Die Erleichterung am Markt hielt nur kurz: Nach der Leitzinssenkung durch die Zentralbank drehten die chinesischen Börsen zunächst ins Plus, schlossen aber aber tiefer. Auch SMI und Dax schlingern über den Handelstag im Minus.

Wäre die Talfahrt an den chinesischen Börsen nicht die Gelegenheit, als Anleger so richtig zuzugreifen? Nein, sagt Heinz Rüttimann, Analyst bei der Bank Julius Bär: «In der jetzigen Situation sind noch zu viele Fragen offen.» Dieser Ansicht ist auch Anja Hochberg von der Credit Suisse. Es gebe noch kein deutliches Kaufsignal, sagt die Anlagechefin für Europa und Schweiz. «Wir gehen von einer Bodenbildungsphase aus, die durchaus bis in den Oktober reichen kann.»

Vertrauen in Chinas Regierung fehlt

Seit den erfolglosen Marktinterventionen der letzten Wochen sind sich die Investoren nicht mehr sicher, ob die chinesische Regierung ihre Wirtschaft noch im Griff hat. «Das war vorher nicht so, da hat sich die Wahrnehmung um 180 Grad geändert», so Julius-Bär-Analyst Rüttimann. Das zeigt sich auch daran, dass die Leitzinssenkung verpuffte und die Kurse trotzdem sanken. «Offensichtlich genügen den Anlegern die Massnahmen der chinesischen Zentralbank nicht», stellte CMC-Markets-Analyst Andreas Paciorek fest. Ob die heutige Geldspritze der Zentralbank für Geschäftsbanken in Höhe von umgerechnet 20 Milliarden Franken die Wirtschaft stützen kann, bleibt abzuwarten.

Für eine stark anhaltenden Gegenbewegung an den Börsen müsste die Regierung schon massiv intervenieren, so Julius-Bär-Analyst Rüttimann. «Wir rechnen nicht damit.»

18 Prozent der Aktien vom Handel ausgesetzt

Noch immer sind gemäss Stand letzter Woche 18 Prozent der gelisteten Aktien in Shanghai und Shenzen vom Handel ausgesetzt. «Solange Titel vom Handel ausgesetzt sind, funktioniert die Marktpreisfindung nicht richtig. Solange die Preisfindung verzerrt ist, solange bleibt auch das Anlegervertrauen negativ», sagt Rüttimann.

Auch Harald Preissler, Chefökonom von Bantleon rät noch zum Abwarten. Man solle dann die deutlich tieferen Kurse zum Einstieg nutzen: «Wir sehen vor allem Euro-Aktien positiv. Die Konjunktur in Europa läuft derzeit wegen der starken Binnennachfrage rund. Das macht die sonst so anfälligen Euro-Märkte widerstandsfähiger als früher.»

Dividendenbringer aus Europa

Ein Problem sind auch die starken Schwankungen. «Bis die Aktienmärkte ein neues Gleichgewicht finden, um die tieferen globalen Wachstumserwartungen einzupreisen, dürfte sich die Volatilität hoch halten», Panagiotis Spiliopoulos, Leiter Research bei der Bank Vontobel.

Spiliopoulos empfiehlt Investoren, sich auf Sektoren und Einzelwerte zu konzentrieren, die ein überschaubares Exposure zu Emerging Markets (nicht nur China) haben, von der langsamen aber stetigen Erholung in der Eurozone profitieren und über einen komfortablen Cashflow verfügen, um eine nachhaltig überdurchschnittliche Dividendenrendite auszuschütten.

Dazu gehören Sektoren wie Banken und Finanzwerte – UBS, Cembra Money Bank, Partners Group – und Telekomanbieter Sunrise oder Pharma mit Roche und Novartis. «Bei den Small & Midcaps würden wir auf klare Marktführer in spezifischen Marktsegmenten setzen: Temenos, Straumann, Lonza.»

Korrektur nähert sich dem Ende

Chefökonomen der Zürcher Kantonalbank, Anastassios Frangulidis, sieht die Lage etwas optimistischer. Für ihn stellt sich die Frage: «Ist das Fundament der Weltkonjunktur stark genug, um das Erdbeben zu überstehen? Wir meinen: Ja. In China sind die Entscheider fiskal- und geldpolitisch bereit, weiterhin die nötigen Massnahmen zu ergreifen. Das gilt auch für die USA und Europa. Darum kann die globale Konjunktur diese Schwächephase überleben.»

Frangulidis interpretiert die Baisse an der chinesischen Börse als Korrektur. «Und die hat, wie der Name schon sagt, vorübergehenden Charakter. Die tiefen Börsenwerte halten wir für eine Überreaktion.» Frangulidis meint, da die Korrektur in China nun schon seit den letzten fünf Handelstagen anhält und es zu beträchtlichen Rückgängen kam, denke er, dass sich die Korrekturphase eher dem Ende zuneigt.

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