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Best in Class: Leuchtpunkte im Anlageuniversum

Nachhaltigkeitsanlagen drehen sich nicht nur um Solarenergie. Beim «Best in Class»-Ansatz können hier selbst Rüstungs-, Tabak- oder Autokonzerne brillieren.

Von Markus Diem Meier
23.11.2007

In nachhaltigen Anlagen finden sich zuweilen auch Aktien von Autoproduzenten oder Zigarettenherstellern. Selbst solche von Ölunternehmen oder Rüstungsbetrieben sind nicht ausgeschlossen. Wer hier Betrug wittert, liegt falsch. In diesen Fällen hat man es mit dem bedeutendsten Ansatz des nachhaltigen Anlageuniversums zu tun: dem sogenannten «Best in Class»-Ansatz.

Hier geht es nicht um Investitionen in rein «grüne» Bereiche wie erneuerbare Energien – was zuweilen mit nachhaltigem Investieren generell verwechselt wird –, sondern um Investitionen in Unternehmen, die ökologisch, sozial und ökonomisch besonders gut abschneiden. Und diesbezüglich kann auch ein Auto- oder ein Rüstungsunternehmen brillieren. Die Produkte nach dem «Best in Class»-Ansatz machen zwei Drittel des gesamten Volumens an nachhaltigen Anlagen aus.

Dieser Ansatz hat auch für das Anliegen einer nachhaltigeren Wirtschaftsentwicklung eine besonders grosse Bedeutung, wie Sabine Döbeli, Leiterin Nachhaltigkeit bei der Bank Vontobel, betont: «Das zeigt sich alleine daran, dass es für Firmen zunehmend zum Standard wird, über ihre Umwelt- und Sozialstandards Rechenschaft abzulegen – sie werden immer mehr an ihrer Nachhaltigkeitsperformance gemessen.»

Die «Best in Class»-Produkte der Praxis unterscheiden sich oft stark. So ergänzen viele Anbieter den «Best in Class»-Ansatz dennoch durch Ausschlusskriterien. Unternehmen aus den Bereichen Tabak, Rüstung, Pornografie oder Kernenergie finden dann zum Beispiel von vornherein keine Berücksichtigung in einem Anlagefonds. Viele Anlegerinnen und Anleger sind schliesslich nicht nur an Nachhaltigkeit interessiert, sondern setzen auch ethische Massstäbe für ihre Investitionen.

Keine Ausschlusskriterien kennt der Dow Jones Sustainability World Index (DJSI World), für dessen Nachhaltigkeitsresearch das Zürcher Unternehmen SAM Sustainable Asset Management zuständig ist. Hier werden aus den etwa 6500 Titeln im Dow Jones Global Index die grössten 2500 ausgewählt und nach 57 Sektoren unterteilt. Die gemessen an ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitskriterien besten zehn Prozent jedes Sektors fliessen schliesslich in den DJSI World ein.

Als erster weltweiter Nachhaltigkeitsindex hat er noch heute eine grosse Bedeutung für viele Produkte dieser Anlageklasse. Dass grundsätzlich jedes Unternehmen in den Index aufgenommen werden kann, sieht Claudia Wais von SAM nicht als Problem, im Gegenteil: «Das Ziel soll ja eine nachhaltigere Produktion sein. Wenn wir ganze Industrien hier ausschliessen, haben diese keinen Anreiz, sich ebenfalls zu verbessern.» Weil ethische Einschätzungen für Anleger in nachhaltigen Produkten eine grosse Bedeutung haben, wurden ergänzende Indizes zum DJSI World geschaffen, die Unternehmen aus den Bereichen Alkohol, Tabak, Spiele, Waffen ausschliessen. Zum Weltindex bestehen zudem auch regionale Indizes unter anderen für Europa und Nordamerika.

Weltweiter Pionier im Bereich der «Best in Class»-Produkte ist die Bank Sarasin. Schon im Jahr 1989 hat das Basler Institut die ökologische Finanzanalyse eingeführt, 1994 startete die Privatbank mit OekoSar Portfolio den ersten «Best in Class»-Fonds überhaupt. Viele Merkmale der Sarasin-Produkte sind, mit Abweichungen im Detail, typisch für die meisten anderen Fonds desselben Ansatzes.

Sarasin kennt ebenfalls eine Reihe von Ausschlusskriterien: Schliesslich könne man «auch Tellerminen besonders ökologisch effizient herstellen», meint der Nachhaltigkeitsspezialist von Sarasin, Erol Bilecen, ironisch. Bei Sarasin zählen daher auch ethische Kriterien für die Auswahl. Keine Berücksichtigung in den Nachhaltigkeitsprodukten finden Aktien von Unternehmen aus den Bereichen Kernenergie, Rüstungsgüter, Chlor- oder Agrochemikalien, Tabakwaren, Pornografie oder Gentechnologie in der Landwirtschaft.

Wie werden nun aber die Nachhaltigsten ermittelt? Jeder Bewertung liegt ein dicker Kriterienkatalog zugrunde, wobei beim Umweltprofil neben dem Produktionsprozess auch die Strategie des Unternehmens, die Vorprodukte oder das Umweltmanagementsystem eines Unternehmens untersucht werden. Beim Sozialprofil werden die Beziehungen zu allen Anspruchsgruppen erfasst: zu Kapitalgebern, Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden und selbst Konkurrenten.

Sarasin bewertet sowohl die Branche wie auch die Unternehmen. Wird eine Branche als wenig nachhaltig beurteilt – wie etwa jene der Automobile –, so muss ein Unternehmen in der Nachhaltigkeitsbeurteilung weit besser abschneiden als ein Unternehmen aus einer Branche, die als nachhaltiger eingeschätzt wird.

Unter den Schweizer Anbietern von «Best in Class»-Produkten ragt auch die Raiffeisenbank hervor: dies vor allem wegen der hervorragenden Performance ihres «Futura»-Fonds auf Schweizer Aktien (siehe Tabelle oben). Der Fonds wurde dieses Jahr mit dem Lipper Fund Award als bester Fonds für Schweizer Aktien über drei und fünf Jahre ausgezeichnet.
An den Futura-Produkten sind gleich eine Reihe von Instituten beteiligt: Während Raiffeisen die Fonds vertreibt, erledigt die Bank Vontobel die eigentliche Vermögensverwaltung, das Fondsmanagement. Die unabhängige Nachhaltigkeits-Ratingagentur Inrate wiederum ist verantwortlich für die Auswahl der Titel, die für ein Investment zur Verfügung stehen können.
Auch hier kommen Ausschlusskriterien zur Anwendung: Rüstungsfirmen und andere Unternehmen aus ökologisch oder ethisch umstrittenen Bereichen finden sich hier so wenig wie bei Sarasin.

Inrate nennt ihr eigenes Auswahlverfahren «Best in Service» (statt «Best in Class»). Die Idee dabei ist, dass die Unternehmen nicht an der eigenen Branche gemessen werden, sondern anhand der Leistung, die sie erbringen. Deshalb werden sogenannte «Service-Sektoren» definiert. Als solche gelten unter anderen die Mobilität, die Behausung, die Gesundheit oder die Ernährung. Innerhalb der so definierten Sektoren wird dann untersucht, wer überdurchschnittlich abschneidet. «Wir vergleichen nicht Toyota mit Fiat, wir wollen vielmehr wissen, wer zum Beispiel eine Transportleistung sozial und ökologisch am nachhaltigsten erbringen kann», erklärt Christoph Müller, Nachhaltigkeitsspezialist bei Inrate.

Separat beurteilt werden auch bei Inrate das ökologische und das soziale Abschneiden anhand einer grossen Anzahl Kriterien. In einer der beiden Beurteilungen muss ein Unternehmen mindestens so gut sein wie der Durchschnitt, in der anderen mindestens fünf Prozent besser, damit es für eine Investition in Frage kommt. «Dadurch wird gewährleistet, dass auch gut abschneidende Unternehmen sich weiter verbessern müssen, um weiterhin berücksichtigt zu werden», erklärt Christoph Müller.

Haben die Nachhaltigkeitsanalysten ihre Arbeit getan und die Unternehmen ausgewählt, die als nachhaltig gelten können, kommen bei allen Anbietern von «Best in Class»-Produkten die klassischen Portfoliomanager zum Zug. Welche der zulässigen Unternehmen dann in welcher Gewichtung in einen Fonds einfliessen, bestimmen sie wie immer anhand der Rendite-Risiko-Eigenschaften der eingehenden Titel. Die Nachhaltigkeitsbewertung der Sieger aus dem ersten Rating spielt dann keine Rolle mehr. «Damit die Produkte auch von der Performance her gut abschneiden, würde es auch keinen Sinn haben, die Portfoliomanager hier einzuschränken», sagt Sabine Döbeli von der Bank Vontobel.

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