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Klimawandel: Damit das Vermögen nicht in Rauch aufgeht

Die Erderwärmung lässt selbst die Börse nicht kalt. Denn politische Massnahmen und vermehrtes Umweltbewusstsein werden dort neue Gewinner und Verlierer produzieren.

Von Markus Diem Meier
28.09.2007

Eine Lenkungsabgabe von 15 bis 50 Rappen auf jeden Liter Benzin ab 2010: Dies ist nur eine von insgesamt 26 Massnahmen, die Bundesrat Moritz Leuenberger Anfang dieses Monats für die Schweiz vorgeschlagen hat. Auch andernorts jagen sich Vorschläge für Regulierungen und Abgaben, um den Ausstoss von CO2 und anderen Treibhausgasen zu stabilisieren.

Im Hintergrund stehen die dramatischen Szenarien, die der Welt aufgrund des Klimawandels drohen, der sich mit einem messbaren weltweiten Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen ankündigt. Als hauptsächliche Ursache hierfür gelten vor allem die wachsenden Emissionen von CO2, aber auch von Methan- und Lachgas.

Selbst wenn der Ausstoss der Treibhausgase auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisiert werden könnte, würde die weltweite Durchschnittstemperatur bis 2035 mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 bis 99 Prozent um zwei Grad ansteigen. Zu diesem Schluss kommt der sogenannte «Stern-Report» der britischen Regierung. Deren Verfasser, der Ökonom Nicholas Stern, bezieht sich dabei auf eine grosse Anzahl weiterer Studien.

Die Folgen des in diesem Report dargelegten Szenarios könnten für weite Teile der Welt verheerend sein: Die Nahrungs- und Trinkwasserversorgung für einen grossen Teil der Weltbevölkerung würde gefährdet, Extremereignisse wie Stürme oder Trockenheit würden vermehrt auftreten, die Meeresspiegel würden sich erhöhen, sodass vor allem Länder wie Bangladesh oder Vietnam und Grossstädte wie Tokio, New York, Kairo oder London gefährdet wären. 15 bis 40 Prozent der Arten wären vom Aussterben bedroht. Wenn sich allerdings der Ausstoss an Treibhausgasen nicht stabilisieren liesse, würden noch weit schlimmere Szenarien drohen.

Ausser der Tatsache der Erwärmung selbst – die sich eindeutig nachweisen lässt – werden allerdings in der Debatte die konkreten Auswirkungen des Klimawandels angezweifelt. Exakte Prognosen für Entwicklungen über mehrere Jahrzehnte sind unmöglich. Wir können nicht wissen, welche technologischen Errungenschaften die Menschheit noch hervorbringt und wie die sozialen, wirtschaftlichen und natürlichen Prozesse auf Temperaturveränderungen reagieren. Dementsprechend arbeiten Studien wie jene von Stern mit – gut begründeten – Annahmen, mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Bandbreiten möglicher Entwicklungen.

Anlegern ist dieser Umgang mit einer unsicheren Zukunft bestens bekannt. Der innere Wert der Aktie eines Unternehmens entspricht letztlich ebenfalls bloss der Annahme darüber, wie sich die Gewinne eines Unternehmens künftig entwickeln werden. Preisentwicklungen auf Kapitalmärkten sagen daher generell nur etwas über Zukunftserwartungen aus und nicht über die Zukunft selbst. Investoren sind daher vom Klimawandel betroffen, ganz unabhängig davon, ob nun die Szenarien genau so eintreffen, wie sie heute prognostiziert werden.

Die erwarteten Folgen des Klimawandels und die bereits getroffenen oder noch geplanten politischen Massnahmen führen daher nicht erst in Zukunft zu einer Neueinschätzung von Gewinnern und Verlierern auf den Güter- und Kapitalmärkten. Zunehmende Regulierungen und Umweltabgaben sowie auch die steigende Nachfrage nach klimaschonend hergestellten Produkten lassen die Gewinne und damit die Aktienkurse jener Unternehmen zulegen, die weniger Treibhausgase emittieren oder Produkte und Verfahren anbieten, die diesen Ausstoss vermindern. Die anderen Unternehmen werden verlieren.

Wer aber sind die Gewinner und wer die Verlierer? Weil etwa zwei Drittel der Treibhausgase durch den Verbrauch von fossilen Energieträgern emittiert werden, stehen die alternativen Energien wie Sonnen- und Windenergie oder geothermische Energiegewinnung bei den Gewinnern im Vordergrund. Spezifische Klimaschutz-Anlageprodukte umfassen deshalb zumeist Anlagen aus diesem Bereich (siehe «Im Dienste des Klimaschutzes» oben).

Als klimagerechte Energiequelle gilt zuweilen auch Biotreibstoff, etwa Ethanol, das aus Mais gewonnen wird und Benzin ersetzen soll. Doch neue Studien zeigen klar, dass diese Rechnung nicht aufgeht: «Das ist eine Verschwendung von Ressourcen», konstatiert Philipp Vorndran, Investmentstratege der Credit Suisse, «wenn Nahrungsmittel in Energie umgewandelt werden, ist das nur ganz selten effizient.»

Sabine Döbeli, Leiterin Nachhaltigkeit bei Vontobel, verweist zudem darauf, dass für solche Produkte auch Wälder abgeholzt und Monokulturen gefördert werden, was Zielen der Nachhaltigkeit diametral entgegenläuft. Auf wenig Verständnis stösst unter Experten daher die Absicht der EU, bis 2020 den Anteil der Biotreibstoffe auf zehn Prozent anzuheben.

Stark umstritten ist die Atomenergie. Der Abbau von Uran ist ebenfalls mit CO2-Emissionen verbunden, ausserdem werden die Uranvorräte immer knapper, und auch die Frage der Endlagerung der atomaren Abfälle ist bis heute ungeklärt. Wie verschiedene Experten einwenden, ist die wirtschaftliche Rentabilität von Atomstrom kaum gegeben, erst recht nicht, wenn das Risiko von Unfällen angemessen im Preis für Atomstrom berücksichtigt würde.

Am Klimawandel orienterte Anlagen gehen weit über den Bereich der erneuerbaren Energien hinaus. Auch Unternehmen, die Produkte oder Verfahren anbieten, mit denen sich Energie sparen lässt, werden durch die Klimawandeldebatte gewinnen. Entsprechend finden sich Unternehmen wie Philips oder Electrolux in Klimaschutz-Anlageprodukten.

Aufgeführt sind da zudem Unternehmen, die sich in ihrem eigenen Geschäftsgebaren durch ein ausgeprägt klimaschonendes Verhalten auszeichnen. Ein Beispiel dafür ist der Rückversicherer Swiss Re.

Auch in der Bauindustrie sind Gewinner auszumachen, gerade weil sich durch die Folgen des Klimawandels zunehmend bauliche Schutzmassnahmen und Infrastrukturbauten aufdrängen – etwa im Bereich der Isolationen.

Selbst die Finanz- und Versicherungsbranche wird vom Klimawandel betroffen: «Es ist davon auszugehen, dass sich hier die Marktbedingungen markant verändern werden», betont Philipp Vorndran von der Credit Suisse und verweist auf ein zunehmendes Sicherheitsbedürfnis und voraussichtlich zunehmende Schadensfälle – beides würde zu höheren Versicherungs- und Risikoprämien und damit auch zu höheren Langfristzinsen führen.

Da sich kaum ein Bereich der Wirtschaft finden lässt, der vom Klimawandel nicht betroffen ist, werden Anleger immer weniger darum herumkommen, sich mit dem Thema vermehrt auseinanderzusetzen.

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