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Indikatoren: Der Zeit voraus

Mit Indikatoren wie den Google-Suchabfragen lässt sich die Zukunft der Konjunktur ver­lässlicher vorhersagen.

Investoren gieren nach Konjunkturdaten. Neue Indikatoren wie Google-Suchabfragen oder ­Luftfrachtraten können Anlegern für die ­Börse richtungsweisende Anhaltspunkte geben.

Von Hans Peter Arnold
am 04.09.2012

Zu ungenau, zu optimistisch, zu langsam: Das ist der wenig ­löbliche Kommentar von Klaus Zimmermann, Professor für Wirtschaft an der Universität Bonn, zu Konjunkturprognosen (siehe «Vom ­Zufall bestimmt»). Wie hoch die Prognoserisiken sind, offenbaren die teilweise erheblichen Revisionen. Zum Beispiel beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco): Im März 2012 sagte das Seco der Schweiz für das laufende Jahr ein reales Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent voraus. Nur drei Monate später korrigierte die Expertengruppe des Bundes das Wachstum um 0,6 Prozentpunkte auf 1,4 Prozent nach oben.

KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm gibt zu bedenken: «Es ist schwierig, Wendepunkte zu erkennen. Vor allem wenn sie durch unvorhersehbare Ereignisse wie 9/11 oder die Lehman-Pleite ausgelöst werden.» Da unerwartete Ereignisse wie Terroranschläge oder Naturkatastrophen regelmässig negativer Natur sind, besteht in der Tat eine Tendenz zu zahlreichen Revisionen nach unten. Es liege deshalb in der Natur von Konjunkturprognosen, dass das Wachstum eher überschätzt werde, so Jörg Hinze vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Auf den Punkt gebracht: «Exakt zutreffende Prognosen sind eher Zufall, Prognosefehler im Sinne von nicht genauer Übereinstimmung zwischen Prognose- und Ist-Werten der Normalfall.»

Prognosetool Suchmaschinen

Auf solch ungenaue Prognosen können Investoren nicht setzen. Hilfreich kann es für Anleger sein, Beobachtungen im eigenen ­Umfeld zu machen: zum Beispiel zur Einstellungspolitik der Personalabteilung im eigenen Unternehmen oder beim Branchenleader. Oder man verfolgt, welche Sorgen die Nachbarn plagen und ob sie grössere Anschaffungen tätigen. Aufgrund der meist geringen Anzahl solcher Beobachtungen sollte das persönliche Umfeld allerdings auch nicht überbewertet werden.

Um zuverlässigere Prognosen zu generieren, werden heute neue Datenquellen und Erhebungsmethoden evaluiert. Bereits gibt es mehrere Studien, die auf Basis von Suchabfragen auf Google eine Prognosekraft ableiten. So haben die Forscher Concha Artola und Enrique Galán in der Studie «Tracking the Future on the Web» den Zusammenhang zwischen Google-Abfragen nach Automarken und den tatsächlichen Autoverkäufen nachgewiesen. Auch im Tourismussektor sind solche Korrelationen offensichtlich. Der Reiz solcher Analysen besteht sowohl in der hohen Aktualität der Daten wie auch in der Beinahe-Repräsentativität – aufgrund der breiten Internetnutzung.

Das gilt auch für die Analyse von Google-Suchabfragen nach Luxusmarken wie Rolex, Omega oder Louis Vuitton in den USA. Sinkt die Zahl der Suchabfragen nach Luxusmarken, dann deutet das darauf hin, dass eher wirtschaftlich schwierige Zeiten erwartet werden und die Aktienkurse einige Monate später fallen. Da der Indikator erst gerade nach oben gedreht hat, könnte das ein Einstiegssignal für Investoren werden. Die Wende nach oben müsste sich allerdings erst noch weiter bestätigen für ein echtes Kaufsignal.

Satelliten im Vorhersage-Einsatz

Längst nicht nur das Verhalten von Internetnutzern bietet sich für Real-Time-Analysen und als Baustein für Frühindikatoren an. Getestet werden derzeit unter anderem Echtzeit-Analysen von Handels- und Verkehrsströmen. Dies geschieht zum Beispiel mit Hilfe von Satelliten, welche die Zahl der auf den Weltmeeren verkehrenden Frachtschiffe sowie ihre Geschwindigkeit aufzeichnen.

Die Gegenwart hier und jetzt beobachten: «Now-Casting» heisst dieser Trend, dem sich allerdings die etablierten Prognoseinstitute nur zögerlich ­zuwenden. Für David Marmet, Leiter Volkswirtschaft Schweiz bei der ZKB, steht aber fest, dass Real-Time-Analysen ein grosses Potenzial haben. Umfrage­basierte Erhebungen könnten so ins Hintertreffen geraten: «Von der Durchführung von Umfragen bis zur Publikation der daraus gewonnenen Resultate verstreicht bekanntlich viel Zeit.»

In der Kritik stehen insbesondere Fragen, die in die Zukunft gerichtet sind, ­allerdings erheblich vom aktuellen Zeitgeist beeinflusst werden. So befragt die Credit Suisse beispielsweise im sogenannten ZEW-Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Analysten in der Schweiz nach der Konjunkturtendenz der kommenden Monate. Oder das Seco erhofft sich von Konsumenten Aufschluss über künftige grös­sere Anschaffungen.

«Wir müssen neue kurzfristige Indikatoren gewinnen», fordert Klaus Zimmermann angesichts der voranschreitenden Internetökonomie. Die aktuelle Standortbestimmung sei ja schon höchst anspruchsvoll. «Internetdaten, die praktisch kontinuierlich erhoben werden können, helfen uns, die gegenwärtige Lage zu bestimmen.» Als Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat Zimmermann den Toll-Index lanciert, der Maut-Daten aus dem Gütertransport auf den Autobahnen verwendet.

Vernachlässigte Börsenindizes

Neben ­realwirtschaftlichen Fakten sollten Daten zu Finanzströmen ein stärkeres Gewicht haben, meint Susanne Haury von Siebenthal von Publica, der Pensionskasse des Bundes. Diese ist die grösste Pensionskasse der Schweiz und somit einer der wichtigsten Adressaten von Konjunkturdaten. Haury von Siebenthal steht mit dieser Aussage nicht allein. Auch andere Experten wie Finanzmarktprofessor Erwin Heri sehen gerade die Börsenindizes als wertvolle Signalgeber. Schliesslich seien in den Aktienkursen alle zurzeit verfügbaren Informationen unmittelbar enthalten. Viele Prognostiker vernachlässigen diesen Sektor jedoch sträflich.

Die Relevanz eines einzelnen Indikators bemisst sich objektiv an der Reaktion der Märkte. So reagieren die Börsen besonders sensibel auf aktuelle Arbeitsmarktdaten. Stark beachtet werden etwa die Neuanträge für die Arbeitslosenhilfe in den USA. Ebenfalls hohe Beachtung erhalten die monatlichen Erhebungen unter Einkaufsmanagern in der Industrie, die Detailhandelszahlen, das Konsumstimmungs-Barometer sowie die ersten staatlichen Quartalsschätzungen zum Bruttoinlandprodukt.

Verlässliche Halbleiterindustrie

Aufgrund des Anteils am Welt-BIP geniessen Daten aus den USA und der Eurozone hohe Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die aufstrebenden BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Die Investoren blicken jedoch deshalb vorwiegend Richtung Amerika, da die USA bezüglich Transparenz und Aktualität der Daten einen grossen Vorsprung besitzen. Das hilft mit, die Börsen an der Wall Street als globale Leitindizes zu bewahren.

Der Geschäftsgang von Konzernen wird manchmal ebenfalls als eigentlicher Konjunkturindikator betrachtet: ­Einerseits wenn sie global tätig sind und ein breites Tätigkeitsportfolio aufweisen wie etwa Philips oder General Electric. Andererseits finden gewisse Firmen in frühzyklischen Branchen wie dem Rohstoffsektor Beachtung.

In der Mediengesellschaft erhalten überdies negative Nachrichten wie Stellenabbau ein hohes Gewicht. Treffen ­solche Meldungen ein, dann verschlechtert sich die Konsumentenstimmung. Das wiederum belastet den Konsum. Trendanalysen von Medieninhalten werden heutzutage in der Verhaltensökonomie (Behavioural Finance) eingesetzt. Fondsmanager, die ihre Anlagestrategie danach ausrichten, verwenden ebenso solche Analysen.

Anspruchsvoll Konjunkturverlauf abzuschätzen

Neben Daten aus einzelnen Ländern und Zonen sind globale Konjunktur­daten besonders wertvoll. Dazu gehören etwa die Fracht- und Passagierdaten der IATA, des internationalen Branchenverbandes der Luftfahrtindustrie. Die Daten zur Luftfracht weisen derzeit kaum auf eine Expansion der Wirtschaftsaktivität hin, was Investoren eher zu Vorsicht mahnt und dazu, mit Zukäufen zu warten.

Aufschlussreich ist schliesslich das Geschäft der Halbleiterindustrie. Nicht nur in Desktop-PCs, Notebooks und Smartphones stecken Halbleiter. Immer mehr Konsum- und Industriegüter sind von Prozessoren durchsetzt. Der Geschäftsgang dieser Branche ist ein verlässlicher Signalgeber für die Weltwirtschaft. Aktuell sind etwa die Daten der in Nordamerika ansässigen Investitions­güter-Unternehmen (www.semi.org). Im Juni schwächten sich die Aufträge sowohl gegenüber Mai wie auch gegenüber dem Vorjahresmonat erheblich ab. Die schlechten Halbjahreszahlen der meisten IT-Konzerne waren vor diesem Hintergrund eine logische Folge.

Selbst unter Einbezug der neuen ­Generation von Indikatoren ist es höchst anspruchsvoll, den Konjunkturverlauf zuverlässig abzuschätzen. Die Zyklen werden kürzer, die Ausschläge grösser. Vor allem: Der Einfluss der Politik und der Zentralbanken ist exponentiell gestiegen. Nebst Zinssenkungen hätten die wichtigsten Zentralbanken mit unkonventionellen Massnahmen auf die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise reagiert, erklärt David Marmet von der ZKB. Die Modelle, deren sich die Ökonomen in der Vergangenheit bedient hätten, büssten einen Teil ihrer Prognosekraft ein. Marmet: «Ökonomie und Politik hängen heute wesentlich stärker zusammen.»

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