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Indikatoren: «Vom Zufall bestimmt»

Klaus Zimmermann

Von Punktprognosen in neuralgischen Zeiten hält Klaus Zimmermann, Leiter des Instituts zur ­Zukunft der Arbeit (IZA), nichts. Deshalb hat er sich diesen in der ­Finanzkrise auch verweigert.

Von Hans Peter Arnold
04.09.2012

BILANZ: Konjunkturprognosen sind oft falsch. Woran liegt dies?

Klaus Zimmermann: Man kann nicht mehr erwarten. Gerade an den Wendepunkten – mitten im Boom oder in der Rezession – ist die Konjunkturentwicklung vom Zufall bestimmt.

Erklären Sie das bitte.

Erst wenn in diesen neuralgischen Phasen der Auf- oder der Abschwung ersichtlich wird, lässt sich die nähere Zukunft relativ sicher prognostizieren. Im Allgemeinen bewegt sich die Prognosesicherheit in kritischen Phasen in einem solch grossen Intervall, dass man die öffentlich genannten Punktprognosen eigentlich vergessen kann. Die Abweichungen davon sind viel zu gross.

Sie kritisieren das Herdentrieb-Verhalten der Prognostiker.

Es gibt weltweit eine Grosszahl von Konjunkturprognostikern, die sich alle gegenseitig beobachten. Je weniger ein Analyst weiss, umso sicherer ist es für ihn, wenn er dem allgemeinen Trend – der Herde – folgt. Allerdings: Wenn kaum ein Institut in einem volatilen Umfeld die Relevanz erkennt, dann kommt es zu massiven Fehlprognosen.

Es scheint, dass die Prognostiker mit ihren Revisionen dem Trend hinterhereilten.

Ja, aber es gibt ein simples praktisches Problem: Wendepunkte sind schon deshalb spät zu erkennen, weil die relevanten Daten für die Analyse zunächst nur als vorläufige Schätzungen vorliegen.

Auch am verlässlichen ­Prognosehorizont scheiden sich die Geister.

Tatsächlich haben Forschungs­ergebnisse gezeigt, dass beispielsweise die deutschen Konjunkturprognosen, die jeweils zum Beginn eines Jahres veröffentlicht werden, überhaupt nichts mit der Realität zu tun haben. Das hat die letzte gros­se Krise wieder deutlich vor Augen geführt. Auch verändert die Prognose selbst die Realität, da ja Regierung, Wirtschaft und Konsumenten auf solche ­Informationen reagieren.

Sie kritisieren die mangelnde Selbstkritik der Konjunktur­forscher.

Man muss es zugeben, wenn man in einer Krise nichts mehr genau weiss. Auch laufen Konjunktur­forscher Gefahr, die Krise mit ­Panikprognosen zu verstärken. Viele Konjunkturforscher befürchten jedoch, dass sie in diesem Fall nicht mehr ernst genommen werden. Die Wahrheit kann aber doch nicht falsch sein. Das Problem ist die grosse Konkurrenz unter den Prognostikern.

Sie plädieren für eine realistischere Sicht der Dinge?

Ja. Auch Erdbebenforscher werden ­respektiert, obwohl sie kein Erdbeben ­unmittelbar vorhersagen können. Nach ­bestimmten Regeln erfolgte Revisionen von Prognosen erhöhen die Glaubwürdigkeit – auch dann, wenn Irrtümer in den Annahmen zugegeben werden.

Es scheint, als ob die Konjunktur­forscher den Finanz- und Rohstoffmärkten etwas ­unbeholfen ­gegenüberstünden.

In der Tat: Diese Sektoren werden in den Prognosemodellen kaum berücksichtigt. Das ist ein grosser Fehler, der korrigiert werden muss.

Stört es Sie, dass Konjunkturprognosen in den Medien und der Gesellschaft einen solch hohen Stellenwert haben?

Ich stelle eine gewisse Diskrepanz fest: In den Medien werden Konjunkturprognosen gerne als Königsdisziplin der Ökonomen angepriesen. Gleichzeitig werden die häufigen Fehlprognosen ­heftig attackiert. Hier sollte man besser zur Kenntnis nehmen, dass es für das Hochjubeln dieser Teildisziplin keine solide Basis gibt.

Klaus Zimmermann ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn. Bis Februar 2011 war er Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. In den letzten Jahren hat sich Zimmermann zum ­Kritiker der etablierten Prognoseforscher ­gemacht.

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