Eine Kreuzfahrt an den Nordpol? Ein verlängertes Wochenende in Swinging London? Eine Shoppingtour im Modemekka Mailand? Oder doch lieber eine – nicht ganz unbestrittene – Botox-Kur? Null Problem. Was vor Jahren noch Privileg der Reichen war, ist heute Realität für eine wachsende Anzahl von Bürgern. Es gilt nicht mehr als anstössig, sich eine längere Auszeit in einem buddhistischen Kloster zu gönnen oder ein schickes BMW-Cabrio zu ordern. Angemessene Kaufkraft vorausgesetzt, stehen den Konsumenten heute alle Optionen offen, welche die moderne Version des Schlaraffenlands zu bieten hat.

Und diese Möglichkeiten sind gigantisch. Die globale Freizeitindustrie hat Ausmasse erreicht, die alles Bisherige sprengen. Und sie wächst ungebrochen weiter. Allein die weltweiten Ausgaben für Reisen und Tourismus dürften sich in diesem Jahr auf 7000 Milliarden (!) US-Dollar belaufen und in den kommenden zehn Jahren beinahe nochmals verdoppeln.

Den reifen Märkten im Westen stehen die schnell wachsenden in den Schwellenländern gegenüber. Die neue chinesische Mittelschicht will in den nächsten Jahren endlich an den Segnungen der Freizeitgesellschaft teilhaben. Den Spitzenplatz unter den Tourismusnationen belegen nach wie vor die USA vor Japan und China, das sich gemäss einer vom World Travel & Tourism Council in Auftrag gegebenen Studie anschickt, schon bald auf den zweiten Platz vorzurücken.

Der jahrelang kriselnde Luftverkehr wird wieder von einer beispiellosen Erfolgswelle getragen. Der Umsatz der Liniengesellschaften betrug vor fünf Jahren 306 Milliarden Dollar, letztes Jahr waren es 446 Milliarden. In den kommenden Jahren dürfte die Branche laut Prognosen der IATA mit Zuwachsraten von fünf bis sechs Prozent brillieren. Weltweit werden in diesem Jahr 4,6 Milliarden Passagiere befördert. Gemäss einer neuen Studie der Credit Suisse werden von dieser Entwicklung auch die Flughäfen profitieren – nicht nur dank steigenden Gebühren, sondern auch durch die Erträge der zunehmend attraktiven Shopping-Meilen in den Abflughallen. Entsprechend heisst die Studie «Shoppingparadiese mit Flugzeugen».

Enorme Volumina haben auch andere Bereiche des Freizeitsegments erreicht. Die globale Wellnessbranche bilanziert Umsätze von 400 Milliarden Dollar. Die Luxusgüterindustrie, deren Umsätze zu 40 Prozent von den Touristen getragen werden, setzt pro Jahr Uhren, Schmuck und andere Preziosen für geschätzte 210 Milliarden Dollar ab. Riesig ist auch der Fernsehmarkt: Pro Jahr werden rund 110 Millionen TV-Apparate verkauft. Fernsehen, das zeigen Untersuchungen, bleibt die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Menschen. Während 2005 in dieser Sparte weltweit 155 Milliarden Dollar umgesetzt wurden, dürften es 2010 schon 230 Milliarden sein. Videospiele sind ebenfalls gewaltig gefragt: Für rund 40 Milliarden Dollar werden Spiele gekauft. Von Tausch und anderen Aktivitäten sei hier gar nicht die Rede.

Chancen eröffnen sich auch für die Schönheitsindustrie, die mit traumhaften Wachstumszahlen aufzuwarten vermag. Allein mit Kosmetika werden pro Jahr 115 Milliarden Franken verdient. L’Oréal, Estée Lauder oder Bulgari, die nicht nur ein gutes Aussehen, sondern auch ein gutes Lebensgefühl vermitteln, sehen ihre Umsätze Jahr für Jahr um gute fünf Prozent steigen. Nicht so transparent präsentiert sich der Markt für Schönheitsmedizin. In den USA wird sein Volumen gemäss einer Studie der Bank Julius Bär auf rund zwölf Milliarden Dollar geschätzt. In der Schweiz selbst dürfte sich der Umsatz mit rund 40 000 Eingriffen auf rund 600 bis 700 Millionen summieren. Die chirurgischen Interventionen (Brustvergrösserungen) nehmen laut Bank Bär um rund zehn, die nichtchirurgischen (Botox) um rund 30 Prozent zu – weltweit.

Getrieben wird der Freizeitmarkt durch soziale und technologische Trends, die sich erst jetzt oder in nächster Zeit richtig durchzusetzen beginnen. «Das sind ganz klar längerfristig wirkende Trends», sagt Uwe Neumann, Senior Equity Analyst der Credit Suisse. Die Generation der Babyboomer, der von 1946 (Kriegsende) bis 1964 (Pillenknick) Geborenen, kommt jetzt Schub um Schub ins Pensionsalter. Sie allein verfügt über 50 Prozent der globalen Kaufkraft – oder zwei Billionen Dollar. Von dieser ausgabenfreudigen Gruppe wird die gesamte Freizeitindustrie Nutzen ziehen. «Die fitten Senioren knausern nicht mit ihrem Geld», sagt Neumann. Sie wollen ihren Lebensabend kreativ und mit einem gewissen Luxus verbringen. Ihre Kaufkraft macht sie zu Trendsettern, sie sind qualitäts- und markenbewusst. Von ihnen wird vor allem die Tourismus- und Wellnessbranche profitieren, aber auch die Gesundheits- und Luxusindustrie dürfte starke Impulse erhalten.

Dafür hat ein grosser Teil der aktiven Generation, diejenige der «Busy Bosses», immer weniger Freizeit. Untersuchungen haben ergeben, dass die Arbeitszeit der hoch qualifizierten Arbeitnehmer zwischen 20 und 59 Jahren im Westen seit den achtziger Jahren um eine Stunde auf 43,9 Stunden gestiegen ist. Demgegenüber ist die Arbeitszeit der weniger Qualifizierten weiterhin gesunken.

«Keine Zeit zum Geldausgeben?», fragt deshalb die Credit Suisse in der Broschüre «Global Investor Focus Freizeit», die in diesem Frühjahr erschienen ist. Doch Untersuchungen haben ergeben, dass die knapp werdende Freizeit gerade für die Busy Bosses einen besonderen Stellenwert erhält. «Die individuelle Pflege des Aussehens, der Gesundheit und des Geistes wird für viele Menschen immer wichtiger», schreiben die Autoren der CS-Studie. Sie wünschten sich vermehrt hochwertige Angebote, die nicht nur Qualitätsvorzüge ausweisen, sondern bezüglich Lebensstil und Service auf den individuelle Bedarf eingehen. Diese Konsumenten geben dann für ein Arrangement schnell einmal 30 000 bis 50 000 Dollar aus», sagt Uwe Neumann. Von ihnen werden vor allem die Hersteller alter und neuer Luxusgüter wie Starbucks oder Lindt & Sprüngli profitieren, aber auch die Fitness-, die Sportausrüster- und die Reisebranche dürften Auftrieb erhalten.

Dass sich die zunehmende Segmentierung der Gesellschaft auf die Freizeitbedürfnisse auswirkt, ist nur zu offensichtlich. In den modernen Städten werden bald 50 Prozent der Haushalte von Singles geführt. Ihre Präferenzen erstrecken sich auf eine möglichst effiziente Kommunikation via Telefon und Internet, sie bevorzugen interaktive Spiele und Treffpunkte, die ihrem Wunsch nach sozialen Kontakten nachkommen. Aber auch Familien mit Kindern sind wichtige Treiber für das TV und seine Vernetzung mit Internet und Telefon (Triple Play) wie auch für die Videospielbranche. Beim Reisen bevorzugen die Singles eine Kombination von Geselligkeit und Abenteuer, aber auch Party-Kreuzfahrten sind hoch im Kurs.

Andere Trends lassen sich nicht so einfach einer sozialen Gruppe wie den Senioren, den Busy Bosses oder den Singles zuordnen. Gesunde Ernährung wird zunehmend quer durch alle Schichten nachgefragt. «Mit einem globalen Jahresumsatz von 85 Milliarden Dollar im Jahr 2005 sind funktionelle Lebensmittel ein mittelgrosser, aber mit jährlich zehn Prozent schnell wachsender Markt», vermerkt die Bank Bär in ihrer Wellnessstudie. Daraus werden Anbieter wie Danone (Actimel), Kellogg’s (Spezial K) oder Nestlé (Evian) enorme Vorteile ziehen.

Andere Trends sind zumeist technologiegetrieben. Die Lancierung von immer elaborierteren Technologien in der Freizeitindustrie hat mittlerweile eine neue Dimension erreicht. Breitbandtechnologie und Wireless LAN beginnen sich flächendeckend durchzusetzen. Bei den Videospielen etwa kann der Teilnehmer mit dem Partner sprechen, oder er kann via Internet neue Gadgets ins Spiel integrieren – und mittels Mikrotransaktion bezahlen. Fernsehen übers Mobiltelefon, Pay TV via Internet (IPTV), Video on Demand oder die mobilen Unterhaltungssysteme wie der iPod von Apple, die ohne Laptop und Internet nicht denkbar wären, zeugen von einer starken Technologisierung der Freizeit.

In die Freizeitindiustrie investieren? Selbstverständlich, sofern sich der Anleger dessen bewusst ist, dass langfristige Trends kurzfristig auch einbrechen können. BILANZ hat mit Unterstützung der Credit Suisse aus sieben Freizeitbereichen 20 Aktien ausgewählt, die in den nächsten Jahren eine gute Performance zeigen dürften (siehe «In Freizeitaktien investieren» links). Eine Garantie dafür gibt es natürlich nicht. «Es kann durchaus sein», sagt Uwe Neumann, «dass einzelne Titel sich nicht so entwickeln wie gewünscht.»

Das ausgewählte Aktienuniversum umfasst sowohl gross kapitalisierte Titel wie Lufthansa, Danone oder Nike als auch Midcaps wie Meinl European Land, Calida oder Nintendo. Ausschlaggebend für die Wahl war auch nicht die Performance in der Vergangenheit, sondern das ausserordentliche Potenzial, das in den einzelnen Titeln steckt. Meinl European Land beispielsweise profitiert von der wachsenden Nachfrage nach Shoppingcentern in den osteuropäsichen Schwellenländern. Oder die baltische Tallink: Die hierzulande unbekannte Fährschiffbetreiberin expandiert gegenwärtig mit acht Passagierschiffen in den Freizeitbereich. «Diese Empfehlung ist nicht risikolos», schreibt die CS in ihrer Freizeitstudie, «der Titel bietet aber gutes Aufwärtspotenzial.»

Im Aufwind sind auch die neuen Luxusgüter. Sie sind weniger teuer als die traditionellen Edelprodukte, unterscheiden sich aber von den Billigprodukten durch Qualitäts-, Lebensstil- und Servicevorzüge. Starbucks bietet vorzüglichen Kaffee in einer trendigen Atmosphäre zu einem höheren Preis. Die beispiellose Expansion der Kette rund um den Globus bestätigt den durchschlagenden Erfolg dieses Geschäftsmodells. Aus Schweizer Sicht gehört auch Lindt & Sprüngli zu den neuen Luxusgütern. «Man geniesst eine hervorragende Schokolade und ist dafür bereit, etwas mehr zu bezahlen», sagt Giorgio Cortiana, Global Head Corporate Research von UBS Wealth Management. Für Cortiana sind aber auch die alten Luxusgüter eine Investition wert. «Die Branche profitiert vom zyklischen Aufwind in vielen Regionen und der zunehmenden Zahl vermögender Personen», sagt Cortiana. Ebenfalls gut positioniert, um vom langfristigen Wachstum in den Emerging Markets zu profitieren, sei Richemont.

Wem Einzeltitel zu riskant sind, für den besteht die Möglichkeit, sein Geld in einen Leisure-Fonds zu legen. Letztes Jahr haben die fünf besten eine gute Performance gezeigt (siehe «Die fünf besten Leisure-Fonds» links). Das Problem ist nur, dass die wenigsten ein wirklich breites Freizeitspektrum abdecken. So der ABN-Amro-Fonds, der in Luxus- und dauerhafte Güter investiert, aber alle anderen Bereiche aussen vor lässt. Am ehesten dürfte noch der Julius Bär Wellness Basket einem breit gefächerten Spektrum entsprechen. Der Basket vereinigt siebzehn Aktien, die von Allergan über Kuoni, Nobel Biocare und Yakult Titel umfasst, die bis 2009 mehrheitlich zweistellig wachsen dürften.

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