Bahnhofstrasse 94 in Zürich. Ein kleines, unscheinbares Unternehmensschild verweist auf die Firma CVC Capital Partners. Hier an der Zürcher Nobelmeile residiert eine kleine Zwei-Mann-Klitsche, der Schweizer Ableger eines der grössten Beteiligungskonzerne der Welt. Kaum jemand nahm bislang davon Notiz – bis im vergangenen November, als die Briten ein Übernahmeangebot für Forbo vorlegten. Jetzt ist alles anders: Wird das vom Schweizer Management heruntergewirtschaftete Bauausstattungsunternehmen bald in britische Hände übergehen?, fragt man sich männiglich in der Schweizer Finanzszene.

Die Pläne von CVC Capital Partners, sich in das Schweizer Traditionsunternehmen einzukaufen, ist kein Einzelfall. Die Firmenjäger sind wieder unterwegs. Vergangen und vergessen ist der Zusammenbruch der New Economy, vergessen sind auch die Milliardenverluste vieler Private-Equity-Fonds nach den Jahren des Hypes. In Europa, in der Schweiz screenen die Firmenhändler wieder die Szene nach unterbewerteten Firmen ab. Laut Statistiken der Zephyr-Datenbank des Bureau van Dijk steckten Finanzinvestoren im vergangenen Jahr insgesamt rund 1,7 Milliarden Euro in Schweizer Firmen. Dreimal so viel wie im Jahr zuvor. Prominente Übernahmen der letzten Jahre sind die Öl-, Gas- und Petrochemie-Division von ABB, die ehemaligen Swissair-Töchter Gate Gourmet, Swissport und SR Technics oder auch das Telekommunikationsunternehmen Cablecom. Allesamt landeten sie im Portefeuille von ausländischen Finanzgesellschaften. Im Durchschnitt werden zwei Unternehmen aus der Schweiz von Finanzinvestoren aufgekauft – pro Monat.

Dieser Trend wird sich noch verstärken. «Während die grossen europäischen Private-Equity-Fonds im letzten Jahr primär neue Firmen aufgekauft haben, konzentrieren sie sich im laufenden Jahr nun zusätzlich darauf, bei Investoren neues Kapital aufzutreiben. Allein die fünf grössten Fonds planen, insgesamt zwischen 15 und 20 Milliarden Euro an Fondsgeldern aufzubringen», sagt Ralph Aerni, Private-Equity-Spezialist des Unternehmens SCM Strategic Capital Management. Viele Milliarden Euro sollen nun gesammelt und in Unternehmen investiert werden, so kann die Party weitergehen.

In Deutschland haben die Investmentgesellschaften die Jagd auf die Schnäppchen bereits eröffnet. So verleibten sich Investoren Ende des Jahres 2003 mehr als 5000 deutsche Gesellschaften ein. Magazine wie die «Wirtschaftswoche» oder «Focus» sprechen bereits von einem Ausverkauf deutscher Unternehmen. «Viel Kapital fliesst auch nach Asien», beobachtet Christoph Rubeli, Private-Equity-Spezialist von Partners Group. «Vergleichbare Firmen sind teilweise um das Fünf- bis Zehnfache billiger in Asien zu erwerben als in den Vereinigten Staaten.»

Jagdziel der Finanzinvestoren sind immer unterbewertete Firmen, deren Unternehmenswert gesteigert werden soll. Ist die Firma erst mal aufgekauft, wird sie umgekrempelt, an die Börse gebracht oder an den nächsten Investor weitergereicht, ganz oder in Teile filetiert. Was mit Forbo im Falle einer Übernahme passieren wird, ist völlig offen. Möglich wäre neben einem Managementwechsel und Mitarbeiterabbau auch ein Going-private oder ein Verscherbeln der Einzelteile. Heinz Hasler, Direktor von CVC Capital Partners Schweiz, lässt sich nicht in die Karten blicken und meint lediglich, dass «die Due-Dilligence-Prüfung noch in vollem Gange ist». Man spricht nicht über hängige Geschäfte. Doch eines ist sonnenklar: Grundsätzlich geht es immer darum, das Investment zu vergolden.

Um den Kreislauf des Einkaufens, Aufmöbelns und Abstossens aufrechtzuerhalten, braucht es für die Investments kontinuierlich neues Geld. Zu diesem Zweck legen Beteiligungsgesellschaften immer wieder neue Fonds auf, an denen sich institutionelle Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen, aber auch vermögende Privatpersonen beteiligen können. Über Vermittler, auf Seminaren oder luxuriösen Investmentreisen mit Rahmenprogramm werden Geldgeber gesucht. Immer geht es darum, nach allen Regeln der Kunst um die Gunst potenzieller Investoren zu buhlen.

Singapur im Spätherbst des vergangenen Jahres. Elf Männer eilen im Stechschritt in den Vortragssaal des Luxushotels Ritz-Carlton. Sie nehmen an einem «Beauty-Contest» der besonderen Art teil: Drei Tage lang balzen Private-Equity-Manager um die Aufmerksamkeit der geladenen Investoren. Während die Vortragenden Millionen für einen neuen Fonds eintreiben wollen, versuchen die Zuhörer, die Millionen möglichst Gewinn bringend zu investieren. Das illustre Grüppchen ist sich seiner Potenz durchaus bewusst. Sie haben schätzungsweise 20 Milliarden Franken im Rücken, die investiert sein wollen. Genügend Bares also, denn zum Einstieg in einen Private-Equity-Fonds müssen Investoren zwischen 10 und 20 Millionen Franken mitbringen. Hier geht es um ganz grosse Zahlen und weniger um den schönen Schein.

Einer der Investoren trägt einen Anzug, der verdächtig an die letzte Aldi-Konfektion erinnert. Er ist, wie sich später herausstellt, Vermögensverwalter für eine grosse Religionsgemeinschaft in Deutschland. Ein anderer, ein gut aussehender Mittdreissiger, outet sich als Family-Office-Mitarbeiter eines schwerreichen Schweizer Privatiers. Die anderen aufmerksamen Zuhörer in Singapur sind ein Banker aus Kuwait, zwei Pensionskassenverantwortliche einer europäischen Fluglinie und ein vermögender deutscher Privatier.

Pünktlich beginnt der grosse Auftritt des ersten Fonds-Managers: Ein Brite, gross gewachsen, mit schütterem Haar und Brille auf der Nase. Eine unauffällige Erscheinung. Er spricht langsam und gewählt, mit diesem speziellen britischen Akzent, den man nur bei angestrengtem Hinhören versteht. Andrew Cummings, Geschäftsführer von CVC Asia Pacific, jener weltweiten Beteiligungsfirma, die das Schweizer Unternehmen Forbo übernehmen will. Cummings ist, und das ist für die Zuhörer entscheidend, einer der Erfolgreichsten der Branche.

«Seit der Auflegung des CVC Asia Pacific im Februar 2000 erwirtschafteten wir eine Rendite von 137 Prozent», hebt Cummings an und steht dabei stocksteif und bewegungslos vor dem Beamer. «Sechzehn Unternehmen wurden gekauft, vier devestiert», verrät der 55-jährige Cummings weiter. Auf dem Beamer erscheint das Portfolio seines Fonds. Aufgelistet die Firmen, die Herkunft, investiertes Kapital, Erträge, Investitionen, Bruttowert der Unternehmen. Zahlen, die niemand ausserhalb des Raums in solcher Art je zu sehen bekommt. Selbst die Investoren müssen einen Vertrag unterzeichnen, der sie zur Geheimhaltung aller Details, Zahlen und Fakten verpflichtet.

Andrew Cummings, der eher wie ein Buchhalter wirkt als wie ein Topinvestor, kommt dennoch bei der Gruppe an. Kaum ist sein zäher Redefluss beendet, stürmen die Zuhörer zu ihm, tauschen Visitenkarten aus, vereinbaren Gesprächstermine. Eine Rendite von 137 Prozent in vier Jahren weckt Begehrlichkeiten. Begehrlichkeiten, die lediglich ein paar wenige in dieser Industrie zu erfüllen in der Lage sind. Eine Studie der Universität Chicago und des MIT-Instituts zeigte kürzlich auf, dass die besten 25 Prozent der weltweit insgesamt 2700 Private-Equity-Fonds seit 1980 Jahr für Jahr eine Rendite von rund 23 Prozent erzielten, das schlechteste Viertel hingegen bloss eine solche von 4 Prozent.

Zehn Minuten nach seinem Vortrag bricht Cummings zum Flughafen auf. Smalltalken und die obligate Frage-und-Antwort-Stunde kann er sich sparen. Sein neuer Fonds, der demnächst aufgelegt werden soll, war bereits vor seinem Auftritt in Singapur zweimal überzeichnet – Ausdruck des globalen Kapitalismus. Heute wird beispielsweise in der Zentrale der CVC Capital Partners in London über Schweizer Unternehmen entschieden, die finanziellen Mittel für den Kauf werden in Singapur oder New York aufgetrieben. Die Käufer sind keine Unternehmer, sondern Finanzinvestoren, die in den Finanzabteilungen der Grossbanken ihr Handwerk erlernt haben. Sie sind vernetzt, haben alle den Abschluss einer Eliteuniversität in der Tasche und verfügen über «Berater», die ihnen Tür und Tor zu den angepeilten Deals öffnen. Im Beirat von CVC Capital Partners sitzt etwa der ehemalige Industrielle Thomas Schmidheiny, ebenso Willy Kissling, Verwaltungsratspräsident von Forbo. Welch ein Zufall: Exakt jene Beteiligungsgesellschaft, in der Kissling im Beirat sitzt, will nun Forbo übernehmen.

Einige Investmentgesellschaften wie die amerikanische Carlyle-Gruppe brüsten sich sogar damit, dass illustre Persönlichkeiten in ihrem Sold stehen. Für die Gruppe arbeitet der einstige amerikanische Präsident George Bush senior, der ehemalige Präsident der Philippinen, Fidel Ramos, John Major, ehemaliger Premierminister Grossbritanniens, sowie Arthur Levitt, ehemals Chairman der amerikanischen Finanzaufsichtsbehörde SEC. Auch in Singapur ist Carlyle mit Vortragenden vertreten. Das ganze Asien-Team des fünftgrössten Beteiligungsunternehmens der Welt ist angereist. «Wir sind stolz darauf, im letzten Jahr mit dem Verkauf der koreanischen Koram Bank den grössten Single-Exit Asiens durchgeführt zu haben», konstatiert Michael Kim, Chairman von Carlyle Asien, ein begnadeter Networker. Sein Schwiegervater, Premierminister in Korea, hat sich dafür stark gemacht, dass sein Unternehmen die Koram Bank übernehmen konnte, was auf Grund gesetzlicher Restriktionen eigentlich gar nicht möglich gewesen wäre. Auch nach dem Referat bietet sich das gleiche Bild wie beim Vortragenden zuvor. Die Zuhörer belagern Kim.

Waren es früher die Future-Händler, Gold-, Immobilien- oder IPO-Spezialisten, welche die Investorenherzen höher schlagen liessen, so sind es heute die Private-Equity-Manager. Dass sich hier auf Grund der vielen Fonds, die eröffnet werden, und des Kapitals, das in den Sektor fliesst, die nächste Blase entwickeln könnte, wird ausgeblendet – genauso wie die anhaltenden Schwierigkeiten für Private-Equity-Fonds, im derzeitigen Umfeld Exits zu finden, und die geringe Aktivität auf dem IPO-Sektor. Auch wird oftmals übersehen, dass einige der zugkräftigen Fonds zwar einen Home-Run hatten, einen äusserst erfolgreichen Deal, der Rest der Unternehmen im Wert aber nicht gesteigert werden konnte. Diese Firmen werden dann einfach abgeschrieben und aus den Büchern eliminiert. Auch bei Andrew Cummings’ Fonds waren zwei seiner vier devestierten Unternehmen sehr erfolgreich, die anderen zwei entpuppten sich hingegen als Top-Flops mit einem Verlust in der Höhe von ungefähr 70 Millionen Dollar. Es ist ein bisschen wie im Roulett – mal gewinnt man, mal verliert man, und jeder Fondsmanager hofft, dass er selbstverständlich zu den Gewinnern gehört.

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