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Prognosen 
Gestern, heute, morgen in der Schweiz

Bern
Identität: Man ist Zürcher, Berner oder Tessiner - und andererseits Europäer. Die Schweiz dazwischen verliert an Bindungskraft. Quelle: Keystone

Zum 20-Jahr-Jubiläum der BILANZ 1997 riskierten wir einen Blick in die Zukunft. Wir vergleichen und wagen einen Ausblick für 2037.

Dirk Ruschmann
Von Dirk Ruschmann
26.02.2018

Prognose 1: Das Land

Die Prognose von 1997 für heute: Die Schweiz als Heimarbeiterlandschaft – alte Bauernhäuser zu Zehntausenden umgenutzt für heutige «Telearbeiter, Rentner, Sozialhilfebezüger und Stadtflüchtlinge», Sportstätten wie «Kraxelzentren oder Sommerpisten» haben sich vermehrt wie Hasenfamilien, der Zürcher Flughafen sich «stark vergrössert», Tourismusorte ihre Umgebung in «gepflegte Gartenlandschaft» verwandelt, und die einströmenden Asiaten pilgern nicht mehr zu «Urschweiz, Jodel und Trachten», sondern in Industriemuseen und «Denkmäler des Liberalismus»: Na ja – die Landschaftsprognose von 1997 für unsere heutige Schweiz war reichlich utopistisch.

Dass eine neue Lebenswelt die Schweiz zur Spielwiese umfunktioniert und dabei Bauern und Industrie hinter die Kulissen drängt, ist ausgeblieben und dürfte sogar für die kommenden 20 Jahre noch verfrüht sein. Und eine «Stadt Schweiz» entlang der Nord-Süd-Achse am Gotthard und am Zürcher Flughafen, flankiert von «Streubereichen» wie dem Aargau oder der Ostschweiz, hat sich ebenfalls nicht herausgebildet.

Tatsächlich sind Tendenzen zur Auflösung klassischer Wohnformen zu erkennen, aber ansonsten haben sich Wirtschaft und Gewerbe im Landschaftsbild eher noch tiefer eingebrannt. Und dass Asiaten die Schweiz nicht mehr als uriges Bergland, sondern als Standort moderner Museen bereisen, trifft, vielleicht mit Ausnahme des einen oder anderen Uhrenmuseums, auch nicht zu. 

Trefferquote: 10 Prozent

In 20 Jahren: Ein gut bewässerter Freizeitpark für uhrenkaufende Chinesen wird die Schweiz nie werden – zu viele erfinderische Gewerbler wollen weiter ihre Geschäfte betreiben. Aber tatsächlich werden Tradition und Landschaftsbild, «Verkaufsargument» Nummer eins der touristischen Schweiz, besser gepflegt sein und Bausünden wie in der Vergangenheit vermieden: Statt in die Breite wird in den Städten endlich in die Höhe gebaut.

Täler, die keine Arbeitsplätze mehr bieten, erhält endlich die Natur zurück, statt dass krampfhaft eine Besiedlung aufrechterhalten wird. Und so wird die Urbanisierung noch an Fahrt gewinnen. Menschen, auch Sozialhilfebezüger, wollen dort leben, wo das Leben spielt. Und immer mehr Rentner werden sich mit ihrer Schweizer Pension ins billigere Ausland (Thailand, Spanien, Griechenland) verabschieden. Die Nord-Süd-Achse, wünschenswert oder nicht, wird zur Hauptachse Europas – und eine Durchfahrt per Auto bald mehr als 20 Franken kosten.

Prognose 2: Die Menschen

Die Prognose von 1997 für heute: Schmelztiegel Schweiz – eine Ausländerquote prognostizierten wir zwar nicht, sehr wohl aber die Integration vieler Zuwanderer, darunter «Asylbewerber oder Illegale», oft in zweiter Generation. Da zugleich viele jung-dynamische Schweizer «wegen der geistigen und politischen Stagnation» im Land ins Ausland geflüchtet sein würden, werde sich die Bevölkerung zur Mélange entwickeln. Ein Drittel der Neugeborenen sei nicht mehr schwarz oder weiss, sondern gleiche optisch einer durchmischten Eine-Welt-Generation, «herabgestiegen von Benettons Plakatwänden».

Vielleicht, weil die Zuwanderer dank einem zwischenzeitlichen «Bildungs- und Entwicklungsruck» aus den «neuen Industrieländern des Südens» kommen, wo dann wohl die Sonne so schön scheint? Eher nicht, und Benetton wirkt längst nicht mehr stilbildend. Sehr nah an der Realität war aber die Prognose, wonach «einige Rechtsparteien Quoten propagieren für die Anstellung von Schweizern in Firmen und Verwaltung», zumal sich längst «ein Weltarbeitsmarkt auch im Innern der Firmen gebildet» habe, und die besten Kader kämen nicht immer aus der hiesigen Abteilung. Wer die Chefs der SMI-Konzerne nach Schweizer Pässen absucht, wird diese Theorie bestätigen können.

Trefferquote: 40 Prozent

In 20 Jahren: Zuwanderung in die Schweiz wird auch in 20 Jahren sowohl Gegenwart als auch historische Tatsache sein – zu attraktiv bleibt das Land mit seinen Firmen, Bildungseinrichtungen und dem hohen Freizeitwert. Zumal viele Schweizer (auch SVP-Wähler) erkennen werden, dass ein Grossteil des eigenen Wohlstands dem Bevölkerungswachstum zu verdanken ist. Was nicht heisst, dass Abgrenzungsversuche politischer Art abnehmen, im Gegenteil. Doch bis in 20 Jahren wird sich die EU reformiert haben, und weitere Staaten werden einen Assozierungsstatus besitzen. Die Schweiz 2037 ist Mitte einer neuen EU der vielen Geschwindigkeiten, auch wenn sie formal kaum Mitglied sein dürfte.

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Rasa
Begrenzung der Zuwanderung: Die Rasa-Initiative («Raus aus der Sackgasse») wurde mittlerweile zurückgezogen.
Quelle: Keystone

Prognose 3: Der Erwerb

Die Prognose von 1997 für heute: Erstaunlich viel Richtiges sagten wir vor 20 Jahren zum Arbeitsleben voraus. Dass die Akteure am Weltmarkt Konzerne sein würden, nicht mehr Länder. Dass solche Konzerne, sofern in der Schweiz ansässig, gar vermehrt «anspruchsvolle Entwicklungsaufgaben» hierzulande ausbauten, dass KMUs sich als innovative Nischenanbieter weltweit durchsetzen könnten, dass für Herrn und Frau Schweizer Flexibilität oberstes Gebot werde, dass die Sphären Selbständigkeit und angestelltes Arbeiten sich im Verlauf eines Arbeitslebens abwechseln, wenn nicht gar gleichzeitig und gemischt auftreten würden.

Letztlich auch, dass sich der Karrierelift beschleunigen werde: Es kann heute viel rasanter aufwärts, aber auch abwärts gehen, sogar mehrmals im Verlauf einer Arbeitsbiografie – lineare Aufstiege nach oben sind zur Seltenheit geworden. Dafür lagen wir weit daneben mit der Prognose, dass sich Schweizer KMUs auch als «kostengünstige Massenschlosser des weltweiten Outsourcings» verdingen könnten – zu teuer sind heute Schweizer Arbeitskräfte, zu hoch bewertet der Franken.

Und im Gegensatz zur Voraussage, dass der Finanzplatz Zürich weiterhin als uneingenommene Vermögensfestung Bestand haben würde, die Grossbanken zusätzlich angetrieben von immer neuen, innovativen Finanzboutiquen – womöglich inspiriert von den damals frischen Gründungen Partners Group und RMF von Rainer-Marc Frey –, ist der Finanzplatz heute fragiler denn je. Dazu passt allerdings unsere Prognose, dass unter den Angestellten jene am schlimmsten dran sein würden, die als «Kaderfamilien den Luxus für definitiv hielten» – aus den Grossbanken tönen die klappernden Zähne bis hinaus auf die Bahnhofstrasse.

Trefferquote: 70 Prozent 

In 20 Jahren: Banking wird vor allem noch Vermögensbetreuung und komplexes Kapitalgeschäft sein. Den Zahlungsverkehr übernehmen internetbasierte Anbieter, einfache Kredite gibt es über die Crowd im Netz. Zum Glück hat die Schweiz einen starken Werkplatz, der an Bedeutung noch gewinnen wird. Am Arbeitsmarkt werden Kreativität, Intelligenz und Beweglichkeit wichtiger als die Art der Ausbildung; diese ist sowieso nach fünf Jahren überholt.

Zugleich feiert das Handwerk eine neue Blütezeit: Häuser müssen weiterhin gebaut (auch wenn Teile aus dem 3-D-Drucker kommen), Schweine geschlachtet und Kleidung genäht werden. Neue Organisationsformen in Firmen werden viel flacher sein – Spezialisten mit Fachwissen werden die Führungsfiguren und Besserverdiener sein, nicht mehr der Abteilungsleiter oder Manager.

Prognose 4: Die Regierung

Die Prognose von 1997 für heute: Schwarzseherei, das konnte BILANZ 1997. Wir fürchteten «ausufernde Defizite der Finanzen und der Sozialversicherungen» herbei, dass es daraufhin «Mehrwertsteuerprozente hageln würde wie früher in Frankreich», Steuerzuschläge nach dem Vorbild des deutschen «Solidaritätszuschlags», der die neuen Bundesländer nach dem Mauerfall aufpäppeln sollte. Doch Bürger und Firmen würden «in den Untergrund und Ungehorsam» flüchten, Politik und Behörden machtlos gegenüber den technisch bewanderten Wirtschaftssubjekten, Geld würde im Internet «geschaffen», Gesetze nicht mehr befolgt, alles nur noch «fröhliche Anarchie» – doch nichts dergleichen findet heute statt.

Der Bund erwirtschaftet Überschüsse, Steuern fliessen reichlich, obwohl die Steuerehrlichkeit wohl eher zu- als abgenommen hat. Ja, heute ist tatsächlich alles etwas komplizierter, sogar in der beschaulichen Schweiz. Aber noch regiert Bundesbern das Land, und nicht wenige behaupten, Gesetze würden sogar durchgesetzt. In vielen Fällen derart pedantisch, dass es ans Bünzlitum grenze. 

Trefferquote: 5 Prozent

In 20 Jahren: Die Realität wird sich von der linksliberalen Utopie unserer alten Prognose noch weiter entfernen. Sicherheit ist oberstes Bedürfnis und oberstes Gebot, frei sind wir ja schon; auf Schweizer Strassen wird es ein wenig wie im Film «Judge Dredd» zugehen. Die Schweizer Staatskassen werden voll sein wie Dagoberts Geldspeicher, der Bund endlich einen richtigen Bundespräsidenten haben, der im Ausland repräsentiert.

Dass die Sozialversicherungen immer teurer werden, gehört weiterhin zur Folklore, aber das ist ja überall auf der Welt so. Die SRG wird auf einige Nachrichtensendungen zusammengeschrumpft sein, eine Swissmetro wird es nur in Ansätzen geben, weil autonom fahrende Lastwagen nachts die Güter bewegen. Persönliche Daten werden zentral über einen Internetdienst verwaltet, der Kreditkarte, Krankenakte, Girokonto, Pensionskasse, Führerschein und Profil in sozialen Netzwerken integriert – und damit Chinas heutiges WeChat weit in den Schatten stellt. Bequemlichkeit schlägt Privatsphäre und Datenschutz, und zwar nachhaltig.

Prognose 5: Die Gebräuche

Die Prognose von 1997 für heute: Der Vorstellung folgend, 2017 werde die Schweiz unter Schuldenbergen ersticken und könne kaum noch soziale Dienste aufrechterhalten, sagten wir eine «Lernkurve» punkto Selbsthilfe voraus: «Pflegedienste, Mittagstische, Wachrunden», das alles würden die Bürger selbst machen; da fehlte nur noch der Medizinmann im Kreisbüro.

Richtig lagen wir jedoch bei der Geburtenrate, die heute tatsächlich höher ist als Ende des Jahrtausends, wenn auch minimal. Dass dies dem «Familiensinn» von Immigranten zuzuschreiben sei, die ein stärkerer Kinderwunsch bewege als die «etwas dekadenten Ureinwohner», mag zutreffen. Und dass die Schweiz heute «mehr denn je eine Summe von Teilen» ist und «nicht ein Wunderwesen darüber hinaus», war vielleicht eine banale Prophezeiung – doch eine gewisse Entzauberung lässt sich nicht wegdiskutieren.

Trefferquote: 40 Prozent

In 20 Jahren: Kinder zu kriegen, wird immer mehr als Bremser für die Verwirklichung der eigenen Ideen wahrgenommen und damit immer seltener, zumal uns allen bewusster wird, dass die Bevölkerung anderswo auf dem Globus weiterhin wächst und wächst. Die Welt rückt immer weiter zusammen, zugleich stiftet das nahe Umfeld die Identität: Man ist Zürcher, Berner, Andermatter, Tessiner – und andererseits, trotz allem, Europäer.

Die Schweiz dazwischen verliert an Bindungskraft. Dass der FC Basel 2026 die Champions League gegen Manchester United gewinnt und zuvor Ajax Amsterdam und dann sogar Bayern München ausschaltet, versöhnt viele Schweizer dann ein wenig mit der EU.