Anleger sind dieses Jahr bisher zu ­beneiden: Sie bekommen alles, was sie wollen, und das viel schneller als erwartet. Gemessen an der Kurs­entwicklung des Schweizer Aktienindex SMI, haben die Aktionäre allein im ersten Monat über acht Prozent gewonnen. Das ist schon mehr als die sechs Prozent, die im langjährigen Schnitt in einem ganzen Jahr erwartet werden können.

Ob des Aufwärtstempos an der Börse wird manchem Experten schwindlig. Die Bank Sarasin etwa schreibt in einem ­Bericht, dass die Stimmung für Aktien derzeit zu optimistisch sei. «Die Bewertungen der Dividendenpapiere sind inzwischen leicht über dem, was wir als fair betrachten», sagt Philipp Bärtschi, Vorsitzender des Anlagekomitees bei der Bank. «Um die Kurse weiter nach oben zu treiben, müssten die Gewinne der Unternehmen jetzt anziehen, was wir bisher aber nicht feststellen», ergänzt er.

Doch nicht alle zeigen sich vom Kursfeuerwerk an der Börse eingeschüchtert. Einige Marktbeobachter haben das so ­erwartet und prognostizieren weitere Kursgewinne im laufenden Jahr. Zu ihnen zählt Harald Preissler, Chefökonom der Investmentboutique Bantleon. Er war ­bereits Anfang Jahr zuversichtlich, dass sich die fundamentalen Rahmenbedingungen in den kommenden Monaten verbessern würden und der SMI als Folge davon bis auf 8000 Punkte klettern werde – dazu fehlen dem Blue-Chip-Barometer aktuell noch 600 Punkte.

Ob der Hausse am Aktienmarkt der Schnauf ausgeht oder ob sie erst am ­Anfang steht, ist schwierig zu prognostizieren. Anleger, die noch unschlüssig an der Seitenlinie stehen und auf tiefere Einstiegskurse in einigen Wochen oder Monaten hoffen, könnten auf dem falschen Fuss erwischt werden und für Qualitätstitel deutlich mehr bezahlen müssen, falls sie im Frühling doch noch auf den fahrenden Börsenzug aufspringen wollen. So oder so, in der kurzen Frist gibt es zu viele Unwägbarkeiten, um exakte Prognosen zu formulieren.

Megatrend gewinnt. Längerfristig gibt es hingegen kaum einen Zweifel an der Überlegenheit von Aktien. Dabei hat sich die Devise «kaufen und halten» als richtige Strategie erwiesen. Denn «hin und her macht Taschen leer», zudem ist auch empirisch belegt, dass Anleger regelmäs­sig dann zukaufen, wenn die Kurse bereits stattlich sind, und verkaufen, wenn sich die Kurse im Tief befinden. Eine Studie hat jüngst gezeigt, dass der S&P 500 in den letzten 20 Jahren mehr als doppelt so viel Rendite pro Jahr brachte, als Anleger im selben Zeitraum durchschnittlich mit Käufen und ­Verkäufen erwirtschafteten (siehe Grafik «Nichts tun – und verdienen» unter 'Downloads').

Je länger Engagements dauern sollen, desto genauer gilt es zu prüfen, wie ­zukunftsträchtig das Geschäftsmodell des Unternehmens ist. Eine Orientierungshilfe dabei sind Megatrends. Sie stehen für besonders tief greifende, nachhaltige und langfristige Entwicklungen. Die breitere Öffentlichkeit wurde auf das Konzept der Megatrends durch das gleichnamige Buch des Zukunftsforschers John Naisbitt aufmerksam. Das war 1982. Damals sagte Naisbitt unter anderem den Wandel der Industrie- in die Informationsgesellschaft voraus und erkannte den Trend dezentralisierter Entscheide in Firmen.

Wegen Naisbitt wurde die Zukunftsforschung selbst zu einem Trend, der ­zuweilen seltsame Blüten treibt. Viele Prognosen haben einen horoskopähnlichen Charakter: Alles und nichts lässt sich daraus herauslesen beziehungsweise später hineininterpretieren.

Es gibt allerdings Megatrends, deren Wirkungen sich in den letzten Jahren ­bereits entfaltet haben und die sich auch in Zukunft fortsetzen werden. Dazu zählt die demografische Entwicklung. So ist es absehbar, dass die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten wachsen wird. Daraus lassen sich knapper werdende Ressourcen ableiten und der Zwang zu deren effizienterer Nutzung. Ein Schweizer Konzern, der dieses Geschäftsfeld bereits seit Jahren kultiviert, ist der Agrochemie-Spezialist Syngenta. Mit Saatgut und Düngemitteln sorgt das Unternehmen für Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft. An der Börse wird das Geschäftsmodell honoriert: Der ­Aktienkurs hat sich in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht.

Es leben aber nicht nur immer mehr Menschen auf der Welt, sondern sie werden auch immer älter. Das trifft in erster Linie auf die entwickelten Länder wie die Schweiz zu. Von der Alterung der ­Gesellschaft profitieren Pharmakonzerne und Medizintechniker. So weit, so naheliegend. Doch nicht nur sie profitieren – viele Senioren bleiben bis ins hohe Alter rüstig und unternehmungslustig. Für Reiseveranstalter und Anbieter von Kreuzschifffahrten sind das lukrative und oft auch treue Kunden.

Grosse Verschiebungen bringt auch die wachsende Mittelschicht in den aufstrebenden Ländern. Viele Haushalte in China und anderswo brauchen zum ersten Mal nicht mehr ihr ganzes Einkommen zur Deckung der Grundbedürfnisse, sondern können Konsumgüter aus dem Westen kaufen. Der Absatz von Marken­shampoos, -kaffees, -alkoholika und ­-zigaretten wächst denn auch überdurchschnittlich. Nutzniesser sind Konsumgüterkonzerne wie Nestlé, Procter & Gamble und Unilever. Aber auch die Kassen von Starbucks, Philip Morris und des Getränkeherstellers Diageo dürften in Asien lauter klingeln.

Maggi für Nigeria. Zudem wächst auch die Schicht der Reichen in Asien, Russland und Lateinamerika. Das bringt ­Umsatzwachstum für Luxusgüterkonzerne wie Swatch Group, Richemont und LVMH, deren ­Aktien derzeit zu den Stars an der Börse gehören.

Erst skizzenhaft zeichnet sich ein ­weiterer Trend ab: der des wirtschaftlichen Aufschwungs von Afrika. Bisher ist er vor allem vom Rohstoffreichtum des Kontinents und von ausländischen Direkt­investitionen getrieben. Die steigende wirtschaftliche Bedeutung der Subsahara-Region lässt sich mittlerweile auch schon aus Geschäftsberichten von Schweizer Konzernen ablesen. So ist Nigeria beispielsweise der weltgrösste Absatzmarkt für Maggi-Produkte von Nestlé.

Zusätzlich zu den erwähnten Trends werden technologische Innovationen die Gesellschaft tief und dauerhaft transformieren. Mittelfristig wird dem «Internet der Dinge» grosses Potenzial attestiert. Dabei werden künftig Alltagsgegenstände mit Sensoren ausgestattet, was das Leben erleichtert: Kühlschränke füllen den Vorrat von selbst auf, indem fehlende Milch online beim Detailhändler bestellt wird. Die defekte ­Sanitäranlage ruft den Klempner zur Reparatur. Kleidern werden Sensoren eingenäht, die den Träger auf Mangelerscheinungen aufmerksam machen und vor drohenden Krankheiten warnen. Grosse Veränderungen kommen auch auf den Individualverkehr zu. Ab 2020 könnten bereits Fahrleitungssysteme auf Autobahnen das Steuer übernehmen.

Wer an das Internet der Dinge glaubt, könnte etwa Aktien von General Electric kaufen. Der amerikanische Konzern will in den nächsten drei Jahren 1,5 Milliarden Dollar in diesen Geschäfts­bereich investieren.

Eine Weile dauern dürfte es, bis 3-D-Drucker marktfähig sind. Diese erlauben es, Objekte wie Teller und Gläser zu Hause «auszudrucken». Die Möglichkeiten des 3-D-Drucks reichen aber weit über Alltagsdinge hinaus: Ein niederländischer Architekt will ein bewohnbares Haus ausdrucken. Beim Megatrend der technologischen Innovationen besteht die Schwierigkeit für die Anleger oft darin, die Firmen zu orten, die den Marktstandard etablieren werden. Oft ist nicht absehbar, wessen Technologie sich durchsetzt. Das gilt etwa für den 3-D-Druck.

Grundsätzlich brauchen Anleger, die in Megatrends investieren, starke Nerven. Entsprechend strukturierte Port­folios weisen wegen des engen Fokus oftmals starke Kursschwankungen auf. Die Belohnung für jene, die auf die richtigen Trends setzen, ist eine langfristig bessere Performance.

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