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«Der russische Staat hat sehr viel gestohlen»

Moskau: Die Fussball-WM ist eine Chance für Russland.

Naomi Waistell sieht die WM als Chance für Russland – aber nur, wenn viele Reformen folgen.

Erich Gerbl
Von Erich Gerbl
23.06.2018

Frau Waistell, Sie haben zuletzt 20 russische Firmen besucht. Am 14. Juni ist dort die Fussball-WM gestartet. Ist das ein Grund, in russische Aktien zu ­investieren?
Die Fussball-WM ist eine Chance für Russland. Viele Leute werden das Land erstmals besuchen. Russland kann sich positiv präsentieren. Für die Konjunktur ist es aber nur ein kurzer Impuls. Als langfristiger Investor interessieren mich andere Dinge.

Welche wären das?
Russland braucht strukturelle Reformen. Die Produkti­vität ist zu schwach, die Erwerbsquote zu gering. Es mangelt an Technologien und Infrastruktur. Eine Pensions- und eine Steuerreform wären fällig.

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Jede Menge Baustellen. Also ist die niedrige Bewertung des russischen ­Aktienmarktes mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von nur 7 gerechtfertigt?
Die Bewertung ist auf einem historischen Tief. Aber den Discount zu den entwickelten Märkten gibt es schon lange. Das liegt zum Teil an chronisch günstigen Sektoren wie Energie oder Rohstoffen. Zudem war Russland bis vor kurzem in einer Rezession. Dann gibt es den Abschlag wegen der Sanktionen, der geopolitischen Risiken und der mangelnden Corporate Governance.

Naomi Waistell

Naomi Waistell ist Fondsmanagerin im Schwellenländer- und Asien-Aktienteam bei Newton Investment Management. Sie managt den BNY Mellon Global Emerging Markets Fund.

Wie weit reicht Wladimir Putins Arm?
Der Staat hält 16 Prozent des Leitindex RTS direkt. Dort ist der Einfluss sehr gross. Russland ist bis zu einem gewissen Grad eine «Klepto-Ökonomie». Der Staat hat sehr viel gestohlen. Minderheitsaktionäre konnten dort wenig verdienen.

Warum haben sich die Emerging Markets im Februar-Ausverkauf so gut gehalten?
Dafür gibt es einige Gründe. Sie sind günstig. Das Shiller-KGV liegt dort bei 13, in den USA sind es 24. Für weniger Geld erhalten Anleger in den Entwicklungsländern stärkeres Wachstum, weniger ­demografische Risiken und eine geringere Verschuldung. Die langfristigen Aussichten sind dort einfach besser.

Aber bricht nicht alles wieder ein, sobald Anleger aus den Industrieländern das Geld abziehen?
Die Märkte haben sich gewandelt. 80 Prozent der Schulden sind nun in Lokalwährung. Da der Anteil von Konsum- und IT-Werten steigt, sinkt die Abhängigkeit von Exporten. Immer mehr lokale Anleger steigen ins Aktiengeschäft ein. Die bleiben auch bei einer wachsenden Risikoaversion investiert.