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Digitale Finanzwelt: Darum wird der Mensch nicht obsolet

Digitale Finanzwelt: Warum der Mensch nicht obsolet wird
Roboter: Hedgefonds-Bosse setzen auf Intuition. Unsplash/Alex Knight

Neue Technologien erobern die Finanzwelt. Dass der Mensch dennoch die Oberhand behalten wird, davon sind vier Hedgefonds-Bosse überzeugt. Denn Investment-Profis hätten einen entscheidenden Vorteil.

Menschen werden in diesem Leben nicht obsolet werden. So zumindest lautet das Credo von vier Vermögensverwaltern, während neue Technologien die Finanzwelt erobern und die Beschäftigten in der Branche zu verdrängen drohen.

Der 30,6 Milliarden Dollar schwere Hedgefonds Winton, der seit zwei Jahrzehnten mithilfe von Algorithmen handelt, erklärte jüngst seinen Kunden, dass Menschen noch immer die grossen Entscheidungen fällen müssen. Nach Aussage von Michael Hintze, der einen anderen gewichtigen Fonds leitet, können Computer zwar Marktanomalien erkennen, aber nur selten Erklärungen dafür finden. Jordi Visser, der Investmentchef bei dem dritten Unternehmen, sagte, Menschen hätten noch immer die Oberhand, was das Erkennen von Mustern angeht. Und der Milliardär und Anleihemanager Jeffrey Gundlach geht nach eigener Aussage davon aus, dass sich der Mensch durchsetzen wird.

«Trotz der immensen Leistung moderner Datenverarbeitung ist es weder ratsam noch möglich, komplett auf Menschen zu verzichten», hiess es in diesem Monat einem Brief der von David Harding gegründeten Hedgefondsgesellschaft Winton.

Besorgnis wegen Automatisierungswelle nimmt zu

Scharen von Finanzfachleuten fragen sich, wie viele Jahre sie noch Arbeit haben werden, da Banken und Vermögensverwalter mit Technologien experimentieren, um eines Tages alles vom Emissionsgeschäft bis hin zum Portfoliomanagement zu automatisieren. Ihre Besorgnis nimmt zu angesichts der immer lauter werdenden Warnungen von Persönlichkeiten wie der US-Notenbankchefin Janet Yellen und dem Software-Milliardär Bill Gates, dass Big Data und maschinelles Lernen eine Automatisierungswelle in den USA entfesseln könnten.

Vergangene Woche schaltete sich DoubleLine-Capital-CEO Gundlach in die Debatte ein und sagte, er glaube nicht, dass Maschinen die Finanzwelt erobern werden. Sein Ratschlag, wie sie zu schlagen sind, ist einfach: «Harte Arbeit.»

Winton, dessen Flaggschifffonds in diesem Jahr bis Mai 1,3 Prozent Ertrag einbrachte, sieht bei Hedgefonds zwar Spielraum für Automatisierung - beispielsweise bei der Durchführung von umfassenden und immer wiederkehrenden Rechenvorgängen, um das Risiko in den Portolios abzuschätzen. Doch von unabhängigen Entscheidungen seien die Computer noch weit entfernt. Besser seien die Rechner zwar bei der ersten Prüfung der Daten, doch sobald Abweichungen erkannt wurden, wären Menschen geeigneter, um Vergleiche und Schlussfolgerungen zu ziehen, erklärte die Firma aus London.

Cohens Experiment

Zuletzt gab es einige Meldungen, die Finanzfachleute beunruhigen dürften. Der Milliardär und Investor Steven Cohen experimentiert mit Möglichkeiten, die Entscheidungen seiner besten Vermögensverwalter zu automatisieren. Goldman Sachs entwickelt Systeme, um hunderte Stunden menschlicher Arbeit bei Börsengängen einzusparen. Und der Finanzdienstleister JPMorgan nutzt maschinelle Lernverfahren, um den Anwälten Arbeit abzunehmen. (CEO Jamie Dimon, sagte in einem Interview am Montag, dass die Menschen auf die Bedrohung durch Technologie massiv überreagieren.)

Doch Investmentprofis sorgen sich nicht nur, dass die Unternehmen künftig weniger Personal brauchen, um die Aufgaben zu erfüllen - es geht um den Wettstreit mit kostengünstigen Rivalen. Hedgefondsmanager stellen ihren Kunden zum Beispiel zwei Prozent des angelegten Kapitals sowie 20 Prozent der Gewinne in Rechnung. Das lässt sich schwieriger begründen, wenn automatisierte Plattformen ansehnliche Ergebnisse erzielen können, ohne sich so viel vom Kuchen abzuschneiden. Das kennt man von Indexfonds.

Computer haben keine Emotionen

Nach Aussage von Visser von Weiss Multi-Strategy Advisers, einem 1,7 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds in New York, haben menschliche Investoren allerdings noch immer einen grossen Vorteil, wenn es um das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen geht: Intuition.

«Die gute Sache an Computern ist, dass sie keine Emotionen haben», erklärt Visser in einem Telefoninterview mit Bloomberg. «Die schlechte Sache an Computern ist, dass sie keine Emotionen haben. Computer können die Stimmung der Menschen nicht erkennen. Sie können die üblichen Verdächtigen nicht identifizieren, die normalerweise an überfüllten Konferenzen teilnehmen, wenn die Märkte haussieren.»

Der Trick dabei ist Visser zufolge, menschliche Bewertung und Modelle miteinander zu verknüpfen, «während die künstliche Intelligenz zur Leistungskraft eines Gehirns aufholt». Sein Hedgefonds kam dieses Jahr bis Mai auf ein Plus von 1,3 Prozent.

Technologie mit menschlicher Erkenntnis verbinden

Ähnlich sieht das auch Hintze von CQS, einem 14 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds in London. Er räumt zwar ein, dass Quant-Strategien fortbestehen werden und dass sie sich gut dazu eignen, Anomalien an den Märkten auszunutzen. Informatik und Mathematik seien faszinierend, doch erfolgreiche Investments fussen seiner Meinung nach auf dem Verständnis von Fundamentaldaten, Markttechnik und Investorenstimmung.

Besser sei also, Technologie mit menschlicher Erkenntnis und Vorstellungskraft zu verbinden, um Gewinne über der Benchmark zu erzielen, so Hintze. Sein Hedgefonds kommt in diesem Jahr bis Mai auf einen Ertrag von 3,2 Prozent.

«Modelle sind ein grossartiger Ausgangspunkt, aber nicht notwendigerweise ein guter Schlusspunkt», sagt er. «Es ist Teamarbeit, und man braucht Analysten, Händler und Portfoliomanager mit Fachkenntnissen, Erfahrung und Beurteilungsvermögen, um komplexe Modelle zu benutzen und zu verstehen.»

(bloomberg/ccr)

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