Von Wachstumsraten, wie sie Polen ausweist, können westeuropäische Länder nur träumen: 2006 legte das polnische Bruttoinlandprodukt (BIP) real um 6,1 Prozent zu, 2007 bereits um 6,6 Prozent. Und selbst im laufenden Jahr, für das auch in Polen eine Abschwächung erwartet wird, soll die Wirtschaft laut dem Internationalen Währungsfonds immer noch um 5,3 Prozent wachsen.

Getragen wird das polnische Wachstum vor allem durch Direktinvestitionen aus dem Ausland. Sie und die hohen Subventionen der Europäischen Union vermögen auch das kleine, aber notorische polnische Aussenhandelsdefizit zu stopfen. Ein weiterer wichtiger Wachstumstreiber ist der Binnenkonsum. Stimuliert wird dieser durch ein gewaltiges Lohnwachstum, die sich stetig bessernde Beschäftigungslage, Geldüberweisungen der vielen ins Ausland – vor allem nach Grossbritannien – ausgewanderten Landsleute und den Vermögenszuwachs, den die steigenden Aktien- und Immobilienpreise den Polen beschert haben.

Da die meisten polnischen Unternehmen im Binnenmarkt tätig sind, hat dieses sonnige makroökonomische Umfeld in den letzten Jahren auch auf dem Aktienmarkt seine Spuren hinterlassen. Über die letzten fünf Jahre hat der WIG 20, der Index der grössten polnischen Unternehmen, um durchschnittlich 22 Prozent pro Jahr zugelegt. Das Bild wäre noch schöner, hätte der Index in den letzten Monaten nicht eine drastische Korrektur nach unten erfahren, allein seit Anfang 2008 von mehr als zehn Prozent.

Dies zeigt auf, dass sich der polnische Aktienmarkt schlecht zur Absicherung gegen weltweit fallende Kurse eignet. Im Gegenteil: Dieser Markt ist ausgesprochen zyklisch. Die meisten Unternehmen im WIG 20 sind entweder im Bankenbereich oder im Rohstoffsektor angesiedelt. Besondere Bedeutung haben dabei Gas, Öl und Kupfer. Mit einer abkühlenden Weltwirtschaft würde die Nachfrage nach diesen Gütern zurückgehen und damit auch deren Preise. Günter Faschang, Portfoliomanager bei Vontobel in Österreich, hält die Rohstoffpreise ohnehin für fundamental überbewertet und gibt sich nur schon deshalb gegenüber dem polnischen Markt zurückhaltend. Aber auch Bankaktien hält er nicht für empfehlenswert: «Das hohe Kreditwachstum hat die Risikovorsorge immer mehr in den Hintergrund treten lassen. Das wird sich bei der Abkühlung der Wirtschaft rächen», warnt er. Auch aus diesem Grund hält er die Banken trotz den Korrekturen der letzten Wochen noch immer für überbewertet. Faschang investiert deshalb nur in einen polnischen Titel: das Telekomunternehmen TPSA – dies vor allem wegen dessen beeindruckender Dividendenrendite von zwischen sechs und neun Prozent.

Optimistischer eingestellt gegenüber dem gesamten polnischen Markt ist Doris Stadler, Fondsmanagerin der österreichischen Ersten Sparinvest. Das Kreditwachstum der Banken sei durch das hohe Wirtschaftswachstum nachhaltig, die ausgeprägten Lohnzuwächse stellten ausserdem sicher, dass die Gelder wieder zurückbezahlt werden könnten. Schliesslich verdienten die Banken mit den Krediten ansehnliche Margen. Auch für den Rohstoffbereich, das zweite Standbein der polnischen Börse, bleibt Doris Stadler optimistisch: «Bisher sind die Preise trotz vielen anderslautenden Prognosen weitergestiegen», meint sie. In diesem Bereich sticht das Kupferunternehmen KGHM hervor, das mit einem erwarteten KGV von 5,8 für 2008 günstiger bewertet ist als seine Konkurrenten. Im Bankenbereich könnte die einstige Staatsbank PKO abheben. Hier schlummert noch unausgeschöpftes Restrukturierungspotenzial.

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