Der Goldhandel steht vor weitreichenden Umwälzungen. Im September wurde die Goldbörse in Shanghai eröffnet. An der Börse in Hongkong sollen noch in diesem Jahr Termingeschäfte mit dem Edelmetall in US-Dollar angeboten werden. Und auch Singapur will künftig beim Goldpreis mitreden. Der Hintergrund: Während im Westen das Interesse am Gold rückläufig ist, sind asiatische Investoren und Konsumenten verrückt nach dem glänzenden Metall.

Zwei Drittel der globalen Goldkäufe werden inzwischen in Asien getätigt. Treibende Kraft ist dabei China. Nach Angaben des World Gold Council ist die Nachfrage des privaten Sektors im Reich der Mitte im vergangenen Jahr auf 1132 Tonnen gestiegen. Laut der Lobbyorganisation der Goldindustrie kommt bereits über ein Viertel der globalen Nachfrage aus China. Zum Vergleich: In den USA und in Europa zusammen werden weniger als 15 Prozent des weltweit gehandelten Goldes gekauft.

China als «Schlüsselmarkt»

Im Westen wird Gold meistens als Absicherung gegen Inflation genutzt. Weil diese im Moment aber trotz der Bemühungen der Notenbanken in weiter Ferne scheint, ist auch die globale Nachfrage nach Gold seit einiger Zeit rückläufig. Der Goldpreis ist so seit dem Allzeithoch 2011, als eine Feinunze 1900 Dollar kostete, um fast 40 Prozent gesunken.

In Asien hingegen bleibt das edle Metall als Vermögensanlage beliebt. China hat weltweit den grössten Verbrauch und fördert auch am meisten Gold von allen Ländern. Indien ist beim Kauf von Gold ebenfalls ganz vorne mit dabei. Doch obwohl China laut World Gold Council inzwischen der «Schlüsselmarkt» im globalen Handel ist, werden die Preise immer noch in London und New York festgelegt.

Alte Tradition

London ist seit mehr als 300 Jahren das wichtigste Handelszentrum für Goldbarren. Der Preis dafür wird seit 1919 auf einer Konferenz der Mitglieder der London Bullion Market Association – zur Zeit HSBC, Barclays, Bank of Nova Scotia und Société Générale – ausgehandelt. Und New York ist mit der grössten Warenterminbörse der Welt zentral für den Handel mit sogenannten Gold-Futures, den Verträgen über zukünftige Goldverkäufe.

Ob der Vorstoss aus Asien auf diese Bastionen von Erfolg gekrönt sein wird, ist für Experten fraglich. Problematisch sei insbesondere die Einflussnahme der chinesischen Regierung. Das Land verbietet den Export von Goldbarren und kontrolliert Kapitalflüsse nach politischen Kriterien. Gold kann also nach China abwandern aber nicht umgekehrt. «Jedes Bestreben Chinas einen nicht in London festgelegten Goldpreis zu etablieren, wird durch diese Restriktionen behindert», sagt etwa Händler Ryan Case dem «Wall Street Journal».

London in der Kritik

Doch auch die Preisfestlegung in London ist in letzter Zeit vermehrt kritisisert worden. Erst im Mai war Barclays wegen der Manipulation des Goldpreises zu einer Geldbusse verurteilt worden. Die traditionelle Festlegung des Preises in einer Telefonkonferenz könnte auch deshalb schon bald der Vergangenheit angehören und durch ein elektronisches System ersetzt werden.

«Die grössere Bedeutung von Asien für den Goldpreis kann nur von Vorteil sein, aber ich bezweifle, dass in den kommenden Jahren die Festlegung des Goldpreises grundlegend verändern wird», sagt auch Goldhändler Ross Norman von Sharps Pixley. Bereits vor vier Jahren war der Versuch eines Future-Handels in Singapur wegen mangelndem Interesse abgebrochen worden.

Nische ausfüllen

Auch wenn also der grosse Machtwechsel beim Gold eher unwahrscheinlich bleibt. Laut «Wall Street Journal» erwarten viele Experten, dass die neuen asiatischen Marktplätze ihre Nische finden werden. Weil der Goldpreis in Asien oft höher ist als im Westen, brauche es einen eigenen Marktmechanismus in dieser Zeitzone, findet Albert Cheng vom World Gold Council. Denn während ein hoher Goldpreis im Westen Ausdruck einer inflationären Entwicklung ist, steht er in Asien für die zunehmende Wirtschaftskraft der Region und ihrer Bevölkerung.

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