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Bahnhofstrasse: Neues Leben in den fantastischen Ruinen

Unverhoffte Lebenszeichen von Fantastic aus Baar; der Dollar bleibt absturzgefährdet; die Hartnäckigkeit des Peter Küpfer. Fakten und Klatsch aus der Bahnhofstrasse.

Von Frank Goldfinger
12.07.2005

Die einst auf Computerprogramme für Breitbandanwendungen spezialisierte Fantastic ist für mich das Schweizer Paradebeispiel für den Fall der New Economy. Lange Zeit dämmerte das Baarer Unternehmen vor sich hin. Umsätze fielen keine mehr an, in den Berichten zum Geschäftsgang waren Bemerkungen wie «Das 1. Quartal 2005 verlief ruhig» die Regel. Fantastic lebte eigentlich nur noch, um ihre Marken und Patente, die an zwei Tochtergesellschaften übertragen worden waren, verwerten zu können.

Mitte Mai dieses Jahres habe ich aber nicht schlecht gestaunt: Da rauschten die an der Frankfurter Börse kotierten Aktien, die monatelang um vier Cent herum notiert hatten, unter hohem Handelsvolumen in die Höhe. Innert weniger Tage verfünffachten sich die Papiere im Wert. Auslöser der Kaufwut war eine Meldung des Verwaltungsrats, wonach «verschiedene Investoren ihr Interesse bekundet haben, an The Fantastic Corporation eine qualifizierte Beteiligung zu erwerben». Man höre und staune. Doch damit nicht genug, es werde auch die Möglichkeit einer Kapitalerhöhung geprüft. Bei solchen News ist es kein Wunder, dass sich die Spekulation bei Fantastic zurückgemeldet hat.

Nur hat sich auch zwei Monate später um die angeblichen Neuinvestoren immer noch nichts getan. Peter Ohnemus, der als Firmengründer noch 6,1 Prozent an Fantastic hält, weiss von nichts. «Ich werde vom Verwaltungsrat nicht mehr informiert», sagt Ohnemus. Einziger Verwaltungsrat ist Pete Hirsch. Obwohl selbst Jurist, will er meine Fragen nicht beantworten und verweist mich an Küng Rechtsanwälte in Zürich. Diese Kanzlei, so Hirsch, unterstütze den Fantastic-Verwaltungsrat in rechtlichen Belangen. Doch auch da ist die Ausbeute mager. Die Frage nach den möglichen neuen Investoren wird abgeblockt mit der Floskel, es bestehe «kein Anlass, über die publizierten Informationen hinaus irgendwelche weiteren Erklärungen abzugeben». Was soll diese Geheimniskrämerei? Damit wird doch nur die Spekulation weiter angeheizt.

Ende Juni folgte die nächste verwirrliche Ad-hoc-Meldung. So soll der Ein-Mann-Verwaltungsrat um gleich drei zusätzliche Personen aufgestockt werden. Dieser Antrag stammt vom Grossaktionär Global Derivative Trading (GDT), der 26,4 Prozent an Fantastic hält. Die drei zur Wahl vorgeschlagenen Personen kommen denn auch aus den Reihen der GDT. Es ist mir nicht gelungen, an einen Vertreter der Global Derivative Trading heranzukommen. An der Zürcher Bahnhofstrasse kennt niemand dieses Unternehmen, in Frankfurter Finanzkreisen wird die Schulter gezuckt.

Ist GDT auf den Aktienmantel heiss? Das wäre kein billiges Unterfangen; GDT müsste, eine Prämie eingerechnet, für die noch ausstehenden Titel etwas über 20 Millionen Franken offerieren. Doch es geht auch anders, wie die dritte, jüngst veröffentlichte Ad-hoc-Meldung zeigt. So prüft der Fantastic-Verwaltungsrat nun tatsächlich ein Angebot durch einen Investor und lädt weitere Interessenten zu einer Due Diligence ein. Interessant ferner, dass gemäss Verwaltungsrat, also Pete Hirsch, ein möglicher Kontrollwechsel nicht wie sonst üblich via Übernahmeangebot mittels Aktientausch oder Barabgeltung erfolgen wird. Vielmehr soll es eine Kapitalumstrukturierung richten: Zuerst wird der Nominalwert der 128 Millionen Aktien herabgesetzt, anschliessend das Aktienkapital durch Neuausgabe weiterer 128 Millionen Titel erhöht. In einem dritten Schritt wird das Aktienkapital nochmals erhöht, und zwar um 256 bis 1251 Millionen Aktien – aber unter Ausschluss des Bezugsrechts der bisherigen Aktionäre.

Machen da die Aktionäre mit? Die Generalversammlung ist auf den 16. August 2005 angesetzt. Nur glaube ich kaum, dass an diesem Anlass noch andere Aktionäre als jene der Frankfurter GDT auftauchen werden.

Anfang Februar rätselte ich an dieser Stelle über die Ursachen für die abrupte Demission des Valora-Präsidenten Peter Küpfer. (Der Rücktritt war ja ohnehin nur ein halber, denn Küpfer bleibt bis 2007 einfaches VR-Mitglied.) Zwei mögliche Gründe führte ich an: eine bevorstehende Gewinnwarnung (was wenig später tatsächlich eintraf) sowie die Klage des ehemaligen Valora-CEO Reto Hartmann gegen Küpfer. Mit dem Rücktritt wolle die Valora-Führung den Schaden im Falle einer Verurteilung eindämmen, vermutete ich damals. Tatsächlich hat nun Ende Juni, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, das Berner Strafgericht Peter Küpfer zu einer Geldbusse im Zusammenhang mit der fristlosen Entlassung Hartmanns im Juni 2003 verurteilt. Noch hängig ist zudem der Zivilprozess gegen den ehemaligen Valora-Präsidenten in der gleichen Sache.

Aus meiner Sicht hat Küpfer seinen Kredit verspielt, auch bei den Aktionären: Laut seinem vor zwei Jahren abgegebenen Versprechen müsste der Börsenkurs heute bei 400 Franken stehen – stattdessen dümpelt er in der Gegend von 280 Franken. Nicht einmal an der jüngsten Generalversammlung liess er sich blicken, angeblich weil er einen wichtigen Termin wahrnehmen musste.

Trotz alldem will der Valora-Verwaltungsrat Küpfer, der Ende Juni bei Unaxis ruhmlos ausschied, in seinen Reihen behalten. Und zwar bis ins Jahr 2007. Diese Absurdität sagt eigentlich schon alles über dieses Gremium, das nun von Fritz Ammann geführt wird und dem auch Beatrice Tschanz angehört. Besässe dieser Verwaltungsrat auch nur ein bisschen Courage, er hätte sich schon längst von Küpfer getrennt. Wie gross der Vertrauensverlust der Aktionäre inzwischen ist, zeigt der Börsenkurs überdeutlich. Trotz tiefer Bewertung der Aktie – die Dividendenrendite liegt bei ansehnlichen drei Prozent – kann ich einen Kauf erst wieder nach dem nächsten Generationenwechsel im Verwaltungsrat in Betracht ziehen.

Befindet sich der Dollar nach der Erholung über die letzten Wochen im langfristigen Aufwärtstrend? Kann ich jetzt wieder Positionen in amerikanischen Aktien und Obligationen aufbauen? Diese Fragen werden mir in diesen Tagen von BILANZ-Lesern am meisten gestellt. Ich verstehe ihre Ungeduld, denn die Vereinigten Staaten sind als Wirtschaftsnation und damit als Anlageraum zu bedeutend, als dass man sie in der Asset-Allocation einfach so übergehen könnte.

Dennoch kann ich beim Dollar keine Entwarnung geben. Seine Erstarkung hat der Greenback primär der Zinspolitik der US-Notenbank (Fed) zu verdanken; nach der jüngsten Erhöhung auf 3,25 Prozent hat das Fed zum neunten Mal innerhalb eines Jahres den Geldpreis angehoben. Die Frage ist nun, wie lange Notenbankchef Alan Greenspan die Zinsschraube noch anziehen kann, ohne das Wirtschaftswachstum abzuwürgen. Eine längere Zinspause würde den Dollar wieder nach unten drücken, denn fundamentale Daten wie Leistungsbilanzdefizit oder Verschuldung sprechen gegen die US-Valuta. Ein Zürcher Devisenhändler setzt das Rückschlagspotenzial auf bis zu 1.2075 Franken pro Dollar an. Das entspricht gegenüber dem derzeitigen Umtauschwert einem Minus von mehr als sieben Prozent. Mit anderen Worten müsste ein Investment in US-Papieren erst einmal eine Performance von sieben Prozent abwerfen, damit man nur schon die Währungseinbusse wettgemacht hätte. Das ist derzeit etwas gar viel.

Ihr Frank Goldfinger

Fragen, Anregungen, Probleme oder Informationen? Unsere Adresse: bahnhofstrasse@bilanz.ch

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