Die Internetriesen Amazon, Alphabet, Facebook und Apple sind bei Anlegern seit Jahren ein Renner und gehören mittlerweile zu den wertvollsten Konzernen der Welt. Künftig könnte es aber etwas ungemüt­licher werden – denn die Konkurrenz in Fernost greift an. Seit der chinesische E-Commerce-Gigant Alibaba an der Wall Street an die Börse ging und am Tag eins die Rekordsumme von 25 Milliarden Dollar einsammelte, haben sich weitere Technologieunternehmen aus China aufgemacht, den Markt fernab ihrer Heimat zu erobern: Vor allem Tencent, Baidu und Xiaomi schicken sich an, den US-Börsenstars das ­Leben künftig schwerer zu machen. Tencent war Anfang 2018 mehr wert als Facebook. Baidu kooperiert mit den deutschen Autobauern Daimler und BMW, um das autonome Fahren voranzutreiben. Xiaomi stieg in nur acht Jahren zum viertgrössten Smartphone-Anbieter der Welt auf.

Doch wer sind die neuen Tech-Giganten aus dem Reich der Mitte? Haben sie das Zeug, um am Thron von Facebook, Amazon, Alphabet und Apple zu rütteln? Und inwieweit lassen sich die Unternehmen aus den so unterschiedlichen Ländern überhaupt vergleichen? BILANZ hat die acht Aktien für ­einen Vergleich auf die Rennstrecke geschickt.

Wer in China mit Bargeld bezahlen will, erntet zuweilen schräge Blicke. Denn in der Volksrepublik nehmen immer weniger Menschen Banknoten in die Hand – ob auf dem Gemüsemarkt oder in der Nobelboutique. Stattdessen zücken sie zum Bezahlen das Smartphone. Insgesamt 520 Millionen Kon­sumenten nutzen die Bezahl-App Alipay des weltgrössten E-Commerce-Anbieters Alibaba.

Der Konzern mit Sitz in Hangzhou macht sich mit seinen Angeboten in verschiedensten Lebensbereichen breit und hat das Konsumverhalten der Chinesen radikal verändert. Im Gegensatz zu Amazon ist Alibaba ein Business-to-Business-Marktplatz, dient also als Handelsplattform und verkauft Waren nicht direkt an den Endkunden. Onlineshopping und virtuelles Bezahlen sind denn auch lediglich zwei Angebote des chinesischen Konzerns. «Alibaba ist in der virtuellen und mittlerweile auch in der analogen Welt unglaublich breit auf­gestellt, betreibt seit April die erste eigene Shoppingmall in Hangzhou», sagt Thomas Schalow, Gründer der Onlineplattform AsiaFundManagers. Bislang sei Alibaba nur in Asien erfolgreich und sei langfristig ­gezwungen, international zu expandieren. «Dann wird der Konkurrenzkampf härter, vor allem mit Amazon und eBay», sagt Schalow.

An der Börse kannte der Internet­gigant aus China lange nur eine Richtung: steil nach oben. Zuletzt ging dem Titel allerdings die Puste aus. Analysten sind aber guter Dinge, dass es sich bei dem Einbruch nur um eine Verschnaufpause handelt. Langfristig dürften sowohl die chinesische Wachstumsstory als auch die Nachfrage aus dem Ausland das Interesse an Alibaba-Angeboten treiben. Voraussetzung ist, dass die Internationalisierung gelingt.

Aus der Garage zur Nummer 1

In einer Garage in Seattle fing alles an. 1994 startete Amazon als kleiner Onlinebuchhandel. Seither hat sich der Konzern zum international präsenten Onlinehändler und zu einem der umsatzstärksten Unternehmen überhaupt entwickelt. Einen Grossteil der unzähligen Produkte verkauft Amazon selbst, bietet stationären Händlern aus aller Welt aber auch eine Plattform für den Onlineverkauf ihrer Waren. «Der Konzern dominiert den E-Commerce in Europa und den USA und hat sich in diesen Ländern zu einer Art Suchmaschine für Produkte entwickelt», so Jonathan ­Curtis, Fondsmanager des Franklin Technology Fund. Heisst: Wer ein bestimmtes Produkt sucht, geht oft direkt zu Amazon – und schaut nicht einmal woanders nach.

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Amazon vs. Alibaba
Quelle: Melk Thalmann

Amazon vs. Alibaba

CEO: Jeff Bezos (seit 1996) / Daniel Zhang (seit 2015)
Mitarbeiter: 566 000 / 66 421
Aktive Nutzer weltweit: 310 Mio. / 515 Mio.
Umsatz in Milliarden Franken: 177,94 / 39,9
Operative Marge in Prozent: 2,60 / 27,89
Potenzial: Amazon ist auf dem besten Weg, beim Börsenwert die magische Grenze von einer Billion Dollar zu überschreiten. Trotz der rasanten Wert­entwicklung in der Vergangenheit dürfte es weiter aufwärtsgehen. / Ein Geheimtipp ist die Aktie längst nicht mehr, von Kurseinbrüchen bleibt der Titel in turbulenten Börsenphasen nicht verschont. Der Wachstumswille Alibabas ist allerdings ungebrochen – gute Aussichten für Investoren.

Der Börsenwert von Amazon: mehr als 900 Milliarden US-Dollar. Die Aktie hat im vergangenen Jahr um fast 100 Prozent zugelegt, über fünf Jahre sogar um 677 Prozent. Ein Ende des Aufwärtstrends ist nicht in Sicht – auch deshalb nicht, weil Amazon sich emsig in anderen Geschäftsfeldern engagiert: Das Unternehmen dominiert etwa den Markt für Datenspeicherung im Internet, die selbst entwickelte digitale Sprachassistentin Alexa verkaufte sich besser als erwartet. Anleger sind zu Recht begeistert. Am Thron von Amazon dürfte so bald niemand rütteln.

Robin Li ist in der Schweiz kaum jemandem ein Begriff. In China hingegen ist der Multimilliardär ein Star: Li gründete im Jahr 2000 Baidu, seit 2004 ist er CEO des Unternehmens. Heute ist Baidu in Fernost das, was Google für Europa und die USA ist. Die Suchmaschine gehört zu den fünf weltweit am meisten aufgerufenen Web­sites. Der chinesische Platzhirsch erhöht seine Präsenz auch in anderen Schwellenländern, etwa in Thailand und Ägypten.
Nebenher dringt Baidu zunehmend in andere Geschäftsfelder vor. Das Unternehmen investiere zum Beispiel stark in künstliche Intelligenz, sagt HyunHo Sohn, Manager des Fidelity Global Technology Fund: «Baidu testet in einigen chinesischen Städten bereits die ersten selbst entwickelten autonom fahrenden Autos.» Noch bringen solche Experimente keine Gewinne.

An der Börse lief es für Baidu lange Zeit rund. Künftig könnte das Fahrwasser jedoch unruhig werden: Im Ausland hat Baidu einen zweifelhaften Ruf als Erfüllungsgehilfe der chinesischen Zensur, was die Expansion erschweren dürfte. ­Zumal Konkurrent Google dem Unternehmen im In- und Ausland in die Quere kommen dürfte. Google war in China ­bisher blockiert, weil die Suchmaschine sich nicht selbst zensurieren wollte. Nun plant Google die Rückkehr auf den chinesischen Markt offenbar mit einer zensierten Version. Dragonfly (auf Deutsch: Libelle) soll die zensierte Suchmaschine heis­sen, die Google in China anbieten will und die dem dortigen Platzhirsch Baidu ernsthaft ­Konkurrenz machen soll. «Langfristig hat Google die besseren Aussichten als Baidu», sagt Franklin-Templeton-Experte Curtis. Er hat einige chinesische Internet­aktien im Portfolio – Baidu ist nicht dabei.

Alphabet vs. Baidu
Quelle: Melk Thalmann

Alphabet VS. Baidu

CEO: Larry Page (seit 2015) / Robin Li (seit 2004)
Mitarbeiter: 88 110 / 42 200
Suchanfragen pro Tag: 3,5 Mrd. / 5 Mrd.
Umsatz in Milliarden Franken: 111 / 13
Operative Marge in Prozent: 25 / 20,55
Potenzial: Zuletzt trat die Alphabet-Aktie mehr oder ­weniger auf der Stelle, das Unternehmen wird durch Kartell­strafen der EU gebeutelt. Trotzdem: Langfristig steht der Konzern sehr gut da. / Chinas beliebteste Website ist die Nummer vier unter den Suchmaschinen weltweit, der Börsenwert steigt stetig. Eine echte Alter­native zur Alphabet-Aktie. Analysten lieben Baidu.

Aus Sicht von Investoren ist die Alphabet-Aktie im Vergleich mit Baidu die bessere Wahl: Der Kurs ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Das Unternehmen konnte seinen Umsatz in den letzten zwei Jahren in jedem Quartal um mehr als 20 Prozent steigern. 86 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Google mit Werbung und investiert ständig, damit das auch so bleibt. «Es gibt keinen Zweifel an der Vorherrschaft von Google auf dem Markt für digitale Werbung», sagt Richard Kramer, Analyst bei Arete Research.

Genau wie Baidu ist auch Alphabet/Google längst keine herkömmliche Suchmaschine mehr. Der Konzern forscht etwa an künstlicher Intelligenz, betreibt die ­Videoplattform YouTube und beteiligt sich an dem indonesischen Start-up Go-Jek, das Motorroller-Taxis in Jakarta anbietet. Langsam, aber stetig dringt Google so auch in Schwellenländer vor, in denen die Konkurrenz aus China besonders präsent ist.

Über eine MIlliarde Nutzer

Zhang Xiaolong sieht sich nicht als Handlanger der Regierung. «Niemals werden wir die Privatsphäre unserer Nutzer ver­letzen und Chatprotokolle speichern», ­erklärte er einmal vor chinesischen Softwareentwicklern. Xiaolong hat die App WeChat erfunden, mit deren Hilfe mehr als eine Milliarde Chinesen ihr Leben organisieren. Chatten, bezahlen, ein Taxi bestellen, Termine überblicken – all das geht mit WeChat. In China heisst die App Weixin. Und entgegen Xiaolongs Versprechen hat Chinas Kommunistische Partei durchaus ­Zugriff auf die Daten der Nutzer, wenn sie das wünscht. Im Datenschutztest von ­Amnesty International fiel WeChat mit null Punkten glatt durch.

Facebook vs. Tencent
Quelle: Melk Thalmann

Facebook vs. Tencent

CEO: Mark Zuckerberg (seit 2004) / Ma Huateng (seit 1998)
Mitarbeiter: 27 742 / 44 796
Monatliche Nutzer: 2,19 Mrd. / 1 Mrd. (WeChat)
Umsatz in Milliarden Franken: 40,63 / 35,38
Operative Marge in Prozent: 50 / 31,52
Potenzial: Der Aktienkurs von Facebook kam zuletzt stark unter Druck. Ob die Unternehmens­entwicklung eine Erholung des Aktienkurses rechtfertigt, ist fraglich. / Tencent hat die Gewinn­erwartungen kürzlich nach unten ­geschraubt: Künftig dürften weniger ­Einnahmen mit mobilem Gaming erzielt werden. Analysten sind vorsich­tiger geworden.

Die Chinesen stört das nicht. Und ­Tencent will mehr, schafft immer neue ­digitale Angebote und sucht sich weitere Geschäftsfelder. Tencent hat viel in Online und Mobile Gaming investiert, betreibt neben WeChat die sozialen Netzwerke QQ und Qzone. «Das Unternehmen hat ein ­eigenes Ökosystem erschaffen», sagt ­Jonathan Curtis von Franklin Templeton. Zwar werde Tencent oft mit Facebook verglichen. Die Aktivitäten der Chinesen seien allerdings noch viel umfassender als die­jenigen des US-Netzwerks.

Nach einer langen Hochphase, auch an der Börse, gab es zuletzt einige Hiobsbotschaften für Tencent: So darf das millionenfach vorbestellte PC-Spiel «Monster Hunter: World» auf dem Heimatmarkt China nicht verkauft werden, dann musste das Unternehmen den ersten Gewinnrückgang seit zehn Jahren verkraften. Curtis ist trotzdem optimistisch: «Langfristig hat der Titel grosses Potenzial.» Unter den chinesischen Technologieaktien sei die von Tencent sicher eine der stärksten – und könne den Riesen aus den USA durchaus den Rang ablaufen.
Das global dominierende soziale Netzwerk ist Facebook. Die Zahl der Nutzer stieg zwischen 2008 und 2018 kontinuierlich von rund zwei Millionen auf mehr als zwei Milliarden. Auch der Börsengang des Unternehmens war mittelfristig ein voller Erfolg, der Aktienkurs schoss innerhalb von fünf Jahren um 450 Prozent in die Höhe. Mit Zukäufen von Apps wie Snapchat, Instagram und WhatsApp traf das US-Unternehmen ausserdem kluge strategische Entscheidungen.

Doch die fetten Jahre sind vorbei. So scheint es zumindest. Zuletzt wurde es für Facebook vor allem in Europa und den USA zunehmend ungemütlich. Die Fake-News-Debatte und der Datenskandal um Cambridge Analytica haben dem Netzwerk Schaden zugefügt. In Europa hat Facebook inzwischen den Ruf einer Datenkrake. «Das Unternehmen leidet besonders unter den wachsenden Sorgen über mögliche negative Folgen einer schärferen Regulierung», so HyunHo Sohn von Fidelity. Hinzu kommt, dass viele Nutzer Facebook nicht mehr so intensiv nutzen wie früher. Die meisten Neuanmeldungen kommen aus Asien. Dort wartet mit Tencent jedoch ein starker Konkurrent. Analysten sagen: Facebook werde weiterwachsen – künftig aber viel langsamer als zuvor und unter grösseren Schwierigkeiten.

Wertvollstes Start-up

Vor wenigen Monaten galt Xiaomi noch als wertvollstes Start-up der Welt. Inzwischen hat das Hard- und Softwareunternehmen den Börsengang gewagt. Man trat an, um den Technikriesen Samsung und Apple Konkurrenz zu machen. Der Start an der Börse Hongkong verlief inmitten des ­chinesisch-amerikanischen Börsenstreits allerdings äusserst holprig. Statt der ­erwarteten zehn erlöste Xiaomi bei der Erstkotierung lediglich knapp fünf Milliarden Dollar.

Wie Xiaomi und die Aktie sich in den kommenden Monaten entwickeln werden, ist fraglich. Zwar ist es dem Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2010 gelungen, zum viertgrössten Smart­phone-­Hersteller der Welt aufzusteigen. Aber der Abstand zu Apple und Samsung ist riesig. Zudem schreibt Xiaomi tiefrote Zahlen – und ist nicht zuletzt stark abhängig von der Entwicklung eines ­einzigen Landes: Das Unternehmen macht den grössten Teil des Umsatzes auf dem chinesischen Heimatmarkt. Fraglich ist, ob sich Xiaomi auf dem gesättigten Smartphone-Markt, der nur noch in Schwellenländern nennenswert wächst, gegen die starke Konkurrenz wird behaupten können. Immerhin: Für Opti­misten ist die Aktie günstig zu erwerben.

Magische Grenze geknackt

Marktbeobachter fragen sich seit Jahren, wie lange Apple die Erfolgsstory weiterschreiben kann. Denn der US-Konzern wächst und wächst und wächst – und hat beim Börsenwert als erstes Unternehmen die magische Marke von einer Billion Dollar geknackt. Auch Jahre nach dem Tod des Gurus und Firmen-Mitgründers Steve Jobs ­gelingt es Apple immer wieder, die Jünger um sich zu scharen. Mitte September ­werden wohl neue iPhones präsentiert. Laut Gerüchten arbeiten die Amerikaner an dem Projekt «Star». Was sich dahinter genau verbirgt, ist zwar unklar – doch dank ­solcher Geschichten schafft der Technologiekonzern es, seinen Ruf als Technikübermacht zu erhalten.

Aber nicht nur das: Auch die harten Zahlen aus dem Firmenuniversum fallen verlässlich überzeugend aus. Der Umsatz wuchs in diesem Jahr in drei Quartalen in Folge zweistellig, der Aktienwert stieg seit ­Jahresbeginn um 30 Prozent. Der Börsenstart von Xiaomi dürfte Apple wenig Sorge bereiten: In dem Rennen hat der Konzern aus dem kalifornischen Cupertino eindeutig die Nase vorn.

Apple vs. Xiaomi
Quelle: Melk Thalmann

Apple vs. Xiaomi

CEO: Tim Cook (seit 2011) / Lei Jun (seit 2010)
Mitarbeiter: 123 000 / 18 000
Verkaufte Smartphones 2017 in Millionen: 77,3 / 96
Umsatz in Milliarden Franken: 229 / 16
Operative Marge in Prozent: 38,3 / 10,7
Potenzial: Apple hat als erste Firma, die Billion-Dollar-Marke übersprungen. Der Gigant versucht, die ­Abhängigkeit von den iPhone-Verkäufen zu reduzieren. Das verspricht weitere Erfolge. / Der Börsenstart von Xiaomi kam ­wegen des Handelsstreits mit den USA zu einem schwierigen Zeitpunkt – und floppte. 2017 schrieb das ­Unternehmen tiefrote Zahlen. ­Anleger sollten sich im Zweifel lieber zurückhalten.