Boom oder Crash? Bei der Prognose über die Entwicklung der Märkte zählen in der Regel die sachlichen Argumente. Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, hat einen völlig neuen Gesichtspunkt in die Diskussion eingebracht: Am Wahlpodium von George W. Bush im September etikettierte er die Pessimisten unter den Ökonomen kurzerhand als «Economic Girlie Men» – als Weichlinge. Gleichzeitig beschwor er in seiner Rede die Stärke der amerikanischen Wirtschaft, auf welche die ganze Welt neidvoll blicke.

Mit seiner spitzen Bemerkung trat der ehemalige Hollywoodstar prompt eine Debatte los. Postwendend nämlich schrieb Stephen Roach, der renommierte Chefökonom der Bank Morgan Stanley, in seinem Börsenbrief: «Mit Stolz stehe ich hin für die riesigen Legionen der ‹Economic Girlie Men› in unserem Land.» Von den optimistischen Verheissungen der «ökonomischen Machos» halte er dagegen überhaupt nichts, konterte Roach, der momentan mit düsteren Prognosen für Aufsehen sorgt.

Die Episode illustriert vor allem eines: Die Meinungen an den Finanzmärkten sind derzeit gespalten wie kaum je zuvor. Die «Machos» verweisen auf das weltweit hohe Produktivitätswachstum und die geringe Inflation. Besonders Mutige, wie Ed Yardeni vom Finanzhaus Oak Associates, stellen für das Jahr 2010 bereits einen Dow Jones Index von 18 000 Punkten in Aussicht. Die «Weichlinge» ihrerseits erinnern an die rekordhohen Defizite der USA und die Überhitzung in China. Stephen Roach spricht gar von einem «Perfect Storm», der am Horizont aufziehe. Bis jetzt halten sich die beiden Lager gegenseitig in Schach: Seit Monaten schon tendieren die Märkte seitwärts.

Speziell die Aktienindizes bewegten sich in diesem Jahr innerhalb einer engen Bandbreite. Das gleiche Bild bei den Obligationenrenditen: Sie notieren praktisch auf gleicher Höhe wie Anfang Jahr. Einzig bei den Rohstoffen, namentlich Erdöl und Gold, kam es zu markanten Preisaufschlägen. Selbst der Dollar, der nun plötzlich nach unten rauscht, rührte sich bis im Oktober kaum vom Fleck.

Bleiben die Märkte auch im Jahr 2005 mehrheitlich flach? Kommt es zu einer neuen Hausse? Oder vielmehr zum Crash? Niemand kennt die Antwort. Jeder Anleger sollte sich indes auf plausible Szenarien vorbereiten. Die BILANZ porträtiert deshalb auf den folgenden Seiten die Prognosen von fünf Persönlichkeiten, die zu den profiliertesten unter den Schweizer Finanzexperten zählen. Auch unter ihnen gehen die Erwartungen weit auseinander: René Braginsky und Marc Faber raten zur Vorsicht, während Henry Wegmann und Alex Hinder Optimismus verbreiten. Hans-Jörg Rudloff wiederum ist gespalten: Asien und die USA beurteilt er positiv, dafür sorgt er sich um den Zustand Europas.

Gemeinsam ist allen fünf, dass sie einen breiten Erfahrungsschatz mitbringen, die internationalen Finanzplätze aus langjähriger Praxis kennen und dank ihrem Profil eine eigenständige Meinung vertreten können. Obwohl ihre Prognosen unterschiedlich ausfallen: Einigkeit herrscht bei den fünf Profis über die Schlüsselfaktoren, welche die Finanzmärkte im kommenden Jahr bewegen. Eine dominierende Rolle spielt der Dollar. Zwar wirkt eine moderate Abwertung stabilisierend auf die globalen Märkte, weil sie die Schuldenlast der USA dämpft. Doch könnte das labile Gefüge bei einer starken Abwertung leicht aus den Fugen geraten.

Von Bedeutung ist weiter die Geldpolitik der Notenbanken. Ihr expansiver Kurs hat die Finanzplätze bislang reichlich mit Liquidität versorgt. Im Auge zu behalten gilt es zudem das Verhalten der amerikanischen Konsumenten, welche – dank rekordtiefen Zinsen – die weltweite Konjunktur am Laufen halten. Ein zentraler Faktor schliesslich ist die Wirtschaft Chinas, die nun zu einer weichen Landung ansetzen sollte.

Sich hier als Anleger ein Urteil zu bilden, ist anspruchsvoll. Die Meinungen der Experten – zumal von so erfahrenen wie an dieser Stelle – können daher eine wertvolle Orientierungshilfe bieten. Die konkreten Entscheide jedoch hat jeder Anleger selber zu treffen, gemäss seiner persönlichen Risikofähigkeit. Wer sich hingegen leichtfertig von der jeweiligen Stimmung an den Märkten anstecken lässt, wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Oftmals tauchen die besten Kaufgelegenheiten gerade dort auf, wo die breite Masse nicht hinschaut. Umgekehrt treten Verluste häufig dann ein, wenn sich die Mehrheit allzu sicher fühlt.

Deshalb: Wer an der Börse punkten will, braucht vor allem eine gehörige Portion Stehvermögen. Das gilt für die ökonomischen «Machos» wie für die «Weichlinge» gleichermassen. Welche der beiden Seiten im Jahre 2005 obenaus schwingt – spätestens in zwölf Monaten wissen wir es.

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