Beim Blick auf die Wirtschaft Kroatiens drängt sich der bekannte Vergleich mit dem halb vollen Glas auf, das man, als Pessimist, auch als halb leer bezeichnen könnte. Entweder man lässt sich als Investor von Kroatiens Schwächen und Risiken abschrecken, oder man entdeckt gerade darin ein gewaltiges Verbesserungs- und damit einhergehendes Wachstumspotenzial.

Ausgeprägte Schwächen wie auch Stärken zeigen sich schon bei einer makroökonomischen Kurzanalyse. Anders als etwa in der Schweiz, wo die Börse das Gedeihen weltweit tätiger Unternehmen widerspiegelt, lohnt sich für Investoren im Falle Kroatiens ein Blick auf das heimische Umfeld. Auch kotierte Unternehmen hängen von den lokalen Märkten ab. Weltkonzerne sind daher unter den 32 Titeln im Crobex – dem seit 1997 bestehenden kroatischen Börsenindex – keine zu finden.

Zu den Schwächen zählen laut einer Untersuchung des IWF ein aufgeblasener staatlicher Bürokratieapparat, ein relativ unfreundliches Business-Umfeld mit einem überproportional hohen Staatsanteil an der Wirtschaft und einem entsprechend schwach ausgeprägten Wettbewerb. Hinzu kommen schlecht durchsetzbare Eigentumsrechte, eine Arbeitslosenquote von etwa zwölf Prozent und eine vergleichsweise hohe Korruption.

Auf der positiven Seite stehen ein Wirtschaftswachstum von geschätzten 5,6 Prozent im vergangenen Jahr und ein solches von jährlich durchschnittlich 4,8 Prozent von 2002 bis 2006. Schliesslich ist die Inflation mit 2,5 Prozent vergleichsweise gering. Die grösste Chance für die kroatische Wirtschaft liegt in der angestrebten Aufnahme in die Europäische Union. Einerseits treibt dies die Regierung an, die genannten Mängel zu bekämpfen, andererseits ist der langfristigen Angleichung an europäische Durchschnittseinkommen das Potenzial für weiteres gewaltiges Wachstum eingeschrieben. Zurzeit beträgt das Einkommen der Kroaten bloss 48 Prozent des Durchschnittseinkommens in Europa.

Die Wachstumschancen haben den kroatischen Aktienmarkt bisher deutlich in die Höhe getrieben. Seit einem Jahr hat dieser um 13 Prozent zugelegt, seit zwei Jahren sogar um mehr als 100 Prozent. Während er lange Zeit als unterbewertet galt, ist dies heute nicht mehr der Fall. Trotz einem KGV von geschätzten 23 für 2008 ist der Markt laut Thomas Bobek, Chef-Fondsmanager bei der österreichischen Erste-Sparinvest, fair bewertet. «Das hohe KGV spiegelt entsprechende Wachstumserwartungen», meint Bobek. Seine Erste-Sparinvest ist auf osteuropäische Märkte spezialisiert.

Die Transparenz der Titel ist allerdings meistens gering, ebenso deren Liquidität. «Der kroatische Aktienmarkt gehört zu den risikoreicheren Osteuropas», sagt Bernd Maurer von der ebenfalls auf Osteuropa spezialisierten Raiffeisen Centrobank. Engagements tätigt man daher am besten über Fonds, wobei keiner allein für Kroatien existiert (siehe Kasten). Wer direkte Investition sucht, sollte dafür am ehesten Unternehmen aus den stärksten Branchen des Landes auswählen. Dazu zählen etwa die Zagrebacka Bank, die INA aus der Öl- und Gasbranche, das Tabakunternehmen Adris, der Zuckerproduzent Viro, die T-Hrvatski Telekom, der Lebensmittelhändler Podravka oder die Ericsson-Tochter Ericsson Nikola Tesla.

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