Jeden Einzelnen von Ihnen bitte ich daher, sorgfältig zu prüfen, ob nicht die Zeit für eine Realisierung seines Investments und eventueller Gewinne gekommen ist.» Der dies an «meine sehr geehrten Herren» am 12. Mai dieses Jahres geschrieben hat, Clemens J. Vedder, sorgte einst für unruhigen Schlaf beim Commerzbank-Management. An der Spitze einer zeitweise etwa 40-köpfigen Aktionärsgruppe, die sich Cobra nennt, wollten Vedder sowie seine Kompagnons Hansgeorg Hofmann und Klaus-Peter Schneidewind die kleinste unter den deutschen Grossbanken ins Ausland verscherbeln – am liebsten, weil am gewinnträchtigsten, in die Schweiz. Übernahmegelüste wurden der UBS, aber auch der Credit Suisse nachgesagt. Im Jahr 2000 hielt Cobra immerhin etwa 17 Prozent der Commerzbank-Aktien, was damals einem Börsenwert von gegen vier Milliarden Euro entsprach.

Bei der Commerzbank wird nun der Ausstieg der Aktionärsgruppe mit Überraschung aufgenommen. Pressesprecher Stefan Roberg weiss nichts von einem Brief an die Cobra-Miteigentümer. Allerdings wurde Cobra in den letzten Jahren bei der Grossbank auch nicht mehr als wirkliche Bedrohung wahrgenommen. Das Gros der Cobra-Mitglieder hat sich jedenfalls längst von seinen Commerzbank-Aktien getrennt, die Beteiligung von einst stolzen 17 Prozent ist bis in diesem Jahr auf knapp fünf Prozent geschrumpft. Inzwischen dürfte auch davon nicht mehr viel übrig geblieben sein.

Die Bankanalysten sind heute froh, dass aus den etwas gar grossspurigen Plänen von Cobra nichts geworden ist. Denn die einst lendenlahme Commerzbank, lange Jahre als Übernahmekandidat gehandelt, konnte stabilisiert werden und präsentiert sich heute in neuer Frische. Für das vergangene Jahr wurde eine Verdreifachung des Gewinns gemeldet, die Eigenkapitalrendite liegt mit 12,4 Prozent weit über den alten Sätzen. Der Ausweis für das erste Quartal 2006 lässt darauf schliessen, dass sich die Ertragserholung fortsetzt. Von dieser Gesundung reklamiert Clemens J. Vedder einen guten Teil für sich respektive für Cobra: «Sowohl die Herren der Commerzbank als auch die Analysten haben schliesslich erkannt und verstanden, dass die von uns seit Jahren geforderte Neuausrichtung der Bank die einzig nachhaltige Strategie darstellt, um eine solide und entwicklungsstarke Performance der Commerzbank zu garantieren», schreibt er nicht unbescheiden im Brief.

Was wird nun aus Cobra? Clemens J. Vedder: «Wir wollen etwas völlig Neues machen.» Mehr lässt sich der Financier, der sich gerne als «Privatier mit abgeschlossener Vermögensbildung» bezeichnet, nicht entlocken. «Lassen Sie sich überraschen.»

Talfahrt gestoppt», titelte jüngst ein deutsches Finanzmagazin. Auch viele andere Medien haben an der Börsenfront bereits Entwarnung gegeben. Als ob nichts gewesen wäre, wird bereits wieder zum Einstieg geraten. War da wirklich nichts? Die Aktienmärkte haben weltweit innerhalb von kürzester Zeit zehn Prozent und mehr verloren. Stimmt, nach den ausgesprochen kräftigen Kurssteigerungen der letzten drei Jahre ist das kein Beinbruch. Stimmt, dabei handelt es sich vor allem um eine Korrektur. Also wieder zurück zum normalen Tagesgeschäft?

Für die Kursrückschläge führen die Börsenauguren Faktoren ins Feld wie den schwachen Dollar, Preisexplosion bei Rohstoffen, anziehende Zinsen, Inflationsängste, den überhitzten Immobilienmarkt. Nur ist das alles nichts Neues. Der Kursrutsch wurde denn auch nicht durch ein grosses Ereignis ausgelöst. Vielmehr hat sich die übergrosse Nervosität der Anleger in fast panikartigen Verkäufen entladen. Eine Art Dominoeffekt, der jederzeit wieder über die Aktienmärkte hereinbrechen kann.

Lassen Sie sich von dieser Nervosität nicht kirre machen. Werden Sie nicht zum Kurzstreckenläufer. Koppeln Sie sich aus dem Tagesgeschäft aus. Was ist bei Aktienengagements das Schwierigste? Nein, nicht einmal so sehr das
Timing. Oder die Suche nach dem günstigsten Broker. Sogar das Aktienpicking ist nicht vorrangig. Ja was dann? Dass der Investor eine wohlüberlegte und damit langfristig viel versprechende Anlagestrategie verfolgt – und an dieser auch dann beharrlich festhält, wenn durch die Börsensäle ein eisiger Wind weht.

Kürzlich stand ein Jubiläum der besonderen Art auf dem Kalender: Am 26. Mai feierte der berühmteste Börsenindex der Welt, der Dow Jones Industrial Average, den 110. Geburtstag. Der Dow Jones hat eine interessante Historie. Als das Börsenbarometer 1886 vom Amerikaner Charles Dow kreiert wurde, bestand es lediglich aus zwölf Aktien von Unternehmen primär aus den Bereichen Landwirtschaft und Basismaterial wie Kohle oder Metalle. Doch die Gesellschaften der ersten Stunde sind heute fast völlig in Vergessenheit geraten. Oder sind Ihnen Namen wie U.S. Leather, Laclede Gas Light, National Lead, Distilling & Cattle Feeding, North American oder American Cotton Oil noch ein Begriff? General Electric ist die einzige Firma, die auch nach über hundert Jahren unverändert im Dow Jones enthalten ist. Erst 1928 wurde der Index auf die heute noch gebräuchliche Anzahl von 30 Unternehmen ausgedehnt.

Interessant sind einige Marksteine aus der reichen Geschichte des Dow Jones. Beispielsweise der 28. Oktober 1929; damals fiel der Dow um 13, am nächsten Tag nochmals um 12 Prozent. Das war der Auftakt zur grossen Wirtschaftsdepression. Der stärkste Tagesverlust allerdings geschah in der Neuzeit, und zwar am 19. Oktober 1987, als der Index gleich um 22 Prozent abstürzte. Der Dow Jones notiert heute auf über 11 000 Punkten. Allerdings bewegte er sich während Jahrzehnten unter 500 Punkten, und es hat 99 Jahre gedauert, bis die Marke von 5000 Zählern fiel. Noch etwas zum Schmunzeln: Zwischen 1923 und 1963 hat ein gewisser Arthur «Pop» Harris den Dow kalkuliert – und dies jede Stunde neu, von Hand respektive mit Rechenmaschine! Dann wurde das System vom Computer übernommen.

Der Dow Jones Industrial Average steht immer wieder in der Kritik. Er sei mit 30 Titeln zu eng gefasst, die Berechnungsmethode altmodisch, die Auswahl der Unternehmen ein Ausschnitt der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft des letzten Jahrhunderts – obwohl die Zusammensetzung des Dow alle paar Jahre angepasst wird. Profis messen die Börsenentwicklung denn auch immer mehr an anderen US-Indizes wie dem Standard & Poor’s 500 oder dem technologielastigen Nasdaq. Was dennoch nichts daran ändert, dass der Dow Jones Industrial Average in Radio, Fernsehen und den Druckmedien den meistzitierten Index darstellt.

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