Noch nie war es für Privatanleger so einfach, einen direkten Zugang zur weiten Welt der Finanzmärkte zu bekommen. Strategien, die früher den Profis vorbehalten waren, kann heute jedermann ausführen – und dies bereits mit kleinen Summen. Der grosse Vorteil der Zertifikate: Sie ermöglichen eine breite Diversifikation des Portfolios, sei es an den Aktienmärkten, mit Immobilien oder Rohstoffen. Überdies sind sie transparent, ihre Kurse bewegen sich stets eins zu eins mit dem Basiswert.

Ein Beispiel soll illustrieren, welche neuen Möglichkeiten die Zertifikate eröffnen: Studien haben gezeigt, dass Gewinneraktien, die den Markt in den letzten neun Monaten übertroffen haben, auch im nächsten Quartal besser laufen. Daraus ist die sogenannte Momentum-Strategie entstanden, bei der man auf Aktien setzt, die sich in einem Aufwärtstrend befinden.

Vor allem Hedge Funds wenden die Strategie mit Erfolg an. Für Private dagegen wäre es zu aufwendig, die Aktien mit einem hohen Momentum herauszufiltern. Und weil sich die Zusammensetzung eines solchen Portfolios alle drei Monate wieder ändert, würden die vielen Transaktionen hohe Kosten verursachen.

Zertifikate jedoch machen solche Strategien auch Privatanlegern zugänglich. So hat die Banque Cantonale Vaudoise (BCV) den Swiss Momentum Basket lanciert. Seit Mai 2005 beträgt der erzielte Gewinn eindrückliche 106 Prozent, rund doppelt so viel wie der Swiss Performance Index (siehe «Lukrative Anlage»).

Verschiedene weitere Strategien haben sich über die letzten Jahre als sehr erfolgreich erwiesen: Dividendenstarke Aktien etwa haben den Gesamtmarkt regelmässig geschlagen. Der Ende 2004 lancierte Swiss Dividend Basket der Valartis Bank hat seinen Wert um 132 Prozent gesteigert, während der SPI um 71 Prozent zulegte. Ein neues Zertifikat mit Schweizer Dividendenperlen hat kürzlich auch die Bank Sarasin lanciert (siehe «Aushängeschilder» auf Seite 151). Solche Dividenden-Baskets gibt es mittlerweile für die meisten Weltgegenden, von ABN Amro zum Beispiel für asiatische Titel.

Grosser Beliebtheit erfreut sich auch die Value-Strategie: Der Substanz-Basket der ZKB ist seit Sommer 2005 um über 99 Prozent gestiegen und hat die Schweizer Börse um mehr als das Doppelte überflügelt. Eine ähnliche Erfolgsstory hat die Bank Vontobel mit ihrem Zertifikat auf Schweizer Familienunternehmen vorzuweisen. Es enthält Aktien wie Arbonia-Forster, Barry Callebaut oder Ems-Chemie und erzielte in den letzten zwei Jahren eine Performance von rund 70 Prozent.

Ein Grossteil der Zertifikate indes hat gar nicht zum Ziel, den Markt zu schlagen. Sie bilden im Gegenteil einen Marktindex exakt nach. Zwar vergibt man sich so die Chance auf eine Überrendite. Doch viele Anleger sind mit dem Durchschnitt zufrieden: Sie haben dafür die Gewissheit, nicht schlechter als der Markt abzuschneiden – derweil viele aktiv gemanagte Fonds hinter dem Index zurückliegen.

Indexzertifikate gibt es für beinahe alle erdenklichen Länder, Regionen oder auch Branchen. Um die Suche zu vereinfachen, hat ABN Amro eine Website mit einer Weltkarte eingerichtet (siehe Link am Ende des Artikels). Durch Anklicken eines bestimmten Landes erscheinen die entsprechenden Derivate. Selbst auf die Börse von Pakistan wurde kürzlich ein Zertifikat emittiert.

Ein solches Produkt eignet sich indes nur für Nervenstarke. Wobei der pakistanische Aktienmarkt mit einer Dividendenrendite von 4,8 Prozent noch vernünftig bewertet ist. Eine Überhitzung zeichnet sich dagegen bei der vietnamesischen Börse ab, auf die ebenfalls mehrere Zertifikate erschienen sind. Bereits im letzten Jahr explodierten die Kurse um 145 Prozent, und die Rekordmarke in diesem Jahr liegt nochmals 56 Prozent höher. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis dort liegt inzwischen bei 70 – solche Werte erinnern an die Technologiebörse im Jahr 2000.

Als Basiswerte für Derivate eignen sich nicht nur Aktien, sondern ebenso Immobilien oder Rohstoffe. Von der ZKB zum Beispiel stammt ein Zertifikat mit 14 Schweizer Immobilienfonds. Die Rendite nach gut einem Jahr beträgt 8 Prozent. Von den unzähligen Rohstoffanlagen sei ein Produkt von Goldman Sachs auf den GSCI Agriculture Index erwähnt. Dieses umfasst acht verschiedene Landwirtschaftsgüter, von Weizen über Baumwolle bis Zucker. Solche Anlagen sind eine sinnvolle Ergänzung zu Aktien: Sie bringen zusätzliche Stabilität ins Depot, wenn die Börsenkurse abtauchen.
Selbst klassische Hedge-Fund-Strategien lassen sich mit Zertifikaten umsetzen. Beim sogenannten Long-Short-Ansatz kaufen diese einerseits günstig bewertete Aktien – man spricht von einer Long-Position – und verkaufen auf der andern Seite Aktien leer, die sie als zu teuer einschätzen (Short-Position). Mit dieser Strategie lässt sich auch Geld verdienen, wenn die Aktienkurse sinken – vorausgesetzt, die Long-Positionen performen besser als die Short-Positionen.

Ein Beispiel: Im Jahre 2006 gewannen die Schweizer Mid-Cap-Aktien (zusammengefasst im Index SMIM) 47 Prozent. Der Blue-Chip-Index SMI schaffte nur ein Plus von 16 Prozent. Die ZKB hat nun das Long-Short-Zertifikat SMI vs. SMIM lanciert: Der Anleger profitiert, wenn dieses Jahr die Blue Chips besser abschneiden als die zyklischen SMIM-Titel, die zwar schneller ansteigen, bei einer Korrektur aber empfindlicher reagieren. Analog gibt es Produkte, die beispielsweise auf eine Outperformance dividendenstarker Titel gegenüber dem Gesamtmarkt setzen.

Natürlich lassen sich Zertifikate auch mit Optionen kombinieren. Am beliebtesten sind die Bonuszertifikate. Hier verzichtet der Anleger auf die Dividendeneinnahmen, diese werden zur Finanzierung der Optionen gebraucht. Dafür erhält er eine Bonuszahlung, sofern die Aktie nicht unter eine bestimmte Barriere fällt.

Am Beispiel eines Bonuszertifikats der ZKB auf die «Zürich»-Aktie: Nach drei Jahren erhält der Anleger mindestens 126 Prozent des eingesetzten Kapitals zurück – falls die Aktie in dieser Periode nicht stärker als 25 Prozent sinkt. Der Investor verpasst zwar eine jährliche Dividendenrendite von 3,2 Prozent, dafür fährt er mit dem Zertifikat deutlich besser, wenn die «Zürich»-Aktie nur wenig steigt oder leicht an Wert verliert. Angesichts des steilen Kursanstiegs in den letzten Jahren könnte sich der Kauf eines Bonuszertifikats nun durchaus lohnen.

Internet:

www.warrants.ch

www.abnamromarkets.ch -> Weltkarte der Zertifikate

Literatur:

Swiss Derivative Guide, Verlagsgruppe Handelszeitung, 2006/07, Fr. 39.-

Die vierteilige Derivate-Serie der BILANZ:
www.bilanz.ch/invest: Teil 1 (Kapitalschutz) und Teil 2 (Renditeoptimierung)
in der nächsten Ausgabe: Teil 4, Hebelprodukte

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