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Hedge-Fund-Manager: Auf der Jagd nach Profit

Rudolf Bohli: Der Hedge-Fund-Manager hält 30 Titel in seinem Fonds.Ofelia De Pablo/ Javier Zuita

Wie vermehrt ein Hedge-Fund-Manager das Vermögen seiner Kunden? BILANZ begleitete ­Rudolf Bohli inkognito an eine Konferenz für Grossanleger.

Von Harry Büsser
17.02.2015

Sie verdienen Milliarden damit, die Welt zugrunde zu richten. So die verbreitete Sichtweise, die in einem Leserkommentar auf einem deutschen ­Medienportal so auf die Spitze getrieben wird: «Ich verstehe nicht, warum Islamisten verfolgt werden, aber Hedge-Fund-Manager nicht.»

Rudolf Bohli ist Hedge-Fund-Manager. Er wird dafür bezahlt, dass er Geld vermehrt: 2003 gestartet, hat er seinen Kunden jedes Jahr im Durchschnitt zwölf Prozent Gewinn beschert. Bohli kann auf steigende wie auf fallende ­Aktienkurse setzen. Er hält jeweils 30 Titel in seinem Fonds, der sich auf mittelgrosse Firmen in Europa konzentriert.

Bohli verdient dabei keine Milliarden, doch siebenstellig ist seine Lohntüte in guten Jahren schon. Von den Investoren erhält er eine fixe Gebühr zwischen 1,4 und 2 Prozent des verwalteten Vermögens plus 20 Prozent der erreichten Performance. Gemäss Bloomberg, Anbieter von Finanzinformationen, verwaltet Bohli ein Vermögen von fast 800 Millionen Franken. Er selbst sagt, so hoch sei es maximal gewesen – derzeit sei es weniger, einige hundert Millionen Franken.

Bei Erfolg verdoppeln

Eine Grundlage seines Erfolges seien Gespräche mit Firmenlenkern. Führungskräfte von 500 verschiedenen Firmen trifft er pro Jahr. «Daraus entspringen einige ­wenige Anlageideen, die weiterverfolgt werden», so Bohli. Viele Informationen flössen in seinen Hinterkopf und seien vielleicht später einmal nützlich. Er besuche auch oft die rund 30 Firmen, in die er investiert sei. «Ich muss dranbleiben, wissen, wie es läuft.» Oft steigt er nur mit einem halben Prozent seines verwalteten Vermögens ein und verdoppelt den Einsatz, wenn es gut läuft.

Viele Führungskräfte trifft er an ­Investorenkonferenzen, die von Brokern organisiert werden. Das sind Banken, die Börsentransaktionen von Grossinvestoren abwickeln. Sie laden Bohli ein, weil seine Börsengeschäfte ihnen Einnahmen bringen. Als Gegenleistung bieten sie Unternehmensanalysen und Zugang zum Topmanagement von Firmen. «Wir ­versuchen, in jedem Land mit mindestens zwei Brokern zusammenzuarbeiten, damit wir auf unabhängige Meinungen zu den Firmen zugreifen können.»

Dieses Jahr war Bohli bereits in ­Kopenhagen, Frankfurt, Flims und New York an Konferenzen. Jetzt fliegt er mit seinem Mitarbeiter Torsten Sauter von Zürich nach Madrid, wo die Banco Santander Firmentreffen organisiert.

Chance für die Gategroup

Im Flieger der Swiss wird Buttergebäck serviert. Bohli lehnt dankend ab. «Das Zeug schmeckt mir nicht», sagt er. Die Verpflegung wird von der Schweizer Gategroup geliefert. Die Firma ist derzeit sein grösstes Investment. Er hält rund 7,5 Prozent der Aktien im Wert von rund 50 Millionen Franken und ist damit grösster Einzelaktionär. Wie die Firma derzeit ihr Geschäft führt, gefällt ihm aber nicht.

«Die Gategroup hat ihr Essensangebot auf günstig ausgerichtet, weil die Airlines das lange verlangten. Sie waren nicht profitabel und wollten vor allem Kosten sparen», sagt er. Das hat sich geändert: Die grössten Kunden der Gategroup machen heute hohe Gewinne. «American Airlines macht dieses Jahr einen Net Profit von sieben Milliarden Dollar, EasyJet von 600 Millionen Pfund, British Airways von ungefähr einer Milliarde Pfund», sagt Bohli und nennt weitere Gewinnzahlen von anderen Airlines.

Aktiver Investor

«Jetzt, da die Fluggesellschaften wieder profitabel sind, geht es darum, sich von der Konkurrenz zu differenzieren», erklärt Bohli. Zum Beispiel über die Auswahl und die Qualität des Essens. Das sei eine Chance für die Gate­group. «Die Leute wollen essen – aber ganz einfach nicht das, was im Flieger serviert wird», sagt er. Die Passagiere gäben ihr Geld lieber vorher in den Restaurants der Flughäfen aus.

Der Verwaltungsrat der Firma hört aber nicht auf Bohli. Deshalb will er an der Generalversammlung vom 16. April fünf neue Verwaltungsräte portieren. Es ist das erste Mal, dass er derart mit einem Verwaltungsrat aneinander­gerät. Aber er kann sich vorstellen, künftig öfter als aktiver Investor aufzutreten.

Abendessen mit Brokern

Am Abend ist Rudolf Bohli zum Essen mit drei Mit­arbeitern von JB Capital Markets ver­ab­redet, neben der Banco Santander sein zweiter Broker in Spanien. Es geht ins ­ Barrio de ­Salamanca, Madrids elegantes Viertel. Ziel ist das Restaurant Ten Con Ten, ein schickes Lokal, in dem man sich kaum den Weg durch die Men­schen­menge zum Tisch bahnen kann.

Beim Essen wird über die Auto­verkäufe in Spanien diskutiert, die im Dezember stark gestiegen sind. Und dar­über, dass es viele hoch verschuldete spanische Firmen gibt, die indirekt von der Liquiditätsspritze der Europäischen Zentralbank profitieren sollten. Die drei Broker preisen auch ihre besten Anlage­ideen an, etwa Ence, einen spanischen Papierhersteller. Die Erträge der Firma fielen vor allem in Dollars an, die Kosten aber in Euros, was die Gewinne steigere.

Lange vor Mitternacht sind Bohli und Sauter zurück im Hotel. Am nächsten Tag stehen für jeden neun separate Firmentreffen auf dem Programm. Diese finden in den Zimmern der untersten zwei Stockwerke des Fünfsternhotels Hesperia statt. Darin steht jeweils ein runder Tisch anstelle eines Betts.

Firmentreffen in Hotelzimmern

Erstes Zimmer: Gespräch mit der Firma CAF, einem spanischen Schienenfahrzeughersteller. Dessen Direktor für Qualität und Strategie wirkt, als ob er ­direkt von einem Begräbnis gekommen wäre. Er spricht von tieferen Wachstumsraten. Bohli will wissen, ob es bei den Kunden von CAF einen Investitionsstau gegeben habe, der sich jetzt auflösen und zu Mehrerträgen für CAF führen könnte.

Der Manager bezweifelt, dass die Investitionen in Spanien anziehen. Zudem gebe es in einigen Ländern Probleme mit dem Eintreiben der Rechnungen. In den USA etwa hätten sie ein Projekt, im Zuge dessen der Kunde 3000 Designänderungen verlangt habe. Bevor diese ausgeführt seien, gebe es keinen Cent, sagt der Manager mit etwas zittriger Stimme. Auch in Italien gebe es Probleme mit den Zahlungen. Ein Albtraum.

Trotz allem sagt Rudolf Bohli nach dem Gespräch, dass er die Aktien als Investment in Betracht ziehe. «Die Titel sind so stark gefallen, dass sie wieder einen Blick wert sind.» Aber seine Ressourcen zur genaueren Analyse seien limitiert, weshalb er sich auf andere ­Firmen konzentrieren werde.

Von Zimmer zu Zimmer

Neues Zimmer: Nächstes Treffen mit den Managern von Acerinox, einer spanischen Stahlfirma. Bohli fragt, ob sie die Preise erhöhen könnten, weil die Kapazitäten der Stahlproduktion in Europa gesunken seien. Der Chef der Investor Relations (IR) druckst etwas herum und sagt, es sei möglicherweise zu früh dafür. Seine Assistentin sitzt neben ihm und nickt.

Bohli stellt eine weitere Frage, er schaut auf sein iPad, wo er Notizen zu den jeweiligen Firmen gespeichert hat. Auch ein Blatt Papier hat er immer zur Hand. Dort sind die wichtigsten Bewertungskennzahlen der Unternehmen vermerkt, ebenso wie die Analystenschätzungen für den Betriebsgewinn, ein Kurs-Chart mit dem gleitenden Durchschnitt über 200 Tage, generelle Informationen über die Tätigkeiten der Firma und das Management, die grössten Aktionäre sowie die Ratings der Analysten mit ihren Kurszielen für die Aktie.

Nächstes Zimmer: Duro Felguera, ein Ausrüster für Minenfirmen. Das Geschäft mit Behältern für flüssiges Gas laufe derzeit sehr gut. Es sei eines der grossen Wachstumsfelder für die Firma, sagt der IR-Verantwortliche. In Europa werde wegen der geringeren russischen Versorgungssicherheit mehr gespeichert.

Ein Schnäppchen

Bohli fragt, warum der Profit gesunken sei, wenn alles so gut laufe. Der IR-Mann antwortet, sie hätten wegen Problemen mit einem Projekt in Australien 25 Millionen Euro zurückstellen müssen. Die einmaligen Kosten herausgerechnet, sollten sie dieses Jahr aber 90 Millionen Euro Gewinn machen.

Bohli schaut auf sein Blatt und sagt: «Die Analysten schätzen den Gewinn aber viel tiefer ein, etwa Javier von der Bank BBVA.» – «Ah, ich kenne Javier sehr gut. Seine Schätzungen sind sehr, sehr tief.» – «Hey, eure Aktie scheint ein Schnäppchen zu sein, wieso habt ihr sie so tief ­fallen lassen?», fragt Bohli und schmunzelt. Ein Grossaktionär in finanziellen Schwierigkeiten habe im Sommer sein Aktienpaket von 15 Prozent an der Firma schnell verkaufen müssen, was den ­Aktienkurs gedrückt habe, sagt der IR-Chef. Bohli fragt, ob er den Finanzchef der Firma sprechen könne. Sie ­machen ein Treffen am Hauptsitz in ­Asturien ab.

«Jetzt hat jeder verkauft, der verkaufen wollte»

Nach dem Gespräch sagt Bohli trocken: «Hier könnte ich zwei Prozent des Port­folios investieren.» Im Sommer musste die Firma ihre Investoren informieren, dass der Gewinn tiefer als erwartet ausfallen werde, was die Aktie unter Druck brachte. Dann habe noch ein Grossaktionär seine Aktien verkauft, was die Titel weiter abwärts schickte. «Jetzt hat jeder verkauft, der verkaufen wollte», sagt er fast euphorisch. Er will aber noch die Meinung des Brokers von JB Capital Markets abwarten und mit dem Chief Financial Officer der Firma sprechen, um den prognostizierten Gewinn von 90 Millionen Euro im laufenden Jahr zu verifizieren.

So geht es weiter, von Zimmer zu Zimmer. Zwei Tage lang. Die Welt ist danach weder schlechter noch besser, nur die Manager einiger spanischer Unternehmen sind etwas erholungsbedürftig. Bohli dagegen ist voller Energie. Im Flieger zurück, sagt er, dass er sich für die Aktien von grie­chischen Banken interessiere. Es habe dort eine Konsolidierung gegeben. «Die vier übrig gebliebenen Banken treffe ich bald an der Konferenz von Morgan Stanley in London.»

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