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Briefmarken: Nur rare Ware lohnt sich

Briefmarkensammeln als Kleinbürgerhobby trägt nichts ein. Wer aber klug nur Topqualität einkauft, investiert gut: Der Index der 100 weltweit begehrtesten Marken ist seit 1998 um 65 Prozent gestiegen.

Von Bernhard Raos
17.01.2006

Es muss sich um Wertvolles handeln: Sicherheitsleute vor dem Eingang, im Foyer und auf den einzelnen Stockwerken, dicke Panzertüren – wenn das Auktionshaus Rapp im sankt-gallischen Wil zur Internationalen Briefmarkenauktion bittet, lagern hier Wertpapierchen für über zehn Millionen Franken. 502 Seiten umfasst der 2,8 Zentimeter dicke Auktionskatalog, der viele der 1877 Lose in farbigen Bildern präsentiert.

Die erste Auktion im Untergeschoss ist eine nüchterne Angelegenheit. Das liegt sowohl am gesitteten Bieterpublikum – überwiegend gesetzte Herren helvetischer Provenienz – als auch am Auktionator.

Peter Rapp (60) ist kein Mann der grossen Worte und Gesten. Ohne sichtbare Emotionen spult er sein Programm «Einzelstücke Schweiz» herunter. Er preist seine Ware nicht speziell an, sondern nennt Losnummer um Losnummer und registriert wie ein Buchhalter die Angebote. «Qualität braucht keinen Lautsprecher», sagt Rapp.

Eine Zusatzinformation liefert der Auktionator nur zum Los Nummer 34: Es handle sich um das Exemplar von der Katalogtitelseite. Die Basler Taube auf Brief ist einem Sammler 41 300 Franken wert. Ob sich Rapp darüber freut, sieht man ihm nicht an. Seine Tochter und Geschäftsführerin, Marianne Rapp Ohmann (29), wertet den Zuschlagspreis als «erwartungsgemäss».

Etwas lebhafter geht es jeweils an der so genannten Sondersitzung zu, wo grosse Sammlungen für sechsstellige Beträge unter den Hammer kommen. 860 000 Franken für eine Zeppelinsammlung waren dieses Mal der Rekord. Das Publikum ist internationaler, und es wird auch mal applaudiert, wenn Bieter sich duellieren und die Preise nach oben schiessen. Frischen Zug ins Geschäft bringen seit einigen Jahren die Käufer aus Osteuropa mit den ganz dicken Portemonnaies.

Vielleicht hat die zur Schau gestellte Coolness auch damit zu tun, dass im Geschäft mit Briefmarken nur wenige was zu lachen haben. Der Markt ist heute zweigeteilt: Für seltene Stücke in Topqualität – in der Regel Postwertzeichen aus der Zeit zwischen 1840 und 1880 – steigen die Preise kontinuierlich. Nimmt man etwa den Index der weltweit 100 begehrtesten Briefmarken des Londoner Auktionshauses Stanley Gibbons als Wertmesser, so hat dieser von 1998 bis im September 2005 um 65,3 Prozent zugelegt. Der Weltindex von Morgan Stanley Capital International (MSCI World Index) brachte es im selben Zeitraum nur auf ein Plus von gut 30 Prozent.

Die meisten Märkler machen hingegen frustrierende Erfahrungen, sobald sie ihre jahrzehntelang gehorteten Schätze einmal verkaufen wollen. Was in Briefmarken-Katalogen aufgelistet wird, sind Mondpreise. Bezahlt werden weniger als 30 Prozent davon. Hans Grünenfelder, Sekretär beim Schweizer Briefmarken-Händler-Verband und selber Händler, gibt ein realistisches Beispiel: «Wer die letzten 40 Jahre Briefmarken postfrisch gekauft hat, bekommt dafür heute in der Regel noch 80 Prozent seines Kaufpreises.» Er selber verhökert jährlich für rund eine Million Franken frankaturgültige Marken zu 95 Prozent des Nominalwerts – meist an Firmen, die sich so fünf Prozent Portokosten sparen. Briefmarken, von denen es Millionen Exemplare gibt, sind nun mal von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen keine Wertanlage.

Händler müssen heutzutage innovativ sein, wenn sie überleben wollen. Etwa mit Versand- und Onlinehandel oder Spezialitäten. Doch über Plattformen wie Ebay wird jeder Sammler selber zum Händler. Dem Schweizer Briefmarken-Händler-Verband sind noch 59 Mitglieder angeschlossen. Jedes Jahr werden es eines oder zwei weniger. Viele der Verkaufsgeschäfte wirken verstaubt, werfen wenig Ertrag ab und finden keine Nachfolger. Ein knappes Dutzend Händler generiert zufrieden stellende Erträge. Es ist das Abbild der ganzen Szene: Auch die Sammlervereine darben und haben nur noch halb so viele Mitglieder wie in den siebziger Jahren. Die Sammler werden immer älter, und der Nachwuchs fehlt. «Früher hat der Onkel dem Neffen ein Briefmarken-Abo geschenkt, heute sind es Rollerblades und iPods», weiss Grünenfelder. Da die Erben mit den Briefmarken ihrer Oldies nichts anzufangen wissen, kommen zu viele Nachlässe auf den Markt. Bei schwindender Nachfrage rauschen die Preise für Dutzendware erst recht in den Keller.

Tapfer macht Grünenfelder in Optimismus: «Warum nicht gegen den Strom schwimmen und die günstigen Preise zum Aufbau einer Sammlung nutzen?»

Auch bei der Schweizer Post weiss man, dass Briefmarken eine aussterbende Spezies sind. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der frankierten Briefe um ein Drittel zurückgegangen. Der Bestand an Briefmarken-Abos betrug Ende 2004 noch 93 000. Dies entspricht einem Rückgang von 40 Prozent seit 1998. Der Versuch der Post mit dem Jugendclub Zackit wurde nach zwölf Monaten abgebrochen – wegen zu geringer Resonanz. Immerhin kaufen die Abonnenten für rund 20 Millionen Franken Briefmarken und sorgen für die Hälfte des Gesamtumsatzes.

Rapp muss sich nicht mit Brosamen begnügen: Der Einlieferer der Ware bezahlt dem Auktionator 15 bis 20 Prozent des Schätzwertes. Und der Ersteigerer leistet ein so genanntes Aufgeld von 20 Prozent auf den Kaufpreis. Bei 12,4 Millionen Umsatz dürften Rapps Bruttoeinnahmen dieses Jahr bei etwa 4 Millionen Franken liegen. «Wir haben eine transparente Preispolitik und machen bewusst kein Dumping», sagt Rapp.

Mit ganz wenigen Ausnahmen liegen für die Lose schon vor der Auktion Angebote vor. Rapp beschäftigt fünf Festangestellte und stockt während der Auktionen auf bis zu 50 Personen auf. Dann hilft auch seine Frau im improvisierten Café mit, wo gut 1500 Auktionsbesucher gratis verköstigt werden.

Ein Händler aus Norddeutschland begutachtet in einem der vielen Besichtigungsräume stundenlang jene Lose, die ihn interessieren. «Das ist Knochenarbeit», feixt er. Gleichzeitig lobt er die Auktion: «Bei Rapp weiss man, woran man ist. Er fixiert faire Startpreise, und es gibt keine Preislimiten.» Das Angebot sei weltweit einzigartig. Alles andere wäre kurzsichtig, sagt Rapp. Wie er geschäftet, demonstriert er dem Journalisten am Computer. Dort hat er pro Los die bereits im Vorfeld eingegangenen Gebote erfasst. Sie liegen um Zehntausende Franken auseinander. Doch der Zuschlag an der Auktion erfolgt nicht immer zum gebotenen Höchstpreis. Wie das? «Wenn Sie für ein Los beispielsweise 30 000 Franken bieten, das nächsttiefere Gebot aber bei 20 000 Franken liegt, erhalten Sie als Höchstbieter das Los um eine Versteigerungsstufe über dem zweithöchsten Gebot, also für 21 000 Franken, zugeschlagen», sagt Rapp.

Das Auktionshaus verzichte damit auf «mehrere hunderttausend Franken Umsatz». Transparenz und gutes Image rechnen sich indes langfristig. Rapp sammelt nicht selber, obwohl er aus einer Philatelistenfamilie stammt. Der Grossvater hat ihn mit dem Märklervirus infiziert: «Aber nur zum Handeln. Ich kann nicht sammeln.»

Es gibt keine gesicherten Zahlen zu den Umsätzen mit den gezähnten Bildchen und anderen Postalien. Die Schweizer Post weist für den Bereich Philatelie einen Betriebsertrag von 40 Millionen Franken aus. Noch mal so viel setzt das gute Dutzend Auktionshäuser um. Die grossen vier sind Rapp, Corinphila in Zürich, Feldmann in Genf und Chiani in Gossau. Kleinere Auktionshäuser mit Umsätzen um 0,5 bis 2 Millionen pro Versteigerung leben mehr schlecht als recht. Der Handel inklusive Onlinegeschäft bringt es auf geschätzte 20 Millionen Franken, das macht für die Schweiz total um die 100 Millionen Franken. Erst recht Spekulation sind Umsatzzahlen für das globale Briefmarkenbusiness: 30 Millionen Sammler sollen nach Schätzungen von Stanley Gibbons für ihr Hobby jährlich 14 Milliarden Franken ausgeben. Doch das ist Stochern im Nebel.

Zu Rapps Palmarès gehört ein Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde: 1980 erzielte sein Haus einen Auktions-Rekordumsatz von 33 Millionen Franken. «Diesen Eintrag habe ich nicht gesucht», sagt er heute. Understatement sei ihm wesensgerechter. Damals habe rund um Briefmarken ein Hype geherrscht wie 20 Jahre später mit der Internet-Bubble an der Börse. Für den gleichen Umsatz müssen Rapp & Co. heute viel mehr arbeiten als damals.

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