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Börsenpsychologie 
Je geringer die Volatilität, desto grösser die Gefahr

Die Kursausschläge nach unten fallen in diesem Jahr bislang sehr überschaubar aus. Doch Vorsicht ist geboten: Experten warnen vor den Folge der geringen Volatilität.

Von ANDRÉ SCHMIDT-CARRÉ
25.08.2017

Aktienanleger dürften sich im laufenden Jahr in ihrer Haut besonders wohl fühlen: Psychologen zufolge leiden die meisten Anleger bei Kursverlusten deutlich stärker, als ihnen Gewinne Freude bereiten. Und die Kursausschläge nach unten fallen in diesem Jahr bislang sehr überschaubar aus. Der weltweit bekannteste Volatilitätsindex VIX, der die erwartete Schwankungsbreite des breiten US-amerikanischen S&P 500 misst, bewegt sich aktuell auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren.

Auch die üblichen Rückschläge nach Höchstständen auf anderen Aktienmärkten wie etwa beim Schweizerischen Leitindex SMI fallen bislang sehr moderat aus. «Die Volatilität an den globalen Aktienmärkten ist derzeit in der Tat ungewöhnlich niedrig», sagt Michael Winkler, Leiter Anlagestrategien der St. Galler Kantonalbank Deutschland.

Unerwünschte Effekte

Was gut fürs Gemüt ist, kann auf Dauer allerdings unerwünschte Effekte haben: Denn die ausbleibenden Rückschläge verleiten Investoren dazu, immer höhere Risiken einzugehen, wenn die Aktienmärkte scheinbar nur noch eine Richtung kennen und Zwischentiefes ausbleiben. «Akteure neigen dazu, in solchen extrem ruhigen Phasen ihr Gefühl für das normale Auf und Ab der Aktienmärkte zu verlieren und Risiken nicht mehr oder nur noch unzureichend wahrzunehmen», sagt Winkler.

Auch Ruhe kann eben ansteckend sein, der häufig zitierte Herdentrieb wirkt nicht nur in Panikphasen. Je länger eine entspannte Phase anhält, desto grösser wird damit die Gefahr, dass die Realität stark schwankender Aktienkurse eines Tages umso heftiger wieder zurückkehrt: Historisch gesehen folgen auf Phasen mit besonders niedriger Volatilität häufig solche mit stark ansteigenden Schwankungen, und damit korrespondierend fallenden Kursen. Der Sturm nach der Ruhe sozusagen.

Forscher der ETH Zürich (ETHZ) haben 40 historische Blasenbildungen und darauffolgende Crashs an Finanzmärkten untersucht. Demzufolge ging zwar zwei Drittel der Blasen eine besondere niedrige Volatilität voran, und nur in einem Drittel eine erhöhte Volatilität. Es sei aber kein logischer Zusammenhang zwischen der Höhe von Kursausschlägen und späteren Blasenbildung sowie Crashs erkennbar, so Studienautor Didier Sornette, Professor für Entrepreneurial Risks an der ETHZ. Der Forscher kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass Volatilitätskennzahlen allein nicht dazu taugen, die Entwicklung von Blasen an Märkten oder einen drohenden Crash vorherzusagen. Damit die Angst der Investoren VIX und Co wieder in die Höhe treibt, müssten dementsprechend erst einmal fundamentale Störfaktoren auf den Plan treten und eine Trendwende bewirken.

Investoren blenden Risiken nicht aus

Analyst Winkler sieht derzeit zwei potenzielle Faktoren, die grundsätzlich das Zeug dazu haben: Erstens eine nachlassende Dynamik bei der Gewinnentwicklung der Unternehmen. «Derzeit sehen wir allerdings genau das Gegenteil. Die Erträge der Unternehmen wachsen weltweit zweistellig, Analysten revidieren ihre Erwartungen nach oben.» Und zweitens einen deutlich stärkeren Schwenk der Notenbanken Fed und EZB hin zu einer restriktiven Geldpolitik. «Auch das ist derzeit nicht in Sicht, weshalb wir vorerst nicht mit einer sprunghaft steigenden Volatilität rechnen.»

Zumal die Investoren negative Nachrichten durchaus zur Kenntnis nehmen und reagieren: Der deutsche Leitindex Dax etwa hat zuletzt infolge der Skandale um die schwergewichtigen Auto-Hersteller einen spürbaren Dämpfer bekommen, aus Sicht von Analyst Winkler ein positives Zeichen für die Verfassung der Aktienmärkte insgesamt: «Für uns ist das ein Hinweis darauf, dass Investoren Risiken nicht völlig ausblenden.»M

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