1. Home
  2. Invest
  3. Bahnhofstrasse: Der Raider als Bankier

 
Bahnhofstrasse: Der Raider als Bankier

Wie Mirko Kovats an frisches Kapital gelangen will; Vorsicht vor Weinspekulationen; Anzeichen einer neuen Dotcom-Blase. Fakten und Klatsch aus der Bahnhofstrasse.

Von Frank Goldfinger
23.08.2005

Bankraub ist eine Unternehmung von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank.» Oder kaufen eine Bank, möchte man das Bertolt Brecht zugeschriebene Zitat ergänzen. Firmenraider Mirko Kovats jedenfalls tat genau dies: An seinem 57. Geburtstag kündigte der Österreicher an, in seinem Heimatland die Bank Burgenland zu übernehmen. Der Deal ist politisch höchst umstritten, befindet sich das Geldinstitut doch im Landesbesitz. Was will der Unaxis-Besitzer damit? Kovats bezeichnete die Bank als «volkswirtschaftlich interessant».

Die wahren Gründe für den Kauf dürften jedoch ganz woanders liegen: Kovats zahlt zunächst lediglich 2,45 Millionen Euro als Anzahlung auf den vereinbarten Kaufpreis von 110 Millionen Euro. Trotzdem bekommt er als Minderheitengesellschafter sofort die operative Führung der Bank in die Hand. Und damit kann er dort Liquidität abschöpfen oder sich gar selber einen Bankenkredit ausstellen. Und Geld braucht Kovats: Noch immer hat er der IHAG die letzten 13 Prozent ihrer Unaxis-Anteile nicht bezahlt; der für 20. Juni geplante Deal platzte, angeblich aus «rein administrativen Gründen». Am 2. September wird die Summe von geschätzten 360 Millionen Franken nun zum zweiten Mal fällig. Zufall? Könnte man meinen. Hätte Kovats in den letzten Juli-Tagen nicht gegenüber IHAG-Vertretern eine Lösung der Finanzierungsfrage für «Mitte der kommenden Woche» angekündigt. Am folgenden Donnerstag, dem 4. August, wurde dann der Bankendeal publik.

Wein als Anlageobjekt, so musste ich erstaunt feststellen, ist in Investorenkreisen immer noch ein Thema. In diesen Wochen läuft bei den wichtigsten Anbietern wie Coop, Mövenpick und dem Weinhaus Elie Gazzar die Frist für die Subskriptionsbestellungen von Bordeaux aus. BILANZ-Leser wollten von mir wissen, welche Weine aus dem Bordelais sich für ein Investment eignen würden.

Philipp Schwander, einziger Schweizer Master of Wine – diesen Titel dürfen weltweit nur etwa 250 Weinexperten führen –, winkt ab: «Wegen der überrissenen Preise der Châteaux ist die Subskription ein Auslaufmodell.» Bis 1995 lagen die Primeurpreise noch auf relativ tiefem Niveau, führt Schwander aus, da habe sich eine Zeichnung gelohnt. Wurden die Weine zwei Jahre später ausgeliefert, lag ihr Preis oft um zwanzig Prozent und mehr über dem Subskriptionsangebot. Doch die Weinproduzenten drehten immer stärker an der Preisschraube. Und seit 1996 habe sich die Subskription nur noch selten bezahlt gemacht. Heute könne mancher Bordeaux bei der Auslieferung sogar etwas günstiger erworben werden als bei der Subskription. Dies gelte übrigens, hält Schwander fest, auch für die Weine der Top-Produzenten.

Der Wiederverkauf der Weine ist ein zusätzliches Problem. Wer fünf Kisten eines Schlosses erwirbt, kann diese später kaum zu Marktpreisen losschlagen. Denn bei Kleinmengen muss der Verkäufer mit einem Preisabschlag von 20 bis 40 Prozent rechnen. Auch von den vor allem in Deutschland und Grossbritannien aufgelegten Weinfonds rät Schwander ab; diese investierten oft in zweitklassige Weine und schlechte Jahrgänge. Mein Rat: Kaufen Sie sich schöne Weine, lagern Sie diese bis zur Trinkreife – und leeren Sie die Flaschen mit guten Freunden. Doch Hände weg von Bordeaux-Spekulationen.

Vergangenen April habe ich vor den Absturzgefahren des Dauer-Höhenfliegers Google gewarnt. Nachdem die Aktien tatsächlich für einige Wochen unter starken Abgabedruck geraten waren, setzten sie ihre Hausse fort; seither haben die Valoren der führenden Internetsuchmaschine weitere 40 Prozent zugelegt. Nun warne ich erst recht vor der Google-Manie. Die Firma wird von der Börse mit 79 Milliarden Dollar bewertet. Und der Gegenwert? 3,2 Milliarden Dollar Umsatz, 0,6 Milliarden Gewinn. Die gerade mal sieben Jahre junge Google wird fast so hoch bewertet wie Time Warner. Nur erwirtschaftet der weltgrösste Medienkonzern 13-mal mehr Umsatz und 10-mal mehr Gewinn.

«In Google steckt halt viel Zukunftsmusik drin», hat mir ein Analyst den hohen Kurs zu erklären versucht. Das muss aber sehr viel Zukunft sein. Zu einem Kurs von 284 Dollar werden die Aktien mit dem 90fachen des für dieses Jahr zu erwartenden Firmengewinns bewertet. Was den bekannten Internetanalysten Terry Heath nicht davon abgehalten hat, das Kursziel pro Google-Papier auf 350 Dollar hochzuschrauben. Erst auf diesem Niveau, so der im Solde der Credit Suisse First Boston (CSFB) stehende Heath, seien die Titel realistisch bewertet. Ob dieser enthemmte Optimismus wohl etwas damit zu tun hat, dass CSFB bei Google als Emissionsbank gewirkt hat?

Es ist bestimmt nur ein Zufall, dass CSFB vor wenigen Wochen auch Baidu an die Börse gebracht hat. Der Börsenstart des chinesischen Internetsuchmaschinen-Betreibers hat für weltweites Aufsehen gesorgt. Die Aktien des Google-Pendants explodierten am ersten Handelstag um 350 Prozent! Zwar sind die Kurse wieder zurückgekommen, doch weisen die Titel immer noch ein absurdes Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 1700 auf. Dennoch empfehlen einige Analysten Baidu frischfröhlich zum Kauf. Die Banken wollen es mit der Internetbranche nicht verderben; die Betreuung von Going-publics gehört nun mal zu den lukrativsten Geschäften.

Bei der Bewertung solcher Aktien müsse ich, so sagte mir ein Analyst, die zwar ferne, doch fraglos viel versprechende Zukunft in Rechnung stellen. Solche Sprüche wurden schon vor der Jahrtausendwende geklopft, als die Banken versuchten, mittels flugs ersonnener neuer Bewertungsmodelle ihre Kunden zum weiteren Kauf der völlig überteuerten Internettitel zu bewegen. Der Rest ist bekannt: Im Frühling 2000 zerplatzte die Internetblase, die Weltbörsen torkelten in die Tiefe. Wir scheinen nichts dazu gelernt zu haben.

Vor fünf Monaten empfahl ich die Aktien des Zuger Unternehmens Xstrata zum Kauf. Die Rechnung ist schneller aufgegangen, als ich erwartet habe: Die Papiere sind seither um über einen Drittel im Wert gestiegen. Bei solchen Renditen rate ich üblicherweise zur Gewinnrealisation. Xstrata jedoch sind noch längst nicht ausgereizt. Das zeigt sich gerade am Ausweis für das erste Halbjahr: Der Umsatz stieg um 28 Prozent, Ebit und Reingewinn wurden sogar um 73 Prozent höher ausgewiesen. Das glanzvolle Resultat ist eine Folge der hohen Rohwarenpreise. Doch nicht nur die ausgesprochen schlanke Unternehmensstruktur schlägt sich in entsprechend tiefen Kosten nieder.

Xstrata-CEO Mick Davis ist zwar mit seinem Versuch, die australische Bergbaugesellschaft WMC zu übernehmen, gescheitert. Doch das hat den Expansionshunger des 47-Jährigen nicht gedämpft. Jüngst erwarb Xstrata für 2,1 Milliarden Franken einen Fünftel am kanadischen Bergbaukonzern Falconbridge. Davis schätzt das Unternehmen wegen seiner breiten Diversifikation sowie der starken Position im Kupfer- und Nickelgeschäft. Mich würde nicht überraschen, wenn Xstrata schon bald die Mehrheit an Falconbridge übernehmen würde. Die Xstrata-Aktien dürften den Anlegern noch viel Freude bereiten. Die Zeit für den Ausstieg ist erst dann gekommen, wenn die Preise für Rohwaren zu kippen beginnen.

Ihr Frank Goldfinger

Fragen, Anregungen, Probleme oder Informationen? Unsere Adresse: bahnhofstrasse@bilanz.ch

Anzeige