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Spitznagel: «Liebe kleine Verluste!»

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Mark 
Spitznagel: «Liebe kleine Verluste!»

Mark Spitznagel: Wartet auf den Crash. Joseph Khakshouri

Mark 
Spitznagel weiss, dass Warten auf den Crash eine fast unmögliche Strategie ist. Er
 selber verdient damit Milliarden.

Von Harry Büsser
06.07.2017

Herr Spitznagel, Sie mögen Börsen­haussen wohl kaum, da Ihr Fonds dann kein Geld verdient.
Mark 
Spitznagel*: Ja, auf gewisse Art bin ich der grösste Crash-Jünger, mit dem Sie jemals reden werden. Aber gleichzeitig benutzen die Kunden meinen Fonds, um mehr auf steigende Kurse setzen zu können.

Wie meinen Sie das?
Ich biete meinen Kunden eine Versicherung gegen Unvorhergesehenes. Dank dieser können sie Risiken eingehen, die sie sonst nicht eingehen könnten.

Sie sprechen beispielsweise von Pensionskassen, die für ihre Leistungsversprechen in der Zukunft höhere Renditen ­brauchen, als sie mit ihren ­möglichen ­Aktienanteilen im Depot ­erreichen ­können.
Ja, dank Investitionen in meinen Fonds können sie höhere Aktienanteile halten und gleichzeitig die Gefahr klein halten, dass sie insolvent werden.

Können Sie ein Beispiel geben?
Wenn jemand 98 Prozent in Aktien investiert und zwei Prozent in meinen Fonds, trägt er viel weniger Risiken als jemand, der 60 Prozent in Aktien investiert und 40 Prozent in Obligationen. Wobei Letzteres das Standard-Balanced-Portfolio ist, das sehr viele Anleger bei Banken erhalten.

In Krisen verdienen Sie enorme Summen mit Ihrem Fonds. Als die Börsenkurse 
im Jahr 2013 einbrachen, soll Ihr Fonds ­innerhalb einer Woche über eine ­Milliarde Dollar gewonnen haben.
Ich darf aus regulatorischen Gründen nichts dazu sagen.

Das stand im «Wall Street Journal». Dort stand auch, dass sich der Wert Ihrer ­Anlagen 2008 mehr als verdoppelte, ­während Aktienindizes wie der Schweizer SMI über ein Drittel verloren.
Ich weiss nicht, woher die das haben, vielleicht von einem meiner Kunden.

Erklären Sie genauer, wie Ihr Crash-Fonds funktioniert. Kaufen Sie Puts, die gewinnen, wenn die Kurse fallen?
Nach jedem Crash gibt es wieder Leute, die ähnliche Produkte wie ich anbieten wollen. Die kaufen dann Put-Optionen. Aber so, wie sie das machen, wäre es besser, einfach etwas Pulver trocken zu halten, also nicht alles zu investieren, sondern einen grösseren Vermögensbetrag auf einem Bankkonto zu belassen, um im Falle eines Börsencrashs reagieren zu können.

Warum?
Die Optionen sind oft sehr illiquid, und die Differenz zwischen An- und Verkaufs­kursen kann sehr hoch sein, doppelt so hoch wie der Kaufpreis einer Option.

Privatanlegern würden Sie als ­Absicherung daher eher empfehlen, Geld auf dem Bankkonto zu belassen und ­geduldig auf einen Crash zu warten.
Ja, allerdings ist das wahrscheinlich eine unmögliche Strategie.

Wieso?
Es ist sehr hart, einfach nichts zu tun, 
während die Aktienkurse steigen.

Weil man mitansehen muss, wie die ­anderen Gewinne einfahren, während man selber nur auf den Crash wartet?
Ja. Während Sie warten, werden Sie wie ein Idiot dastehen, sich grün und blau ­ärgern und sich mies fühlen.

Kein schönes Leben.
Als professioneller Anleger ist es sogar unmöglich, an der Seitenlinie zu bleiben, weil man seinen Job verliert, bevor der Crash kommt.

Weil man gegen die Konkurrenten einfach schlecht aussieht.
Ja, und eine Pensionskasse kann gar nicht fünf Jahre warten, bis die Aktienkurse wieder tiefer sind. In dieser Zeit kann sie insolvent werden.

Wie sind Sie dazu gekommen, einen Crash-Fonds zu führen?
Das kommt daher, dass ich in Chicago aufwuchs und im Alter von 16 Jahren schon an der Börse bei den Ringhändlern war.

Dort lernt man das?
Ich war dort bei einem etwa 70-jährigen Börsenhändler, der abends kaum mehr sprechen konnte, weil er den ganzen Tag geschrien hatte. Der sagte mir: Liebe Verluste und hasse Gewinne.

Ernsthaft?
Er meinte vor allem: Liebe kleine Verluste! Wenn du nach kleinen Verlusten nicht verkaufst, werden es grosse Verluste, und damit gehst du bankrott.

Wahre Worte.
Heute mache ich genau das Gegenteil von dem, was die meisten Börsenhändler oder Hedge-Fund-Manager tun: Sie fahren an den meisten Tagen kleine Gewinne ein, bis sie eines Tages riesige Beträge und damit oft auch ihren Job verlieren. Dann gehen sie zu einem anderen Arbeitgeber oder lancieren einen neuen Fonds.

Andere Börsenhändler haben 
wohl wenig Verständnis für Ihre Art 
des Geschäfts.
Nicht nur die. Verstehen Sie, wenn ich ­Ihnen sage: Ich habe soeben den besten Trade abgeschlossen, aber ich erwarte, damit Geld zu verlieren?

Wie das?
Mein bester Trade ist, wenn ich eine Put-Option für 10 Cent kaufen kann, bei der ich denke, dass Sie 50 Cent wert ist. Im Ausnahmefall eines Crashs verdiene ich damit Tausende Prozent. Im Regelfall verliere ich aber mein gesamtes Investment in diesen Put.

Wie kam es, dass Sie mit Nassim Taleb, dem Autor von «Black Swans», einen Fonds eröffneten?
Nassim war auch Trader in Chicago. Wir hatten die gleiche Einstellung. Im Jahr 1999 haben wir dann zusammen einen Fonds gegründet.

Perfektes Timing vor dem Platzen der Dotcom Bubble?
Ja.

*Mark Spitznagel hat Mathematik studiert und ist Gründer der Hedge-Fund-Firma Universa mit Sitz in Florida in den USA. Die Firma verwaltet mehrere Milliarden Dollar. Nebenbei hat er einen grossen Bauernhof in Michigan aufgebaut, wo Schafskäse produziert wird. «Bilanz» hat den Mann mit Schweizer Vorfahren in Zürich getroffen, nachdem er mit seiner Familie in Zermatt gewesen war. Er fährt Snowboard, der Rest der Familie Ski.

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