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Bahnhofstrasse: Verschluckt euch nicht am Googlehopf!

Warum Sie derzeit besser abwarten und Tee trinken, als an der Börse von Google zu naschen. Und warum ein Engagement bei Forbo, Dottikon ES oder Xstrata zu überlegen wäre.

Von Frank Goldfinger
05.04.2005

Selten wurde im Vorfeld eines Going-public ein solcher Affentanz aufgeführt, wie das bei der Internetsuchmaschine Google der Fall war. Die Erwartungen der Investoren waren denn auch übergross. Folgerichtig schossen die Aktien beim Börsendébut im August vergangenen Jahres steil in die Höhe. Gerade mal zwei Monate später hatte sich der Preis verdoppelt, Anfang Februar 2005 standen die Titel bei 217 Dollar. Mit Google waren also innerhalb von einem halben Jahr 130 Prozent zu verdienen. Doch seither zeigt die Kursentwicklung nach unten, innert weniger Wochen verpufften 18 Prozent an Wert. Was nur mit Google los sei, werde ich deshalb immer wieder gefragt.

Die Antwort ist simpel: Zwar ist die Nachfrage an den Börsen immer noch gross, doch nimmt gleichzeitig das Angebot sprunghaft zu. 275 Millionen Google-Aktien wurden geschaffen. Davon gelangte beim Börsengang nicht einmal ein Zehntel ans Publikum. Seither jedoch werden immer mehr Titel auf den Markt geschaufelt, denn die Sperrfristen für die Alt-Aktionäre laufen ab. Seit Februar sind, so ist im Börsenzulassungsprospekt nachzulesen, alle Aktien zum Handel zugelassen. Auch die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin wollen über die nächsten Monate mehrere Millionen Papiere aus ihrer Privatschatulle verkaufen. Wenigstens haben sie dies der Börsenkommission SEC gemeldet.

Diese massive Abgabe weiterer Aktien wird noch längere Zeit auf den Kurs drücken. Mich würden Preise von deutlich unter 150 Dollar nicht erstaunen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich als ewiggestriger Meckerer dastehe: Die Titel sind auch auf diesem Niveau immer noch heftig überbewertet, zumindest auf mittlere Sicht. Google wird von den meisten Analysten eine glänzende Zukunft bescheinigt, und dem mag ich ohne weiteres zustimmen. Nur bergen die Valoren mit einem für dieses Jahr geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 80 kurzfristig ein beträchtliches Risiko. Wer neu einsteigen will, sollte also noch etwas zuwarten, bis die Kurskorrekturen ausgestanden sind.

Ich war schon Beobachter bei Dutzenden von Aktionärstreffen. Doch noch nie habe ich erlebt, dass den Emotionen derart freier Lauf gelassen wurde wie jüngst an der ausserordentlichen Forbo-Generalversammlung. Zu reden gegeben hat vor allem das Seilziehen zwischen dem Forbo-Verwaltungsrat und Michael Pieper. Hauptaktionär Pieper ging als klarer Sieger vom Platz, er ist der neue starke Mann bei Forbo. Allerdings begnügt er sich mit der zweiten Geige: Pieper nimmt als Vize Einsitz im Verwaltungsrat. Dieser wird neu präsidiert von Albert Gnägi. This Schneider amtet erneut als Konzernchef.

Die Aktionäre erwarten enorm viel von Michael Pieper. Dieser hat denn auch keine Gelegenheit versäumt, die Erwartungen zu schüren. Unermüdlich spricht er von der grossartigen Zukunft, die Forbo beschieden sei. Doch bis es so weit ist, wartet einiges an Arbeit. Zuerst einmal muss die Restrukturierung zügig umgesetzt werden. Parallel dazu gilt es, das bei Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern zerdepperte Geschirr wieder zu kitten. Nach einem deftigen Verlust für das vergangene Geschäftsjahr dürfte 2005 nochmals ein kleiner Fehlbetrag resultieren. Danach sollten wieder Gewinne anfallen. Was heisst das für die Aktien? An der Bahnhofstrasse mag niemand offiziell Schätzungen über das Kurspotenzial abgeben. Im lockeren Gespräch dagegen wird mittelfristig das Doppelte bis Dreifache des heutigen Kurses prognostiziert.

Eine durchaus realistische Erwartung. Für mich ist Michael Pieper der Garant, dass Forbo den Turnaround auch schafft. Er wird sich so stark wie möglich für diese Aufgabe einsetzen, nicht nur aus Angst vor einem Imageschaden. Der Vollblutunternehmer hat auch sonst einiges zu verlieren, ist er doch selbst mit 170 Millionen Franken investiert. Deshalb erachte ich die Aktie als attraktiv. Wer sich engagiert, muss jedoch Risikofreude und vor allem einige Jahre Geduld aufbringen.

Die frisch kotierte Dottikon ES mit Markus Blocher an der Spitze ist eine echte Bereicherung für die Börse. Wer einem etwas spekulativeren Engagement nicht abgeneigt ist, könnte noch viel Freude an der Aktie bekommen. Zwar bleibt der 79-seitige Kotierungsprospekt der Dottikon ES in Bezug auf den künftigen Geschäftsgang eher vage. Doch die Margen sind durchaus solide.

Zusätzlich erwarte ich, dass schon bald Musik in den Titel kommt, denn die Feinchemiebranche steht unter starkem Konsolidierungsdruck. Markus Blocher wird sich daher kaum mit dem Schattendasein eines wenig liquiden Small Cap zufrieden geben. Zurzeit liegt der Wert der frei handelbaren Aktien unter hundert Millionen Franken. Würde es dabei bleiben, wäre ein Going-private bestimmt die bessere Lösung. Der tiefe Free Float nämlich ermöglicht es bereits kleineren Börsenplayern, ihre Spielchen zu treiben: Zuerst schrauben sie den Kurs mit Käufen nach oben, um weitere Anleger anzulocken. Danach steigen sie rechtzeitig wieder aus.

Kommt hinzu: Da Martin Ebners BZ Bank den Börsengang organisiert hat, ist für den nötigen Gesprächsstoff gesorgt, um das Interesse am Köcheln zu halten.

Zurück zu den Fakten, die den Kurs beflügeln könnten: Die Dottikon ES hat nicht nur eine ansehnliche Eigenkapitaldecke von 250 Millionen Franken. Vor allem besitzt Markus Blocher Aktien der Ems-Chemie im Wert von knapp 500 Millionen. Da kein Vertrag zwischen den Blocher-Geschwistern besteht, darf er seinen Anteil frei verkaufen. Mit dieser Kriegskasse könnte die Dottikon ES selbst ein Unternehmen von der Grösse der Zofinger Siegfried akquirieren. Die beiden Firmen sind in der gleichen Nische tätig und liegen zudem keine 30 Kilometer voneinander entfernt. Affaire à suivre?

Hut ab, Mick Davis, dass Sie sich nicht auf einen teuren Übernahmekampf eingelassen haben! Eigentlich habe ich ja das Gegenteil erwartet, immerhin wird dem CEO der in Zug domizilierten Xstrata ein unbändiger Drang zur Grösse nachgesagt. Schliesslich hat Davis innert zweier Jahre das schweizerisch-britische Unternehmen mittels Akquisitionen zur viertgrössten Minengesellschaft der Welt hochgeschaufelt. Mit einer Übernahme des australischen Konkurrenten WMC Resources wäre nochmals kräftig an Gewicht zugelegt worden. Doch das Angebot von Xstrata im Wert von 7,8 Milliarden Franken wurde vom Bergbaukonzern BHP Billiton um knapp zehn Prozent übertrumpft, Mick Davis wollte von einer Aufbesserung seiner Offerte nichts wissen. Die Aktionäre wissen es ihm zu danken. Denn hätte Xstrata den Zuschlag zu einem höheren Preis doch noch erhalten, wäre die Ertragslage stark verwässert worden. Dabei ist der Minenkonzern eine Ertragsperle sondergleichen: Vom Umsatz bleibt knapp jeder vierte Dollar als Betriebsgewinn, jeder sechste Dollar als Reingewinn hängen. Und die Aussichten bleiben gut. Mit einem für dieses Jahr geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun weisen die Titel noch einiges an Kurspotenzial auf.

Ihr Frank Goldfinger

Fragen, Anregungen, Probleme oder Informationen? Unsere Adresse: bahnhofstrasse@bilanz.ch

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