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Mikrofinanz: Hilfe gegen Armut

Mikrokredite helfen Armen und Reichen. Die Finanzbranche hat ein neues Tummelfeld entdeckt.

Von Hansjörg Ryser
26.09.2008

Unter Federführung des Bankkonzerns Citigroup bereitet Grameenphone den Börsengang vor. Der grösste Telekomkonzern Bangladeshs gehört zur Grameen-Gruppe von Nobelpreisträger Muhammad Yunus, die auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert ist. 300 Millionen Dollar soll die Publikumsöffnung der norwegischen Telenor und der Grameen Telecom einbringen.

Ein noch grösserer Geldregen prasselte im vergangenen Jahr über die Gründer des mexikanischen Compar­tamos Banco. Insgesamt 450 Millionen amerikanische Dollar brachte ihnen der Börsengang für ihr ursprüngliches Investment von 6 Mil­lionen ein. Für die ­Aktien des Mikrofinanzinstituts mit über 800  000 Kunden und einem Kredit­volumen von rund 400 Millionen US-Dollar zahlten die Anleger nicht weniger als den 13fachen Buchwert.

Auch BlueOrchard aus Genf hat Grosses vor. Die Mikro­finanzgruppe mit BILANZ-Grün­der Beat Curti im Verwaltungsrat will diesen Herbst eine neue Emission der durch die Hypothekenkrise in den USA verpönten CDO (Collateralized Debt Obligations) mit einem neuen Rekordvolumen auflegen. In den vergangenen vier Jahren hat BlueOrchard über drei Finanzvehikel bereits rund 300 Millionen Dollar an Krediten für Mikrofinanz­organisationen verbrieft und bei vornehmlich wohlhabenden Privatpersonen und institutionellen Anlegern platziert.

Start mit 27 Dollar. Was im Jahr 1976 begann, als Muhammad Yunus einer Frau in Bangladesh 27 Dollar auslieh, und während Jahren vor allem über Hilfswerke sowie Spenden aufgebaut wurde, ist damit definitiv in der etablierten Finanzwelt angekommen. Mikrokredite haben laut dem Zentrum für Finanzinnovationen (CSFI) in London die Schwelle von 30 Milliarden Dollar überschritten. Schätzungsweise über 100 Millionen Menschen beanspruchen die Dienstleistungen der mehr als 10  000 Institute. Inzwischen ist der Markt wieder bis nach Deutschland vorgedrungen, wo er mit den Raiffeisenbanken ursprünglich seine Wurzeln hatte. So stellt in Dortmund das Projekt Nordhand kleine Geschäftskredite mit kurzen Laufzeiten für Gewerbetreibende im brachen Industriegebiet bereit. Auf 2,5 Milliarden ­Euro schätzt das Deutsche Mikrofinanz Institut den ­bundesweiten Bedarf an solchen Finanzierungen. Der Boom ist umso erstaunlicher, als Mikrofinanz Bankdienstleistungen für Menschen bietet, die bereits an der Pforte der herkömmlichen Banken abgewiesen würden und dort nicht die geringste Kreditwürdigkeit genössen.

Es sind zu 85 Prozent Frauen – Händlerinnen, Gewerbetreibende, Bäuerinnen –, die einen Vorschuss brauchen, um ­eine Investition zu tätigen und damit ­ihre Existenz markant zu verbessern. Müssten sie sich sonst bei lokalen Geldleihern verschulden und meist 1000 Prozent und mehr an Zinsen bezahlen, so erhalten sie bei Mikrofinanzinstituten den Kredit zu einem Bruchteil dieser Wucherzinsen. Mikrokredite sind jedoch keine Konsum-, sondern Unternehmenskredite als Hilfe zur Selbsthilfe. Neu werden auch Mikroversicherungen angeboten, etwa über die Zurich Financial Services oder die von deren ehe­maligem Konzernchef Rolf Hüppi gegründete ­ParaLife.

Geringe Ausfallrate. «Mikrofinanz hat für den Wirtschaftsaufschwung Asiens eine zentrale Rolle gespielt», ist Burkhard Varnoldt, Anlagechef der Bank Sarasin, überzeugt. Bei den Kunden der Privatbank sei die Nachfrage nach solchen Anlagemöglichkeiten seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise markant gestiegen, stellt Varnoldt fest, der in Afrika selber ein Hilfsprojekt betreibt. Gefallen finden diese nicht nur am sozialen Aspekt, sondern auch an den attraktiven Renditen. Denn die Ausfallrate der Mikrokredite liegt unter zwei Prozent. Und sie hat sich laut Patrik Huber, Geschäfts­leitungsmitglied von ResponsAbility, der Schweizer Fondsgesellschaft für ­Mikrokredite, selbst durch die Konjunkturverschlechterung und die stark gestiegene Infla­tion bisher nicht verschlechtert. Und die führenden Mikrokreditinstitute erzielen noch immer ­Eigenkapitalrenditen von deutlich über 15 Prozent. Der inzwischen auf mehr als 300 Millionen Dollar angewachsene Global Micro­finance Fund von ResponsAbility, der sich über Kredite und Beteiligungen an der Refinanzierung von Mikrokredit­instituten beteiligt, hat im vergangenen Jahr auf Frankenbasis eine Rendite von über 4 Prozent erzielt. 3,14 Prozent Plus sind es bereits wieder seit Jahresbeginn, während der Weltaktienindex rund 10 Prozent verloren hat.

Steigende Vielfalt. Der Fonds, der auch über die Credit Suisse vertrieben wird, gehört zu den wenigen Finanzprodukten, die dem breiten Anlegerpublikum offen stehen. Meist werden die ­Gefässe direkt von wohlhabenden Privatpersonen und institutionellen ­Anlegern gezeichnet oder haben hohe Mindestanlagevolumen und sind gar nicht erst zum öffentlichen Vertrieb zugelassen. So besteht der von der Schweizer Mikrofinanzplattform Symbiotics kreierte Index SMX neben dem Fonds von ResponsAbility bloss noch aus dem ältesten europäischen Mikrofinanzfonds von Dexia. Doch die Vielfalt nimmt laufend zu. Besonders über strukturierte Produkte wird dem Anlegerpublikum der Zugang zu diesem Anlagethema erschlossen, etwa über die Bank Vontobel und die Solothurner Regiobank oder die Credit Suisse (siehe Tabelle).

Nach den neusten Daten der Weltbank-Organisation Consultative Group to Assist the Poor (CGAP) ist das Anlagevolumen der privaten und institutionellen Investoren im vergangenen Jahr weltweit auf 5,4 Milliarden Dollar gestiegen, gegenüber erst 2 Milliarden im Vorjahr. Die Informationsplattform MIX Market listet mehr als 100 Finanzgruppen auf. Als Marktleader gilt die deutsche ProCredit, an der unter anderem die Entwicklungsbank KfW und die ResponsAbility beteiligt sind. Sie ist in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika an 22 Banken massgeblich beteiligt und konsolidierte Mitte 2008 im Kreditbereich unter 10  000 Euro ein Volumen von 1,4 Milliarden Euro.

Riesiges potenzial. Das Wachstumspotenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Die Rede ist von einer Verzehnfachung bis 2015. Mit der rasanten Entwicklung verbessert sich die Transparenz der verschiedenen Akteure. Noch sind viele Gefässe gegenseitig aneinander beteiligt, auch werden sie oft von denselben Managern betreut, insbesondere von BlueOrchard und ResponsAbility. Diese Verflechtungen sind laut Patrik Huber von ResponsAbility ein typischer Ausdruck eines noch jungen Marktes. Die hohen Anlagevolumen haben auch einen ­Angebotsüberhang geschaffen. Viele Mikrofinanzinstitute haben Bankstatus erlangt und dürfen auch Spargelder entgegennehmen oder gelangen für die Refinanzierung ihrer Ausleihungen direkt an den Kapitalmarkt. Parallel zum wachsenden Wohlstand ­ihrer Kleinkreditkunden werden sie deshalb gegenüber den Geldgebern wie Fonds in eine stärkere Position versetzt. Sie können die Konditionen für ihre Refinanzierung diktieren, etwa in Form von tieferen Zinsen und längeren Laufzeiten. Das kann für die Empfänger von Mikrokrediten positiv sein, wenn dadurch die Zinsen sinken. Für die Anleger von Fonds und andern Produkten sinken hingegen die Renditen, während die Risiken steigen.

Am 1. und 2. Oktober 2008 findet in Genf das Welt-Mikrofinanz-Forum mit Muhammad Yunus statt: www.microfinanceforum.org

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