit dem Thema ist. Es hängt letztlich alles vom Verantwortungsbewusstsein der Führungsspitze – Geschäftsleitung und Verwaltungsrat – ab. Natürlich gibt es Investoren, die nur auf den Ertrag schauen. Aber immer mehr von ihnen wollen auch wissen, wie diese zustandegekommen ist. Studien belegen übrigens, dass nachhaltig operierende Unternehmen ein besseres Risikomanagement haben, weil sie alle Anspruchsgruppen pflegen und verstärkt in Szenarien denken.

Welche Aktien sind Ihre Nachhaltigkeits-Musterknaben?

Swisscom, Geberit, Galenica, Roche, SAP, Novozymes, Norsk Hydro, Novo Nordisk, 3M, Whole Foods Markets, Microsoft. Wir fokussieren uns auf die Schweiz, Europa und die USA. In Asien gelingt es uns nach wie vor nicht, Firmen einzeln auf Nachhaltigkeit zu analysieren – da sind noch zu viele Unwahrheiten im Spiel.

Ihre grösste Enttäuschung erlebten Sie mit …

… dem Thema Erneuerbare Energien. Dieser Bereich stellt auf Grund zusammenfallender Preise und hoher Unsicherheit punkto Subventionspolitik ein trauriges Kapitel dar. Wir haben im Gegensatz zu etlichen Themenfonds nie ausschliesslich auf dieses Gebiet gesetzt und sind glücklicherweise auch sehr früh ausgestiegen. Anlegern, die hundertprozentig in Erneuerbare Energien investieren wollen, redeten wir diese Idee stets aus. 

Weshalb erreichen Sie kaum institutionelle Anleger?

Weil viele keine neuartigen zusätzlichen Aspekte in ihre Anlagepolitik einbauen wollen. Nachhaltigkeit bedeutet Zusatzaufwand. Es braucht Interesse und Zeit, um sich dieses Wissen anzueignen.

Der Druck ist doch zu klein: Bei einer Pensionskasse (PK) muss die Rendite stimmen – egal, wie diese zustandekommt.

Ja. Aber genau das ist doch der Widerspruch: Wer wie eine PK langfristig in zukunftsfähige Firmen investieren will, kommt um das Thema Nachhaltigkeit nicht herum. Im Ausland – etwa in Frankreich, in Skandinavien, in den Niederlanden oder in vielen angelsächsischen Ländern – legen PKs seit mehr als einem Jahrzehnt ihr Geld sehr erfolgreich nachhaltig an. Das ist auch in der Schweiz nur noch eine Frage der Zeit – wie lange es dauert, weiss ich nicht.

Ausgrechnet die Schweiz hinkt hinterher,…

… die selbst nur über knappe Ressourcen verfügt, ja. Das ist deshalb noch absurder, weil wir beispielsweise Recycling-Weltmeister sind und der Sinn für Nachhaltigkeit ausgeprägt ist. Aber der Finanzbereich steckt in den Kinderschuhen.

Gelten diese Kinderschuhe aber nicht auch für den Nachhaltigkeitsbereich generell?

Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn Länder wie Deutschland jährlich über 40 Milliarden Euro über die Mineralölsteuer einnehmen, ist der politische Druck für Veränderungen sehr klein. Dabei hätten wir heute schon ein enormes Knowhow im Bereich von Elektrofahrzeugen. Auch die Schweizer Politik ist betreffend die Energiewende gefordert. Wir müssen neue, nachhaltige Preismodelle entwickeln. Ein Energiepreis muss doch daran ausgerichtet werden, ob es sich um Bandenergie handelt, diese Energie beliebig abgerufen werden kann oder nur dann zur Verfügung steht, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Wir investieren heute nicht in Energieversorger, sondern in den Bereich der Energieeffizienz. Meine schlimmste Erfahrung war, Kunden sagen zu müssen: «Investieren Sie nicht in erneuerbare Energien, das ist ein Verlustgeschäft.» Das ist mehr als schade.

Ihre Spurensuche?

Wenn die Politik, egal in welchem Land, laufend ihre Preismodelle und die Subventionstaktik anpasst, kann daraus kein betriebswirtschaftliches Business-Modell mehr gerechnet werden – ergo investiert man nicht.

Abschliessend nochmals in einem Satz: Wie wird das Anlagejahr 2014?

Herausfordernd – aber es gibt keine Alternative, als in Unternehmen zu investieren, die finanziell solid sind und Produkte herstellen oder Dienstleistungen erbringen, die wir wirklich brauchen und die unsere Lebensqualität fördern.

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